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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

453. Freitagsbrief vom August 2005 (aus dem Ukrainischen, Übersetzung Iryna Berndt).

Ukraine
Poltawa
Litwischko Denis Denisowitsch.

Sehr geehrte Frau Dr. Hilde Schramm, Herr Eberhard Radczuweit und andere Mitglieder von KONTAKTE.

Mit tiefer Vorbeugung und besten Gefühlen begrüße ich Sie aus meiner Heimatstadt Poltawa, einem Stückchen meiner lieben und schönen Ukraine. Wir haben uns nicht persönlich kennengelernt … Ich verstehe, Sie sind vielleicht deutlich jünger als ich. Es ist Ihnen gelungen, die längst halbtoten Bilder der Vergangenheit in meinem Gedächtnis wieder lebendig zu machen. Ich erinnere mich an Ereignisse, die mir persönlich und mit den damals jungen Vertretern meiner Generation geschahen. Sie haben mit Ihrem Zeichen von Respekt meine Seele erwärmt. Ich bin in meinen Gedanken in die vergangene Zeit gelangt, in die Kriegsjahre. Damals waren wir, Schulabgänger, jung, voller Energie, kräftig. Wir träumten von unserer Zukunft, vom neuen Leben. Unsere Zukunft haben wir uns leuchtend vorgestellt. Unsere Träume verwehten. Der Feind hat unser Vaterland angegriffen. Alle Zukunftsträume waren schon überflüssig. Wir mussten unsere Heimat verteidigen.

Ich wurde auf die Fliegerschule geschickt. Anfang 1942 kämpfte ich bereits an der vordersten Frontlinie im Rang eines Kommandeurs einer Schützenkompanie. Nach dem ersten Gefecht bei Rshew im Gebiet Kalinin wurde unsere ausgeblutete Einheit durch junge Soldaten ergänzt und anschließend nach Stalingrad versetzt. Dort war die Paulus-Armee bereits vernichtet worden. Von Stalingrad marschierten wir durch die Steppen nach Woroschilowgrad. An einem Frontabschnitt, wo die perfekt ausgerüsteten Manstein-Truppen kämpften, wurden wir, entkräftete, schlecht bewaffnete, nach dem Fußmarsch müde Jungen, direkt in den Nachtkampf geschickt. Es gab weder Panzer- noch Artillerieunterstützung. Das geschah bei Nowoswitlowka. In dieser Schlacht wurden unser Regiment und die ganze Division zerschlagen. Sehr viele Soldaten fielen, viele gerieten in Gefangenschaft. Mein Stützpunkt befand sich in einem halb zerstörten Haus. Das Haus haben beide Gegner unter Beschuss genommen. Es schien, alles stand im Flammen. Im Schnee brauste es. In dieser Hölle wurde ich verletzt. Verwundet geriet ich in faschistische Gefangenschaft.

März 1943. Die Kriegsgefangenen wurden in die Lager in Donezk, Woroschilowgrad, Saporoshje [Dulags 162, 152, 120?] getrieben. Sie wurden undenkbaren Erniedrigungen unterworfen. Wer fiel, wurde erschossen. Im KZ von Saporoshje wurden etwa 500 Männer ausgesucht und zur Zwangsarbeit ins Bergwerk von Dnepropetrowsk geschickt. Dort haben wir mehr als zwei Monate wie Sklaven gearbeitet. Wir haben das Manganerz abgebaut. Wir waren hungrig, schlecht gekleidet. Als Schuhe trugen wir Holzpantoffeln, Häftlingsschuhe. Im Lager hatten wir Probleme mit den Läusen. Tausende starben an Typhus.

Im KZ von Dnepropetrowsk wurden wir in Viehwaggons verladen und nach Deutschland gebracht. Unsere Endstation hieß KZ Lamsdorf [Stalag 318/Oberschlesien]. Hier war esschlimmer als in der Hölle. Die Menschen wurden ohne Gnade Demütigungen ausgesetzt. Am brutalsten waren die Wächter. ….

Ich arbeitete als Schweißer in einem Werk in Gleiwitz. Dort wurden Geräte für die Zerkleinerung der Kohlestücke hergestellt. Die Baracken verließen wir nur unter strenger Bewachung der Aufseher. Der Meister war der Leiter der örtlichen Parteiorganisation. Er hatte immer eine Peitsche dabei und schlug willkürlich jeden vorbeikommenden Gefangenen. Er schlug, bis Blut floss. Es gab auch gute Leute, die das eigene Leben riskierten, um uns zu helfen.

Etwa im Januar/Februar 1944 [sic! Tatsächlich 1945] wurden ca. 2.000 Kriegsgefangene in eine unbekannte Richtung getrieben. Zuerst gab es keine Erholungspausen. Einmal haben wir in Ställen übernachtet. Im Keller fanden wir, Hungrige, Möhren- und Kartoffelvorräte. Der Hausbesitzer hat sich darüber beklagt. Der Wachmann rief jeden Fünften aus dem Glied auf und erschoss ihn. Im März 1945 sind wir zu dritt geflüchtet. Das geschah während eines US-Luftangriffes. Wir versteckten uns in einer Hocke neben dem Pferdestall. Der Hausherr hat uns gesehen, aber während des Durchkämmens des Geländes durch SS-Soldaten nicht verraten. Ich bin diesem deutschen Bürger bis heute dankbar. Er hatte Mitgefühl, hatte Verständnis aufgebracht. Vielleicht hat er sein Leben riskiert. Das ganze Leben wollte ich dem Mann die Hand drücken und brüderlich umarmen.

Die US-Truppen haben uns befreit und schließlich an die sowjetischen Truppen übergeben. Wie lange haben wir darauf gewartet! Die Zurückgekehrten wurden jedoch wieder hinter Stacheldraht gebracht. Wir wurden in belorussischen Waldgebieten überprüft. Danach wurde ich entlassen. Das ganze Leben lebte ich unter KGB-Beobachtung. Alle Kriegsgefangenen wurden als Vaterlandsverräter diskriminiert.

Es ist klar, die Jugendträume konnte ich nicht verwirklichen. Ich habe nur den Abschluss des Technikums geschafft. Ich bemühte mich, an jeder Stelle gut zu arbeiten. Letzten Endes habe ich im diesem Land noch nicht einmal eine eigene Wohnung verdient. Ich lebe in einem Haus, das der Wohnungsgenossenschaft gehört. Ich bin gesundheitlich schwach, bewege mich nur mit dem Gehstock. Ich sehe schlecht, habe ein schlechtes Hörvermögen. Ich und Hunderte von meinen Kameraden spüren keine Unterstützung von der Seite des Staates.

Deshalb war Ihre humanitäre Hilfe für mich ein großer Grund zur Aufregung. Ich war sehr gerührt. Ich begann zu weinen. Jemand hat sich an meine Person erinnert, jemand ist bereit, sich darum zu kümmern. Jemand bittet um Vergebung für die zerstörten Lebensjahre.

Ich grüße das ganze freundliche deutsche Volk!

Mit Dankbarkeit und besten Wünsche

Denis Litwischko.

(Unterschrift).

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