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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

452. Freitagsbrief (vom Mai 2011, aus dem Russischen von Jennie Seitz).

Minajew M. G.
Russland
Gebiet Rjasan.

28.05.2011.

Sehr geehrte Mitarbeiter des Gedenkmuseums für deutsche Antifaschisten. [*]

Ihren Aufruf an die sowjetischen Kriegsgefangenen in Russland habe ich erhalten und bin sehr glücklich, dass man sich an diese Menschen erinnert hat, auch wenn sehr spät.

Es ist so, dass es zu Beginn des Großen Vaterländischen Krieges (1941–1945) 1941 die meisten Gefangenen gegeben hat. Der Grund dafür ist natürlich bekannt – das war dem Überraschungsmoment und der Überlegenheit der feindlichen Kriegsmaschinerie geschuldet. Möglicherweise auch Fehlern in der Kriegsführung unserer Befehlshaber.

Am schwierigsten waren die ersten Tage des Krieges, denn als in der UdSSR die große Mobilisierung der wehrpflichtigen Bürger begann, waren es vor allem die Grundwehrdienstleistenden, die an der Front allein das Vaterland verteidigen mussten, junge Männer, geboren zwischen 1918 und 1921.

Nur wenige dieser Wehrpflichtigen überlebten (oder sie überlebten als Invaliden), denn sie starben an der Front, in Gefangenschaft und in den Lagern der Sowjetunion, verurteilt nach Artikel 58.1b und verdammt zur unmenschlichen Plackerei.

In eben dieser Situation habe ich mich befunden. Ich halte es für meine Pflicht, Ihnen zu schildern, wie und warum ich überlebt habe.

Einberufen wurde ich am 6. Januar 1941 durch das Bezirksmilitärkommissariat in Staroshilowsk der Oblast Rjasan. Meinen Dienst leistete ich in der Marinestammabteilung in Nikolajew, USSR. Zu Beginn des Krieges diente ich beim Küstenschutz der Schwarzmeerflotte. Nach dem Befehl zum Rückzug mussten wir Nikolajew, Cherson, Perekopsk, Dshankoj, Simferopol kämpfend verlassen. Wir gerieten in eine Einkesselung. Geschosse und Munition waren uns ausgegangen. Bei dem Versuch, uns aus der Einkesselung zu befreien, gerieten wir in den Bergen der Krim in feindliche Gefangenschaft, darunter waren alle möglichen Arten von Truppen. Wir wurden in ein vierstöckiges Gefängnis in Simferopol gebracht, das war im November 1941.

Nach zehn Tagen ohne Wasser und Nahrung waren viele Kriegsgefangene gestorben, an Hunger und aufgrund der barbarischen Behandlung durch die Besatzer. Wir hatten Angst – auf Rettung konnte man nicht hoffen, aus dem Gefängnis zu entkommen schien unmöglich. Doch mir gelang auf wundersamen Wegen die Flucht.

Ohne irgendwelche Informationen darüber, wo die Front verlief, schlug ich mich von der Krim zum ukrainischen Festland durch. Als ich einen Fluss überquerte (ich weiß nicht mehr welchen), gab es eine Brückensprengung. Zusammen mit einer Gruppe Kriegsgefangener baute ich ein Floß aus Balken, mit dessen Hilfe wir an die Küste der Oblast Melitopol, USSR gelangten. Die Suche nach einer sicheren Anlegestelle, die uns zu unseren Truppen bringen würde, war nicht erfolgreich. Noch weitere sieben Mal wurde ich durch den Feind oder die Polizei gefasst und konnte jedes Mal entkommen. Zum letzten Mal floh ich aus einem Gefängnis in Kromy, Orlower Oblast. Eine Woche später wurde ich gefasst und wieder im Gefängnis von Kromy eingesperrt. Man ließ mich nur zum Holzhacken raus. Zu dieser Zeit bildeten die Deutschen Gefangenenbataillons, um eine Grundausbildung auf Deutsch durchzuführen. Dann wurden wir, ausgestattet mit erbeuteten sowjetischen Gewehren, zum Bewachen von Straßen- und Eisenbahnbrücken geschickt. Angeworben wurden wir mit deutschen Soldatenrationen.

