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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

454. Freitagsbrief (vom Januar 2011, aus dem Russischen von Valerie Engler).

Russland
Gebiet Astrachan
Bezirk Narimanowksij
Rachimgali Mursamuratowitsch Shumangulow
[Es schreibt der Sohn Temrase].

Sehr geehrter Herr Eberhard Radczuweit!

Ich danke Ihnen für Ihren Brief.

Meinen letzten Brief an Sie habe ich in aller Eile geschrieben. Nun möchte ich Ihnen etwas ausführlicher von dem berichten, was mir mein Vater erzählt hat. Mein Vater Rachimgali Shumangulow ist 1942 bei Rostow in Gefangenschaft geraten. Er wurde nach Deutschland verschleppt und kam nach Dachau in Westdeutschland. Er hat in einer Zuckerfabrik gearbeitet. Er hat nie davon erzählt, wie es dort war. Aber er hat eine Episode aus seiner Zeit in der Gefangenschaft erzählt, und zwar wie seine Kameraden ihn vor dem Erschießen gerettet und ihn gedeckt haben. Er erzählte auch von der Kultur und der Disziplin der Deutschen dort. 1945 wurden sie von den Amerikanern befreit. Einige ehemalige Gefangene gingen zu den Amerikanern, die anderen fuhren zurück in die Heimat, unter ihnen auch mein Vater. Er ist zu Fuß durch ganz Deutschland, Polen und die Ukraine marschiert bis ins Donezbecken, wo er die „Filtration“ durchlief. Dann arbeitete er zwei Jahre im Kohlebergwerk. 1947 kehrte er in seine Heimat zurück, dort, wo er geboren war und wo niemand mehr mit ihm rechnete. Es gab auch niemanden mehr, der auf ihn hätte warten können. 1949 heiratete er meine Mutter, wenn man das so sagen kann, die Menschen hungerten, es gab deshalb [bei der Hochzeit] keine Kleidung und ein bescheidenes Essen. Er arbeitete erst als Pferdehirt, später als Fahrer, aber nicht lange (vier Jahre).

Meine Mutter brachte zwölf Kinder zur Welt, von ihnen sind sechs am Leben geblieben, die anderen sind gestorben, bevor sie sechs Tage alt waren. Die Ärzte sagten, der Grund dafür war eine Blutunverträglichkeit, die Kinder hatten Gelbsucht und starben.

Danach arbeitete er als Schafhirte. Er war der beste Hirte im Ort, alle nahmen ihn sich zum Vorbild und er bekam wertvolle Geschenke und mehrere Abzeichen als Sieger im sozialistischen Wettbewerb. Mit 60 Jahren ist er in Rente gegangen, aber auch als Rentner war er immer beschäftigt und arbeitete, soweit es seine Kräfte erlaubten. In den schweren Jahren ab 1990 lernte er den Koran zu lesen, er half den Menschen im Dorf, die Toten zu besingen und unterstützte die Lebenden darin, im Namen des Islam Gutes zu vollbringen, zueinander ehrlich zu sein und einander nicht zu demütigen, mit den Nächsten und allen Menschen um einen herum mitzufühlen. Wir Muslime haben den Fastenmonat Ramadan, in dem wir für die Armen spenden. Als der älteste Muslim im Ort sammelte er das Geld ein, dann gab er es jedes Jahr an Kinder (ans Kinderheim in Astrachan), auch an das Kinderheim bei uns im Ort. Diese Tradition wird bis heute beibehalten, da er sie dazu angewiesen hat. Mein Vater war bei uns im Dorf und im Landkreis sehr angesehen. Er konnte niemandem eine Bitte abschlagen, wer Hilfe brauchte, dem half er mit allem, was er konnte, auch mit Ratschlägen an Jung und Alt. Er bat mich, sein Nachfolger zu werden, gute Taten zu vollbringen und ihn immer die Erinnerung an ihn wach zu halten: Vergiss niemals deine Mutter und lies den Koran an den heiligen Feiertagen.

Vater stand auf der Warteliste für eine Wohnung, die er aber infolge der Bürokratie der örtlichen Behörden nicht mehr bekommen hat. Das alles ist natürlich bitter. Er hat den Krieg und die Gefangenschaft überlebt, immer gut gearbeitet und das Kinderheim unterstützt und hatte offensichtlich doch in den Augen des Staates kein besseres Leben verdient, keine Wohnung … Das ist sehr bitter, denn er war nicht einfach irgendjemand, er war ein besonderer und angesehener Mann, eine Respektperson.

Ich wünsche Ihnen allen ein Frohes Neues Jahr 2011, Erfolg bei Ihrem guten Werk und ich danke dem deutschen Volk für die Spenden. Ich wünsche Ihnen allen Gesundheit und das Allerbeste im Neuen Jahr.

Mit freundlichen Grüßen,

Temrase, der Sohn von Rachimgali Shumangulow.

****.

Eine Spende von 300 € als Geste der Anerkennung des Unrechts, das er als Kriegsgefangener in Deutschland erlitt, war im August 2011 an ihn unterwegs, als er gerade gestorben war. (Freitagsbrief-Redaktion).

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