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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

457. Freitagsbrief (vom Juli 2015, aus dem Russischen übersetzt von Jennie Seitz).

Aleksej Nikitowitsch Galanow
Gebiet Wladimir
Russland.

Verehrte Mitglieder des Vereins KONTAKTE-KOHTAKTbI und alle Bürger Deutschlands, die an diesem Projekt mitgewirkt haben!

Aus tiefstem Herzen möchten wir uns bei Ihnen vielmals für die humanitäre Hilfe in Höhe von 300 Euro und Ihren freundlichen Brief bedanken. Leider erlebt mein Vater Galanow Al. Nik. den heutigen Tag nicht. Er verstarb mit 93 Jahren. Ihnen schreibt sein Sohn Galanow Aleksej Aleksejewitsch, geb. 1952, der bis zuletzt an seiner Seite war und mit ihm zusammen in einem kleinen Dorfhaus gelebt hat und bis heute dort lebt.

Wie oft hat Vater uns von dem Großen Vaterländischen Krieg erzählt, von der Zeit in Kriegsgefangenschaft, mit Tränen in den Augen. Als der Krieg begann, wurden nämlich sein Vater und er mit seinen vier Brüdern an die Front geschickt. Der Vater wurde 1943 nach einer großen Schlacht als vermisst verzeichnet, er selbst kehrte gemeinsam mit seinen Brüdern nach dem Krieg zurück in sein Heimatdorf, wo er sein ganzes restliches Leben der Erde gewidmet hat, als Mähdrescherfahrer arbeitend. Er hat zwei Söhne und zwei Töchter großgezogen, hat seine Urenkelinnen noch erlebt.

In seinen Erinnerungen hat er nicht immer schlecht über die Deutschen geredet, manchmal erzählte er mit Verständnis und Wärme. Einmal hatte Vater bei der Getreideausladung ein paar Handvoll in seinem Stiefel verschwinden lassen und dabei nicht bemerkt, wie der bewaffnete Aufseher von hinten an ihn herangetreten war. In solchen Fällen wurden die Gefangenen erschossen und nochmal erschossen. Aber der ältere deutsche Soldat sagte etwas auf Deutsch und tat so, als hätte er nichts gesehen. Später in der Baracke konnte er lange nicht fassen, dass er noch am Leben war. Es gab noch viele weitere Fälle, wo die deutschen Soldaten, vor allem ältere, versuchten, kleine Verstöße einfach nicht zu bemerken. Darüber hat er immer voller Dankbarkeit gesprochen. Denn das Leben in Gefangenschaft hing ja immer am seidenen Faden.

Und auch unsere Mutter, die ihr ganzes Leben als Lehrerin für die jüngeren Klassen in der Dorfschule gearbeitet hat, bemühte sich stets uns beizubringen, dass es keine guten oder schlechten Nationen gibt, sondern nur gute oder schlechte Menschen. Sie und mein Vater haben ihr Leben lang in Frieden und Einvernehmen zusammengelebt und uns zum Glauben an das Gute und Anständige im Menschen erzogen. In diesem Glauben wurden wir durch Ihren Verein bestätigt.

Eines Tages kam ich von der Arbeit nach Hause und fand meinen Vater mit Tränen in den Augen vor, aber es waren Tränen des Glücks. Auf dem Tisch lag Ihr Brief von 2006. Und später erzählte er stolz allen seinen Verwandten und Bekannten, dass man ihm tatsächlich aus Deutschland 300 Euro zugeschickt hat. Sein ganzes Leben hat er ja auf dem Dorf verbracht, und niemals hätte er sich träumen lassen, einmal so ein Geschenk zu bekommen, und dann auch noch in ausländischer Währung. Da habe ich gespürt, wie etwas in ihm geschmolzen ist und die negativen Erinnerungen an die Gefangenschaft in den Hintergrund gerückt sind. Es ist natürlich traurig, dass er diesen Ihren Brief und den Beschluss der deutschen Regierung nicht mehr erlebt hat, aber wenn es die Möglichkeit gibt und es mit Ihren Gesetzen irgendwie vereinbar ist, könnte ich vielleicht zumindest einen Teil der Auszahlung entgegennehmen, die meinem Vater zustehen würde.

Wenn das nicht möglich ist, trotzdem großen Dank an Sie, Ihren Verein, an Herrn Radczuweit und alle Bürger Deutschlands, die sich daran beteiligt haben.

Hochachtungsvoll

die Kinder, Enkel und Urenkel des ehemaligen sowjetischen Kriegsgefangenen Galanow Al. N.

Ich bestätige, dass Ihr Brief vom 04.06.2015 eingegangen ist. Die Adresse ist korrekt.

Mit den besten Grüßen

Galanow Aleksej Aleksejewitsch.

01.07.2015.

[Anbei Familienfoto mit rückseitiger Aufschrift: „Einen riesigen Dank von den Enkeltöchtern und den Urenkelinnen an Sie und Ihren Verein KONTAKTE-KONTAKTY …“].

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