Die folgenden Ereignisse ähneln einem Märchen. Am dritten Tag meines Aufenthalts brachte man mich zur ärztlichen Untersuchung. Der Arzt sagte „gut“, und ich wurde in die Kaserne mit den sowjetischen Kriegsgefangenen verlegt, die die Grundausbildung durchlaufen hatten. Von dort wollte ich erneut fliehen. Aber mich sprach der Gefangene Krupin Gurjan Ignatjewitsch an. Er machte mir einen Vorschlag: Ich sollte mit meiner Flucht warten, bis sich die Möglichkeit ergäbe, Waffen zu stehlen, um dann zusammen mit einer antifaschistischen Gruppe zu fliehen. Ich willigte ein, und so geschah es dann auch.

Wir versteckten uns bis zur Befreiung dieser Gegend durch unsere Armee im Wald und bei Bekannten in abgelegenen Dörfern. Die ersten Rotarmisten kamen am 8. August 1943. Ich lief freudig zum Feldstabsquartier der Armee mit der Bitte, mich in eine Einheit aufzunehmen und an die Front zu schicken, ich wollte weiter gegen den Feind kämpfen, der unsere Heimat überfallen hatte.

Aber dort wurde ich nicht mit offenen Armen empfangen, man brachte mich zu den Ermittlungsbehörden des Tribunals. Der Zurückdrängung der Front Richtung Westen folgte eine nervenaufreibende Ermittlungswelle. Durch das Tribunal der 48. Armee wurden wir nach Artikel 58.1b zu 10 Jahren Freiheitsentzug und 5 Jahren Rechtsentzug verurteilt und in die Kirche der Stadt Kursk gebracht, von wo aus wir etappenweise in Pferdefuhrwerken nach Workuta transportiert wurden, um dort unsere Strafe bei Arbeiten in Bergwerken zu verbüßen. Der Weg war wegen der frostigen Kälte hart, es war November 1943, aber auch wegen der schlechten Behandlung durch die begleitenden Soldaten. Einen Ofen stellte man im Waggon erst drei Tage vor Ankunft in Workuta auf. Mir wurde schummerig, mir schien, als wäre im Ofen nicht Feuer sondern fließendes Wasser, und ich stürzte mich zum Ofen, um zu trinken. Gott sei Dank war Krupin Gurjan im selben Waggon, er zog mich vom Ofen weg und zwang mich, an den gefrorenen Bolzen im Waggon zu lutschen. Wie sich herausstellte, hatte er als Feldscher gedient und wusste, was man mit jemandem macht, der den Verstand verloren hat.

Im Bergwerk arbeitete ich nicht lange, fiel vor Erschöpfung um und wurde im Sanitätsbereich unterbracht, dann musterte mich die Kommission als zur physischen Arbeit unfähig aus und schrieb mich als Invalide ein. Von meinesgleichen sammelte sich bald ein ganzer Zug an, und sie schickten uns in verschiedene Lager nach Archangelsk. Ich kam nach Njandoma, von wo aus ich wie schon aus der Gefangenschaft floh, weil ich mir keiner Schuld bewusst war, mir nicht vorstellen konnte, die gesamte Strafe abzusitzen. Anstelle zu überleben empfand ich es gerechter, durch eine Kugel zu sterben. Vielleicht würde ich am Leben bleiben, eine erneute Prüfung vor Gericht erwirken, mit einem gerechten Verfahren, Aussagen von Zeugen, die wissen, dass ich mich nicht der Kollaboration schuldig gemacht und keine Befehle ausgeführt, dass ich im besetzen Gebiet nicht gelebt sondern überlebt habe, und dass ich es allein meinen Ausbrüchen verdanke, dass man mich nicht in ein Todeslager hinter der Grenze gebracht hat. Irgendwann im Juli floh ich. Aber drei Tage später wurde ich gefasst und erneut vor dem Gericht Njandom nach Artikel 58.14 zu zehn Jahren Freiheitsentzug und fünf Jahren Rechtsentzug verurteilt.

