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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

461. Freitagsbrief (vom Februar 2005, Übersetzer unbekannt).

Ukraine
Gebiet Chmelnizkij
Bezirk Starosinjawskij
Gnat Sidorowitsch Bessmertnyj.

Sehr verehrte Mitglieder des Vereins für Kontakte zu den Ländern der ehemaligen Sowjetunion sowie dem ganzen deutschen Volk, das unsere Leiden in der Gefangenschaft nicht vergessen hat,

es schreibt der ehemalige Kriegsgefangener Bessmertnyj Gnat Sidorowitsch. Ich habe Ihre Hilfe erhalten. Vielen Dank! Das deutsche Volk kümmert sich um uns. Ich habe auch ein Schreiben erhalten, mit der Bitte, über meinen Lebensweg zu berichten. Ich bin sehr krank. Ich bin 84 Jahre alt. Meine Hände funktionieren praktisch nicht mehr. Trotzdem bin ich bereit, etwas zu schreiben. Sie haben mir doch geholfen.

Die Gefangenschaft ist kein Kurort. Dort habe ich alles erlebt. Ich wurde am 10. Juli 1942 gefangen genommen. Die Deutschen waren damals an der Front im Übergewicht. Unsere Armee zog zurück. Bei einem Rückzug im Gebiet Woronesh bin ich in Gefangenschaft geraten. Ich habe mehrere Lager gewechselt, darunter ein Lager in einem ehemaligen sowjetischen Gefängnis. Meine Zwischenstation war Poltawa [1], wo ich in den sowjetischen Lagerhallen untergebracht wurde. Das war im Sommer. Es war sehr regnerisch. Wir haben einmal täglich das Essen bekommen. Das waren fast Speisereste. Wir wurden zur Arbeit herangezogen. Einige arbeiteten auf einem Flugplatz. Es verbreiteten sich Gerüchte, dass dieses Lager schlecht ist und man möglichst wegkommen muss. Im Winter wurde es härter. In unseren Baracken lebten etwa 1000 Männer. Viele starben vor Kälte. Später wurden wir zusammengetrieben mit dem Ziel, uns in den Tod zu bringen. [2] Wir stiegen in die Waggons ein, 50 Männer pro Waggon. Die Wagons waren damit überfüllt. Man konnte weder sitzen noch liegen. Ich weiß nicht genau, wie viele Tage wir unterwegs waren. Die ganze Zeit waren die Waggons zu. Als die Türen in Deutschland geöffnet wurden, waren zahlreiche Tote zu beklagen. Ich glaube, sogar die Hälfte der Häftlinge war tot. Die Leichen wurden in der Nähe in langen Gräben bestattet.

Bereits in Poltawa habe ich einen Bekannten aus unserem Dorf getroffen. Wir konnten uns unterhalten. Als wir das Reiseziel erreicht haben, wurden wir wieder zusammengetrieben. Ein russischer Dolmetscher kam nach vorne und sagte, dass wir gleich noch 8 km zu Fuß gehen müssen. Wir konnten uns einfach nicht bewegen. Ich sagte meinem Freund: „Machen wir es so: wir müssen uns einander an den Händen fassen und auf diese Weise langsam gehen. Jeder wird den Nachbarn unterstützen“. Auf diese Weise erreichten wir das Lager [Der Beschreibung nach Stalag 326 Senne]. Das war fast eine Stadt: unzählige Baracken bis zur Horizontlinie. Wir durften dann das Waschhaus besuchen. Anschließend wurden wir registriert. Ich erhielte eine Nummer, die ich bis heute nicht vergessen habe. Sie lautete 78635. Danach wurden wir zur Arbeit gezwungen. Ich wollte mit dem Freund in einem Team arbeiten. Das war aber nicht der Fall. Meine Beschäftigung dauerte nicht lange. Eines Tages kamen zwei Lkws mit Anhängern. Wir wurden in ein anderes Lager gebracht, das übrigens ganz ähnlich aussah. Unter uns verbreiteten sich Gerüchte, dass das Lager Nähe von Bocholt liegt. Danach wurden wir in ein weiteres Lager bei Essen überwiesen. Wir wurden wieder für die Arbeit rekrutiert. Es gab unterschiedliche Arbeit. Es kam darauf an, was man für einen Arbeitgeber hatte. Manche Deutsche waren ganz nett und freundlich, die anderen etwas böse. Manchmal waren die Verhältnisse genauso hart wie an der Front. (…) [3]

Ich habe bei den verschiedenen Firmen gearbeitet wie Alfred und Heinrich Pass; Andreas und Gugn; Alfred Krupp; von Bohlen und Halbach. Die Fabrikeigentümer hatten bestimmt Kinder und Familien. Ich würde auch ihre Nachkömmlinge in die Hilfeaktion mit einbeziehen. Sie können sich mit Ihrer Organisation in Verbindung setzen und ihren Beitrag leisten. Ich bitte darum, die Hilfe dann direkt an meine Adresse zu übermitteln. Ich habe doch bei diesen Firmen 3 Jahre lang gearbeitet. Sie haben für meine Arbeit nichts bezahlt.

Solange ich noch am Leben bin, möchte ich mich gerne mit Ihren Vertretern treffen. Man kann nicht alles in einem Brief erzählen. Ich bin für die Hilfe sehr dankbar. Bei uns ist alles heute kostenpflichtig. Für jede Bescheinigung, für jedes Stückchen Papier muss man etwas zahlen. Die Formalitäten für die staatliche Fürsorge werden in der Gebietshauptstadt erledigen. Ich muss jedes Mal dorthin auf eigene Kosten fahren. Die staatliche Hilfe ist bei weitem nicht ausreichend, deshalb ist Ihr Geld sehr rechtzeitig angekommen.

Als die US-Truppen ihre Invasion in Deutschland begannen, wurde unser Lager zur Evakuierung vorbereitet. Wir haben wieder zahlreiche Lager gewechselt, immer zu Fuß, 2 Monate lang, vom 5. März bis zum 5. Mai 1945. Wir haben 50–60 km täglich erobert und haben keine einzige Stadt gesehen. Es gab nur Dörfer. (…) [4] Es kam die Befreiung. Die US-Amerikaner haben uns nach Schleswig-Holstein überwiesen.

Ich könnte noch mehr schreiben. Ich bin aber nicht sicher, dass der Brief gut ankommt. Wenn Sie diesen Brief erhalten haben, schreiben Sie bitte ein paar Rückzeilen. Bitte machen Sie dies auf Ukrainisch, weil bei uns keine Übersetzer zu finden sind.

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[1] Stalag 357

[2] So steht im Original (Übersetzer)

[3] Hier sind ein Paar Sätze ausgelassen, die völlig unlesbar sind. Es geht im Text hochwahrscheinlich darum, dass während eines Luftangriffes unter anderem das Schulgebäude zerstört wurde. (Übersetzer)

[4] Etwa 4 Sätze sind völlig unlesbar (Übersetzer).

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