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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

458. Freitagsbrief (vom April 2015, aus dem Russischen von Jennie Seitz).

Wassilij Grigorjewitsch Tschenzow
Russland
Kreis Krasnodar.

Ich, Tschenzow Wassilij Grigorjewitsch, geboren am 03.10.1921, lebte in der Stadt Naltschik, in der autonomen Sowjetrepublik Kabardino-Balkarien, wo ich das pädagogische Institut besuchte und im Juni 1941 abschloss. Nach dem Abschluss wurde es mir durch das Militärkommissariats auf Grund der bevorstehenden Mobilisierung untersagt, die Stadt zu verlassen. Am 06.10.1941 wurde ich in die Armee einberufen und nach Jejsk geschickt, wo die 6. Luftabwehrbrigade formiert wurde. Wegen der Angriffe der deutschen Luftwaffe und der Bombardierungen wurden wir bald nach Jessentuki im Kraj Sewastopol versetzt, wo ich meinen Dienst leistete.

Im Frühling 1942 verlegte man unsere Einheit in die Gegend bei Anapa, bereitete uns auf das Übersetzen auf die Krim vor. Aber das Übersetzen fand nicht statt, weil unsere Truppen die Stadt Kertsch aufgeben mussten. Bald wurde uns mitgeteilt, dass unsere 6. Luftabwehrbrigade in die 33. Gardeschützendivision umbenannt worden war und man uns zur Weiterbildung als Schützen nach Kalatsch am Don schicken würde. Im Juni und Juli 1942 kämpften wir gegen den deutschen Sturm auf Stalingrad. Ende Juli gelang den Deutschen weiter südlich ein gewaltsamer Flussübergang über den Don, und sie besetzten mit einer Panzerkolonne Kalatsch am Don sowie den Flussübergang. Wir konnten nicht noch in derselben Nacht die deutsche Abwehr zerschlagen. In den darauf folgenden Tagen waren die Deutschen uns kräftemäßig überlegen. Sie beschossen unsere Stellungen von ihren Panzern aus und fügten uns großen personellen und technischen Schaden zu. Unsere Führung beschloss, die Wirkungskraft unserer Division im Schutz der Dunkelheit aus der Kampfzone zu bringen und schickte sie in Richtung Surowikino, wo sich Abteilungen aus verschiedenen Divisionen sammelten und wo in der Folge die 62. Armee zur Verteidigung Stalingrads formiert wurde (aus den Erinnerungen Shukows und anderer Führungspersönlichkeiten im Krieg).

Der zurückgebliebene Verband konnte nicht den angemessenen Widerstand leisten. Ich erlitt eine schwere Schädelprellung und geriet so in Gefangenschaft. Als ich zu mir kam, sah ich, dass wir mit Wunden und Prellungen am Rande eines kleinen Ackers lagen und nicht weit weg deutsche Soldaten mit Maschinengewehren über der Schulter umherliefen – das war der Wachschutz. Am nächsten Tag wurden alle Verletzten in drei große deutsche Autos geladen und in das KZ Millerowo [berüchtigtes Dulag in der Nähe von Rostow] gebracht.

Nach einer Woche wurden wir in Waggons verfrachtet und ins KZ Charkow [Dulag 201] gebracht, welches sich auf dem Gelände eines ehemaligen Gefängnisses bei Cholodnaja Gora [„Kalter Berg“] befand. Im Herbst, Ende Oktober, lud man uns wieder in Waggons und brachte uns nach Sumy (Ukraine) [Stalag 308]. Dort starben sehr viele Gefangene an Fleckfieber. Ich habe überlebt, weil ich als Kind an Fleckfieber erkrankt war.

Anfang Januar 1943 kamen wir nach Slawuta [Stalag 357], wo auf dem Gelände einer ehemaligen Kavallerieabteilung ein KZ eingerichtet worden war. Ende Februar 1943 heizte man eine Banja für uns ein, kochte unsere Kleidung aus, um uns dann in Waggons zu laden und nach Deutschland zu bringen, in die Stadt Lamsdorf [Stalag VIIF(318) Oberschlesien], wo es ein großes Durchgangslager gab.

Mitte März 1943 wurden wir nach Katowice (Polen) gebracht, zum Arbeiten in Kohlewerken. Dort arbeitete ich bis Dezember 1944. Anfang Dezember stürzte die Grube ein, in der ich arbeitete. Durch den Druck der Luftwelle wurde ich gegen die Fördermaschine geschleudert, eine Konstruktion aus Metallträgern. Ich hatte Glück: Ich geriet mit dem Kopf unter die Fördermaschine, wo es keine Stützstreben gab, sondern nur einen großen Haufen Kohlesplitter. Mein Kopf durchstieß die Kohle, ich kam auf der anderen Seite raus und verlor das Bewusstsein. So lag ich dort bis zum Ende der Schicht, bis der deutsche „Steiger“ [dt. im Original] den Gefangenen befahl, mich in den Hunt zu legen und zum Aufzug zu bringen. Ins Lager wurde ich auf einer Lastfuhre transportiert. Am Tag darauf bekam ich Fieber, und noch einen Tag später wurde ich in ein Isolierungshospital für Gefangene mit Tuberkuloseinfektion gebracht. Gefangene, die an Tuberkulose erkrankten, kamen in den Tuberkuloseblock im zentralen KZ Lamsdorf, wo es nur eine Hoffnung gab – den Tod. In Lamsdorf wurden wir Ankömmlinge geröntgt. Von den 22 Menschen, die dorthin gebracht worden waren, kamen nur drei in den Genesungs-, die anderen 19 in den Tuberkuloseblock. Einer von den dreien war ich. Meine Lungen waren sauber.

