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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

455. Freitagsbrief (3 Briefe vom Dezember 2005 bis April 2006).

Ukraine
Gebiet Riwne
Pawel Stepanowitsch Wasiltschenko.

Guten Tag, sehr geehrte Frau Dr. Hilde Schramm und Herr Eberhard Radczuweit,

Entschuldigen Sie uns bitte, dass wir so lange auf Ihren Brief nicht geantwortet haben. Ich bin die Ehefrau von Herrn Pawel Stepanowitsch Wasiltschenko. Er ist immer noch sehr schwach. Vor kurzem hat er einen Schlaganfall überlebt. Wir leben im Dorf und müssen uns allein um unseren Haushalt kümmern. Wir sind aber schon alt.

In unserem Land fühlen wir uns nicht vollwertig. Wir sind wie am Rande der Straße des Lebens, obwohl gerade unsere Generation dieses Land ohne Rücksicht auf das eigene Leben verteidigt und wiederaufgebaut hat. Wir sind für Ihre Hilfe dankbar. Es geht aber nicht ums Geld,sagte mein Ehemann. Hauptsache, die Kinder derer, die uns schlechter als Hunde behandelten, haben die schrecklichen Taten der früheren Generation begriffen. Wir lebten in einem Land, wo brüderliche Beziehungen herrschten. „Der Mensch ist einem anderen Mensch Freund, Kamerad und Bruder!“ Wir sind in diesem Wertesystem groß geworden. Und dann haben wir plötzlich eine solche unmenschliche Brutalität erlebt.

Mein Ehemann erzählte, dass er zu Beginn des Krieges bei Resekne im Baltikum diente. Es war Sonntag, Zeit für Spaziergänge und Erholung. Plötzlich fielen Bomben, rollten Panzer. Das war völlig unerwartet. Es kam zur Panik. Einige schafften es, in LKWs einzusteigen. Sie wurden von Panzern überrollt. Andere flohen zu Fuß und versteckten sich in Senken in einem nahen Wald. Sie wurden auch dort angegriffen. Sie liefen weiter, ins Feld. Am Himmel erschienen Flugzeuge und töteten die Soldaten. Mein Ehemann und sein Freund liefen zusammen. Mein Mann rief laut: „Ihr musst in verschiedene Richtungen laufen!“ Der deutsche Flieger hat den Freund meines Mannes erschossen und wendete sich. Damit hat mein Mann einige Sekunden gewonnen. In vollem Tempo fiel er in einen Trichter. So hat er überlebt. Dann durcheilte er Moore, erlebte weitere Bombenangriffe, wurde nicht nur einmal verfolgt. Viele Soldaten wurden gefangen genommen und sofort getötet. Vielleicht schien es der einfachere Weg zu sein. Es bildete sich eine Gruppe von ein paar hungrigen jungen Männern. Eines Nachts passierten sie ein Feld, um etwas Getreide zu ergattern. Sie aßen Korn und gingen weiter. Sie sahen einen Bauernhof und gingen rein, um Wasser zu trinken. Sie fanden einen Eimer Milch. Ein Hund bellte. Der Hausbesitzer kam raus. Er erlaubte, die Milch zu trinken und holte zusätzlich Brot. Er erlaubte, dass die Soldaten in seinem Stall übernachten. Der Mann versprach, der Gruppe am nächsten Morgen die Umwege über einen Waldpfad zu zeigen. Am Morgen übergab er alle Soldaten den deutschen Brückenwächtern. Einer versuchte zu fliehen und wurde sofort erschossen. So begann die Kriegsgefangenschaft meines Mannes: Endlose Verlegungen von einem Lager ins andere. Ein Lager bestand aus großen Zellen, mit Stacheldrahtreihen voneinander getrennt. Es war ein offenes Feld ohne Möglichkeit, sich unterzustellen. Auf dem Boden lag Stroh mit viel Ungeziefer. Bei Regen hat mein Mann zusammen mit seinem Freund auf einem Militärmantel geschlafen. Am Morgen war unter dem Mantel eine körperwarme Pfütze. Ich glaube, gerade zu dieser Zeit wurde mein Ehemann tuberkulosekrank. Er ist von Geburt athletisch gebaut und hat in der Schule Sport getrieben. Dann diente er in der Armee und nahm am Finnischen Krieg teil, in Frost und Schnee. Er war immer noch relativ gesund. Im Lager fühlte er sich wegen des Hungers schon schlechter. Um aufzustehen, brauchte er drei Anläufe und noch zusätzliche Hilfe von den Kameraden. Mein Mann hat gerechnet: Ich kann dies nur noch maximal drei Tage überstehen. Die Bewegungsunfähigen wurden an eine Stelle außerhalb des Zaunes geschleppt und dort gestapelt. Noch lebende Menschen wurden mit Kalk überschüttet. Manchmal wurden die Menschen mit einer Karre abtransportiert. Das machte entweder die Wachmannschaft oder rekrutierte Kriegsgefangene. So wurde alles Menschliche in den Menschen abgetötet.

