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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

460. Freitagsbrief (vom Oktober 2009, aus dem Russischen von Valerie Engler).

Russland
Kreis Zabaikal
Serafim Abakumowitsch Fedotow.

[…]

Diesen Brief schreibt Ihnen der Veteran des Großen Vaterländischen Krieges Serafim Abakumowitsch Fedotow.

Ich möchte Ihnen mitteilen, dass ich Ihren Brief aus Deutschland bekommen habe. Er hat mich sehr berührt. Es ist sehr ergreifend und bedeutsam für mich, dass es 65 Jahre nach Kriegsende in Deutschland Menschen gibt, die sich der Geschichte bewusst sind und die mehr über das Leid und die Qualen der Soldaten in der Gefangenschaft erfahren möchten.

Ich habe mich mit 19 Jahren freiwillig an die Front gemeldet, um mein Vaterland zu verteidigen. Aber ich sollte nicht lange bei den Luftlandetruppen kämpfen. 1942 wurde ich bei einem Luftlandeeinsatz im Gebiet Smolensk verwundet und geriet in Gefangenschaft.

Die Unfreiheit bedeutet für jedes Lebewesen schreckliches Leid. Die Lebensbedingungen waren unerträglich. Wir mussten die Stiefel und Mützen abgeben und bis zum Wintereinbruch zwangen sie uns, barfuß zu laufen. Die Versorgung war schlecht: ungesalzene Balanda aus Mehl und etwa 150 g Brot, wenn man das Brot nennen kann. Wir arbeiteten bei jedem Wetter. Wer nicht mehr konnte, von Hunger und Krankheit entkräftet war, wurde getötet und in einen Graben geworfen.

All dieses Leid, psychisches wie physisches, das wir in der Gefangenschaft durchleben mussten, kann man nie wieder vergessen und es lässt sich nicht auf einem Blatt Papier beschreiben.

Die Gefangenen mussten Straßen bauen und ausbessern, Holz fällen, im Steinbruch arbeiten, Flugplätze in Stand setzen, Häuserruinen abtragen, in Werkstätten arbeiten.

Wir wohnten in eilig gezimmerten Baracken, manchmal auch einfach unter freiem Himmel auf einem Feld, das von Stacheldraht umzäunt war. Auf den Wachtürmen standen Wachposten, und Aufseher mit gut ausgebildeten Hunden machten jeden Gedanken an eine Flucht zunichte. Wenn jemand die Flucht gelang, dann fingen sie ihn wieder ein, erschossen ihn vor aller Augen und das ganze Lager bekam kein Essen. Die Gefangenen im Lager halfen einander gegenseitig, so gut sie konnten. […] Als die deutschen Truppen den Rückzug Richtung Westen antraten, trieben sie die Gefangenen mit sich. Ich bin in der Unfreiheit durch die Bezirke Ljudinow, Shisdra, Brensk, Minsk, Bialystok in Polen und viele Feldlager in Deutschland gezogen.

In drei Jahren Gefangenschaft wusste in meiner Heimat niemand etwas von mir. Meine Mutter, die fünf Söhne an die Front geschickt hatte, bekam nur für mich keine Todesnachricht. Als sie nachfragte, bekam sie beim Wehrkommissariat folgende Antwort: „Vom Kampffeld nicht zurückgekehrt“. Die zweite Nachricht war: „Vermisst gemeldet“.

Zu Frühlingsbeginn 1945 befreiten sowjetische Truppen die Stadt Kotzenau [Chocianów] und unser Lager, das die Deutschen eilig verlassen hatten, ohne es vernichten zu können. Nach der Überprüfung durch die Sonderabteilung kam ich ins 362. Garderegiment als Flakartillerist und blieb bis 1946 in Deutschland im Sudetenland. Wir waren bei der Zivilbevölkerung in den Häusern einquartiert. Während der Zeit in der Gefangenschaft und danach beim Armeedienst habe ich ein wenig die Sprache gelernt, konnte verstehen und sprechen. Ich sah, wie die einfachen Deutschen lebten, erlebte ihren Alltag, ihre Bräuche und Kultur.

Was auch immer gesagt wird, ich habe meine eigene Meinung von diesem Volk. Der Ort, an dem wir stationiert waren, war vom Krieg verschont geblieben, dort lebten die Menschen ihr normales Leben. Überall herrschte außergewöhnliche Sauberkeit, in den Häusern, auf den Straßen, auf den Bauernhöfen, im Wald, einfach überall, wohin man auch blickte. Die Menschen hatten eine hervorragende Alltagskultur. Wie in den Familien miteinander umgegangen wurde, zeugte von guten familiären Grundsätzen. Die Menschen waren außergewöhnlich fleißig und arbeitsam. Sie waren den sowjetischen Soldaten wohlgesonnen. Ich war Offiziersbursche und der Offizier und ich waren bei einer Familie untergebracht. Die Mutter der Familie hieß Frau Frieda, die Tochter Elsa, der Sohn Ernst. Der Ort hieß glaube ich Dorf.

1946 wurde ich auf Stalins Befehl hin zurück in die Heimat geschickt, ich sollte bei der Eisenbahn arbeiten, um am Aufbau der Volkswirtschaft mitzuwirken. Dann heiratete ich. Wir haben drei Kinder großgezogen. Jetzt bin ich 88 Jahre alt. Meine Frau ist vor acht Jahren gestorben, meine jüngste Tochter wohnt bei mir. Ich habe eine gute Wohnung, eine angemessene Rente und mir fehlt es an nichts. Uns Kriegsveteranen begegnet man mit großem Respekt.

Seit Kriegsende sind 65 Jahre vergangen, aber in der ganzen langen Zeit habe ich nie die schrecklichen Tage in der Gefangenschaft vergessen. Das Schicksal hat es gut mit mir gemeint. Ich bin am Leben geblieben. Gebe Gott, dass sich so etwas niemals wiederholt. Mögen alle Völker der Erde in Frieden und Einverständnis leben und unsere Kinder, Enkel und Urenkel sollen nie erfahren, was Krieg bedeutet.

Mit den besten Grüßen,

S. A. Fedotow.

P.S. Den Brief hat die Tochter Nina Serafimowa nach Vaters Worten geschrieben.

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