Anfang März 1944 wurde ich zusammen mit drei anderen Gefangenen ins KZ Eichtal [Arbeitskommando in der Nähe von Oppeln pol. Dąbrówka Górna] gebracht und musste in der Landwirtschaft arbeiten. Dort waren bereits 19 Gefangene, und wir vier kamen dazu. Wir waren also 23 Menschen. In diesem Lager arbeiteten wir bis Mitte November 1944, dann wurden wir in einer Kolonne aufgereiht und nach Westen getrieben. Wir machten bei Bautzen (Deutschland) halt. Man trieb uns zum Schaufeln von Schützengräben für die deutsche Armee, die sich auf dem Rückzug befand. Mitte April ließ man uns antreten und trieb uns wieder Richtung Westen. Vor der Kolonne aus Kriegsgefangenen gingen zivile Gefangene. Plötzlich tauchten drei sowjetische Flugzeuge auf und nahmen die Kolonne unter Beschuss, die vor den Zivilisten ging. Das war wohl eine Militärkolonne. Als die Flugzeuge wieder weg waren, rannten alle Zivilisten Richtung Wald davon. Die Kriegsgefangenen rannten auch los, darunter meine Kameraden und ich. Wieder tauchten die Flugzeuge auf und gaben uns Rückendeckung, so dass wir uns in dem jungen Kiefernwald verstecken konnten.

Viele Gefangene sind damals entkommen. Ich und fünf andere Kameraden beschlossen, uns auf einem großen bewaldeten Berg zu verstecken. Am dritten Tag beschlossen wir, etwas weiter herunterzusteigen, näher an ein Gebäude heran und den vorbeifließenden Bach. Wir versteckten uns hinter einem Busch und sahen eine Frau, die den Weg entlang in Richtung des Gebäudes lief. Ich beschloss ihr entgegenzutreten. Sie erschrak erst, aber als sie erfuhr, dass ich ein Kriegsgefangener war, und meine Kleidung bezeugte das, sagte sie: „Krieg kaputt! Hitler kaputt! Dort kommen Maschinen russisch!“ [dt. im Original] Ich dankte ihr und rannte zurück zu meinen Kameraden. Ich freute mich ihnen ihre Worte zu überbringen: „Der Krieg ist vorbei! Hitler kaputt! Russische Autos kommen!“ Danach traten wir selbstbewusst auf die Straße. Von dem Haus kam uns dieselbe Frau mit einem Eimer entgegen. Sie brachte uns einen fast vollen Eimer mit gekochten Kartoffeln. Unsere Dankbarkeit war grenzenlos! Wir aßen etwas und machten uns auf den Weg Richtung Osten.

Am zweiten Tag unserer Wanderung holte uns ein PKW ein. Ein russischer Offizier mit goldenen Abzeichen stieg aus dem Auto. Wir konnten unsere Blicke nicht von ihm abwenden. Solch eine Uniform sahen wir zum ersten Mal. Er grüßte uns, fragte, wohin wir unterwegs seien. Aber wir wussten es selbst nicht. Er erklärte uns, wir sollten nach Bautzen gehen und deutete in Richtung Westen. Er spendierte uns ein paar Zigaretten und sagte, dass wir uns vielleicht in Bautzen wiedersehen würden. Wir brauchten drei Tage bis in die Stadt. Dort war das Quartier einer sowjetischen Armeeeinheit eingerichtet. Wir meldeten uns. Man registrierte uns und zeigte uns, wo wir schlafen sollten und wo gegessen wurde. Am dritten Tag wurden wir einzeln in das Stabsquartier gerufen, wo man unsere Daten aufnahm. Jeder von uns musste erzählen, wo er gekämpft hatte, in welcher Einheit, und wie er in Gefangenschaft geraten war.

Dann wurden wir dem 234. Ersatzregiment zugewiesen, um uns auszukurieren, wo wir bis Juni 1945 blieben. Nach dem Ersatzregiment teilte man uns auf unseren eigenen Wunsch hin verschiedenen Kampfeinheiten zu, wo wir unseren Dienst fortsetzten. Ich kam als Telefonist in das 11. Panzerregiment, dort war ich zwischen Juni 1945 und November 1945. Im November wurde ich per Erlass des Präsidiums des Obersten Sowjets demobilisiert und nach Hause geschickt.

Nach dem Krieg heiratete ich, wir bekamen zwei Kinder, ich arbeitete als Grundschullehrer.

Jetzt bin ich 93 Jahre alt, lebe bei der Familie meines Sohnes, meine Frau und Tochter sind vor langer Zeit verstorben. Ich bin wegen einer Erkrankung an den Beinen seit vielen Jahren bettlägerig. Ich habe vier Enkelkinder, elf Urenkel und vier Ururenkel. Viele von ihnen sehe ich regelmäßig, manche nur zu Familienfeiern. Einer meiner Enkelsöhne hat einen Militärberuf ergriffen und nimmt bereits zum fünften Mal in Folge an der Parade zum 9. Mai in Moskau teil, was mich und unsere ganze Familie natürlich mit Stolz erfüllt.

25.04.2015.

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