Dann, im Herbst 1944, floh ich erneut, diesmal konnte ich mich bis zu meinem Heimatdorf durchschlagen, sah meine Eltern wieder, die mich nicht sofort erkannten, weil ich nur noch aus Haut und Knochen bestand. Sie brachten mich nach Hause, wuschen, rasierten mich, gaben mir zu essen und ließen mich schlafen. Meine Eltern verboten mir, mich jemandem zu zeigen, bis ich einigermaßen zu Kräften gekommen war und wieder wie ein Mensch aussah. Ich erfuhr, dass alle vier Kinder an der Front waren, drei Söhne und eine Tochter. Pawel und Wassilij, der gefallen war. Ich galt als verschollen, aber ich war wieder da, und alle freuten sich, mich zu sehen, die Situation, in die ich geraten war, war da noch gut. Die Zeit verging, ich kam langsam zu Kräften, meine Eltern hofften auf eine Rehabilitation von Häftlingen wie mir. Aber leider vergebens. Im Dezember 1944 erfuhr die Miliz, dass ich am Leben war und mich bei meinen Eltern aufhielt. In der Nacht umstellten sie das Haus, verhafteten und brachten mich nach Rjasan, ins Untersuchungsgefängnis. Daraufhin wurde ich vor dem Gebietsgericht Rjasan wieder ohne Zeugenbefragung nach Artikel 58.14 wegen Flucht aus dem Lager zu 25 Jahren Freiheitsentzug und fünf Jahren Rechtsentzug verurteilt und zur Verbüßung meiner Strafe in Etappen an den Fluss Kolyma transportiert.

Wie hart der Abschied von meinen Eltern war, lässt sich nicht in Worte fassen. Ich kann noch heute nicht daran denken ohne zu weinen. Sie hatten mich ja zweimal zur Welt gebracht und großgezogen.

Nach Stalins Tod im März 1953 wurde die Amnestie beschlossen, es wurden Sträflinge mit kurzen Haftstrafen, Kleinkriminelle und Gauner entlassen, die nach Artikel 58 Verurteilten bekamen neue Fristen und Artikel zugewiesen. Ich war nun nach Artikel 82 verurteilt, der bis zu sieben Jahren Haft vorsah, und wurde plötzlich entlassen. Und so kehrte ich, ohne Zähne, kahl, mit nur einem sehenden Auge, nach Hause zurück, wo ich freudig in Empfang genommen wurde von meiner Mutter … mein Vater hatte elf Jahre zu kurz gelebt, um mich wiederzusehen.

In der ersten Zeit wurde ich als ehemaliger Häftling besonders von den Kommunisten schikaniert, aber dann sahen sie, dass ich ein ordentlicher, fleißiger und ehrlicher Mensch war.

Ich habe geheiratet und vier Kinder großgezogen. Meine Frau Tatjana Wladimirowna ist vor 13 Jahren verstorben, die Kinder sind verheiratet und führen ihr eigenes Leben. Ich habe zu meinem eigenen Erstaunen ein langes Leben hinter mir, am 18. Juni werde ich 93. Aber ich bin schwach, schaffe es nicht einmal mehr bis zum Lebensmittelladen, Gott sei Dank habe ich mir meine Rente noch verdienen können. Meine Eltern hingegen haben bis zu ihrem Tod in der Kolchose gearbeitet und ihre Pensionierung nicht mehr erlebt.

Ich beneide die Soldaten, die sechs-sieben Jahre jünger als ich waren und erst zum Ende des Krieges eingezogen wurden. Viele haben die Front nie gesehen, weil der Krieg vorher vorbei war. Sie gelten dennoch als Kriegsteilnehmer, werden jedes Jahr am Tag des Sieges beglückwünscht und geehrt. Aber Millionen meiner Altersgenossen, die das Grauen, die Gefangenschaft erlebt haben und verurteilt wurden, hat man vergessen. Wie schwer muss diese Ungerechtigkeit für unsere Eltern gewogen haben.

Und nun ist es Ihre Organisation, die sich an uns erinnert. Im Namen aller Verblichenen und noch Lebenden möchte ich Ihnen danken. Verzeihen Sie bitte meine schlechte Grammatik. Woran ich mich erinnere, habe ich aufgeschrieben, vielleicht findet sich etwas, das für Ihre Tätigkeit von Nutzen ist.

(Über eine Antwort wäre ich erfreut.).

****

[*] Unsere Moskauer Projektpartnerin Lisa Ustinova ließ über dieses Museum in Krasnogorsk eine Suchmeldung veröffentlichen, auf die sich Herr Minajew meldete. Er erhielt von uns keine Spende. Seine Verurteilung als Kollaborateur geschah, weil er, um zu überleben, eine entsprechende Verpflichtungserklärung der Wehrmacht unterzeichnet hatte. Dies galt als Bruch des Fahneneids in Kriegszeiten. [Freitagsbrief-Redaktion].

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