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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

451. Freitagsbrief (vom Juni 2015, aus dem Russischen von Jennie Seitz).

Michail Iwanowitsch Beresjuk
Charkow
Ukraine.

17.06.2015.

An das Kollektiv des Vereins „Kontakty“.

vom ehemaligen Kriegsgefangenen und Invaliden des Großen Vaterländischen Krieges Beresjuk Michail Iwanowitsch, geboren 1923 …

Sehr geehrter Herr Stratievski Dmitrij. Erstens möchte ich Ihnen für die Glückwünsche zum 70. Jahrestag des Großen Sieges danken. Zweitens habe ich aus den Zeitungen erfahren, dass die Regierung der Bundesrepublik Deutschland beschlossen hat, den ehemaligen sowjetischen Kriegsgefangenen Kompensationszahlungen zukommen zu lassen. Vielleicht können Sie mir sagen, was genau ich tun muss, um auf die Liste der Kompensationsberechtigten zu kommen.

Nun zu mir. Am 25. Mai 1942 wurde ich an der Front bei Charkow schwer verwundet. Neben mir explodierte eine deutsche Bombe und ich erlitt viele Verletzungen durch Splitter. Ich kam in einem Feldzelt zu mir, von Kopf bis Fuß in Verbandszeug, ohne Gehör. Bald darauf nahmen deutsche Soldaten unser Zelt ein. Ein paar Tage später sammelten sie uns in einem Schulgebäude. Man leistete uns keinerlei Hilfe. Die Kriegsgefangenen versorgten sich gegenseitig. Ich war zum damaligen Zeitpunkt etwa 18 Jahre alt, geboren wurde ich ja am 14. Oktober 1923. Dort wurde ich zum Invaliden und war es mein Leben lang. Heute bin ich komplett taub, habe viele andere Leiden. Nach ein paar Wochen transportierte man uns in eine andere Stadt, wieder in ein Schulgebäude, aber diesmal waren dort auch Ärzte und Sanitäter, ebenfalls Kriegsgefangene.

Im Juli 1942 brachte man uns nach Deutschland, in das große Lager VIII C in der Stadt Sagan [Schlesien]. In diesem Lager „sortierte“ man uns in Arbeitskommandos und schickte uns zum Arbeiten. Die Gesunden kamen in die Zechen und Fabriken, die Invaliden in die Landwirtschaft. Ich kam zusammen mit einem Kommando aus 120 Mann in einen Landwirtschaftsbetrieb in der Nähe von Breslau. Wir mussten Kartoffeln, Kohl, Rüben und anderen Kulturen ernten, Weizen dreschen. Medizinisch versorgt wurden wir von einer Einheimischen [sic], einer Polin.

Im Frühjahr 1943 wurde eine Hälfte des Kommandos, darunter auch ich, zurück ins [Lager] Sagan VIII C gebracht. Nach der Sortierung fand ich mich im Baukommando wieder, das in der Nähe von Berlin, in Brandenburg, Potsdam und Oranienburg Kanaldämme, Straßen, Kanalisationen und Gebäude instandsetzte. Die Arbeit war schwer, die Ernährung schlecht, und auch nur morgens und abends. Denen, die beim Wiederaufbau zerbombter Häuser arbeiteten, halfen freilich die Bewohner dieser Häuser etwas, mal mit einem Butterbrot, mal mit Kartoffeln. Manchmal brachte man uns zu Gebäudeinstandsetzungsarbeiten auf dem Gelände der Flugzeugwerke „Heinkel“ in der Nähe von Oranienburg. Dann war ich in einem Kommando beim Bau von unterirdischen Gebäuden im Raum Padenburg [?]. Im März 1945 wurden wir durch die Amerikaner befreit. Sie brachten uns mit Automobilen in die sowjetische Besatzungszone – in ehemalige Kriegsgefangenenlager in Frankfurt am Main. Nach einer Unterredung mit Mitarbeitern des „SMERSCH“ (KGB [sic!]) wurden wir nach Hause geschickt. Ich stamme aus der Stadt Gajsin, Oblast Winniza. Ich schloss einen Straßenbaumeisterlehrgang ab, danach die Verkehrsfachschule in Odessa. Habe viele Jahre lang bei Straßenbauvereinigungen im Bau und bei der Instandsetzung von Straßen gearbeitet.