Mein Mann hat durch ein Wunder überlebt. Eine Menschenmenge schob ihn nach vorne, als die Arbeiter für eine Zuckerfabrik ausgewählt wurden. Dort zwangen die Kameraden sich gegenseitig, Zucker zu essen und reichlich Wasser zu trinken. So retteten sie sich. Dann haben sie die Verbindung zu Einheimischen aufgenommen. Die Frauen warfen das Essen über den Zaun und bekamen dafür Zucker. Die Menschen finden immer eine Brücke – trotz aller Ideen der Führer.

Es ist schwer im Rahmen eines Briefes zu beschreiben, was mein Mann erlebt hat. Wenn Sie wünschen, mit uns weiter in Kontakt zu bleiben, werde ich in einem nächsten Brief mehr schreiben.

Hochachtungsvoll

Nadeshda Trofimowna

Brief 2

Guten Tag, sehr geehrter Dmitri,

wir haben Ihren Brief bekommen. Vielen Dank für die guten und aufrichtigen Wünsche! Ich bitte um Entschuldigung für die verspätete Antwort. Wir haben einen sehr kalten Winter gehabt. Es hat viel geschneit. Mein Ehemann und ich sind alte Menschen. Uns fällt es schwer, jeden neuen Winter zu überstehen. Zudem ist im Fundament des Hauses eine Wasserleitung gefroren. Eine lange Zeit haben wir das Wasser vom weit entfernten Brunnen getragen. Ich bin krank geworden. Ich habe diese Belastung nicht ertragen. Man muss alles selbst machen.

Vor kurzem hatten wir Wahlkampf. Das war ein Alptraum. Bei uns gibt es so viele Parteien wie Sterne am Himmel. Jede Partei brachte tonnenweise Werbebroschüren und versprach uns das Paradies. Sie wissen es dank der Massenmedien doch sicherlich selbst. Ich bin eine alte Kommunistin. Den Kräften nach half ich der Kommunistischen Partei im Wahlkampf. Ich wurde nicht allzu viel belastet. Andererseits muss man die Aufgaben erfüllen, wenn man etwas verspricht. Der Wahltag verlief relativ friedlich. Wir zählten aber einige Stimmen zwei- oder dreimal nach. Wir warteten auf das Wahlergebnis, auf die Nachricht, welche Parteien ins Parlament gelangen. Später erfuhr ich, dass in anderen Wahllokalen und anderen Gebieten die Wählerstimmen gekauft und verkauft worden waren.

[…]

Jetzt werde ich über meinen Ehemann schreiben. Ich berichtete, dass er durch seinen Arbeitseinsatz in einer Zuckerfabrik überlebte. Er hatte Glück. Er ging zur Schranke entlang des Stacheldrahtzauns. Eine Menschenmenge stieß ihn nach vorne, als der Wächter die Schranke öffnete. Der Wächter schlug mit einem Schlagstock auf rennende Menschen. Fünf Gefangene blieben tot auf dem Boden. Sie wurden von „Reinigungsmenschen“ weggebracht. In der Zuckerfabrik ging es schon besser. Er lebte mehr oder weniger auskömmlich.

Nach der Befreiung wurden die Kriegsgefangenen in die sowjetische Zone überstellt. Die Amerikaner behaupteten, Stalin würde alle Kriegsgefangenen als Verräter erschießen. Mein Ehemann meinte, dass es besser ist, in der Heimat zu sterben, als im fremden Land zu leben. Die in die sowjetische Zone gingen, wurden zu Fuß bis Brest geführt. Mein Mann sah, was der Krieg in Städten und Dörfern getan hatte. Auf dem Weg wurden sie genauso wie reguläre Soldaten ernährt. Von Brest fuhr der Zug in die Stadt Slatoust im Uralgebiet. Dort gab es ein Metallwerk. Pawel Stepanowitsch arbeitete als Elektriker und studierte im Abendstudium an der örtlichen Hochschule. In der Freizeit besuchte er einen städtischen Chor.

1947 kam er in sein Heimatdorf zurück. Kurz danach nahm er das Studium an der Hochschule von Neshin wieder auf. Einmal besuchte er seinen Frontkamerad in einem Dorf im Gebiet Tschernigow. Sein Kamerad war Schuldirektor. Ich lebte in diesem Dorf. Damals war ich Studentin einer Pädagogischen Schule und nahm aktiv am Schulleben teil. Auf diese Weise lernten wir uns kennen. Nach dem Ende des Studiums wurde ich in die Westukraine überwiesen. 1947 kam ich in die Stadt Dubno. Pawel Stepanowitsch folgte mir. Als Lehrer sollte er eine Dorfschule in I. leiten. Man musste den Schulunterricht organisieren, denn unsere Vorgänger waren geflohen. Die Nationalisten schossen auf Lehrer. Jeder Sowjetmensch lebte mit dem Risiko, von einem Nationalisten getötet zu werden. Wir wohnten direkt im Schulgebäude, die Dorfbewohner hatten Angst, uns, den „Sowjets“, ein Zimmer zu vermieten …

[Bis Anfang der 50er Jahre kämpften ukrainische nationalistische Partisanenverbände (Banderowzy) in der Westukraine gegen die Sowjetunion. S. Suchan-Floß]

Außerdem schreibe ich Gedichte und male Bilder. Kommen Sie bitte im Sommer zu uns zu Gast. Ich werde Ihr Portrait malen und meine Gedichte zeigen. Im Sommer ist in unserem Dorf alles grün und schön. Wir Alte führen ein bescheidenes Leben. Wir haben jedoch alles Nötige: Essen, Kleidung und weitere Alltagsdinge. Wir haben drei Söhne, fünf Enkelkinder und drei Urenkel. Alle Söhne haben Hochschulbildung. Ein Sohn ist Lehrer, der zweite ist Ingenieur. Alle sind berufstätig und leben relativ gut. Zwei Söhne leben nicht weit. Der dritte Sohn lebt in Russland.

Herzliche Grüße und beste Wünsche für alle Mitarbeiter von KONTAKTE

Mit Hochachtung

Nadeshda Trofimowna

Meine Söhne und ich werden auf Ihren Brief ungeduldig warten.

Brief 3

Guter Tag, geehrter Dmitri und alle Mitarbeiter von KONTAKTE,

ich habe Ihren Brief zum Tag des Sieges bekommen und habe mich darüber sehr gefreut. Bei der Absendung des vorigen Briefs zum Tag des Sieges hatte ich Angst, dass für Sie dieser Tag keine Rolle spielt. Zum Glück stimmt es nicht. Erst einige Jahre nach Kriegsende haben die damals gegnerischen Seiten verstanden, dass der Krieg ein gemeinsamer Kummer und der Sieg eine gemeinsame Erleichterung war.

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Herr Wasilschenko starb im Januar 2010. Mit seiner Ehefrau korrespondieren wir bis heute. (E. Radczuweit).

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