Sehr geehrter Stratievski Dmitrij, ich bitte Sie sehr mir mitzuteilen, was nötig ist, damit ich auf die Liste der Kompensationsberechtigten aufgenommen werde. Ich bin schon 92 Jahre alt, habe viele Krankheiten. Ich bin angewiesen auf die Hilfe.

Hochachtungsvoll.

[Unterschrift] Beresjuk.

18.06.2015.

Sehr geehrter Stratievki Dmitrij,

ich möchte Ihnen eine Geschichte erzählen, die sich während des Baus der Gasleitung von Sibirien in die Länder Europas zugetragen hat.

Am Bau dieser Gasleitung waren ja viele Staaten beteiligt, darunter eine Sondermannschaft von Arbeitern aus der Bundesrepublik Deutschland. Diese Sondermannschaft arbeitete am Bauabschnitt in der Gegend bei Gajsin, Oblast Winniza. Der Stützpunkt war im Wald in der Nähe der Siedlung Nosowzy im Rajon Gajsin. Dort wurden errichtet: Wohnheim, Kantine, Lagerräume, Werkstätten für die Reparatur der Maschinen, ein Trinkwasserbrunnen und viele andere Gebäude. Die lokalen Unternehmen unterstützten die Arbeit der Mannschaft, wo es nötig war. Nun denn …

In der Siedlung Nosowzy heiratet die junge Frau Katja. Die Vorbereitungen laufen. Nach ukrainischem Brauch lädt die Braut ihre Gäste persönlich ein, indem sie ihnen einen Kalatsch überreicht. Der Bräutigam lädt entsprechend seine Gäste ein. Die Braut zieht eine bestickte Bluse an, flicht sich Bänder in die Haare und geht zusammen mit ihrer besten Freundin die Gäste einladen.

Nun ergab es sich, dass sie am Stützpunkt der deutschen Sondermannschaft vorbei mussten. Die deutschen Arbeiter sahen sie und baten darum, auch eingeladen zu werden. Die Braut gab ihnen einen Kalatsch, was bedeutete, dass sie sie einlud, aber sie hielt es für einen Spaß und dachte nicht mehr daran.

Es war gerade Sommer. Viele Gäste wurden erwartet, und die Eltern bauten mit Hilfe einer Plane einen Pavillon, unter dem sich alle zusammen an der frischen Luft an einen großen Tisch setzen konnten.

Auf einmal fährt ein Bus vor und 50 Deutsche steigen aus. Können Sie sich dieses Bild vorstellen? Die Eltern sind geschockt, kurz vor einem Herzinfarkt: „Was hast du angestellt? Wo sollen wir sie hinsetzen? Was ihnen anbieten?“

Unter den Deutschen waren ein paar Männer, die Russisch konnten. Sie gingen zu den Eltern und sagten: „Beruhigen Sie sich. Wir haben alles dabei.“ In diesem Moment kam ein Laster angefahren, und in Windeseile wurden Tische und Bänke aufgestellt. Kellnerinnen deckten die Tische ein, stellten Wodka, Wasser und Speisen darauf. Dann gingen ein paar Deutsche zum Brautpaar und überreichten ihnen Stoff für einen Anzug und ein Kleid sowie eine Schatulle mit Geld. Zur damaligen Zeit schenkten die Leute 20–30 Rubel pro Kopf, aber die Deutschen überreichten ihnen 50 100-Rubel-Schein. Die Eltern und die Gäste waren baff.

Zwischen den Tischen wurden Trinksprüche, Lachen, „Hurra!“-Rufe hin und her geschickt, nach dem Essen wurde fröhlich getanzt, man hörte überall „Choroscho“, „Gut“, „Kamerad“, „Towarischtsch“ und so weiter. Am deutschen Tisch saßen bereits viele Ukrainer, und die Deutschen saßen am ukrainischen. Die Kellnerinnen fuhren mehrmals an diesem Abend zum Stützpunkt, um Wodka und Essen zu holen, und so wurde bis tief in die Nacht gefeiert.

Danach veranstalteten die Deutschen noch ein paar Mal solche Abende auf ihrem Stützpunkt. Auch die jungen Leute aus der Siedlung Nosowzy luden sie dazu ein. Und die Mitarbeiter des Kulturzentrums luden ihrerseits die Deutschen zu ihren Festen ein.

Sehr geehrter Herr Stratievki, wenn es möglich ist, veröffentlichen Sie diesen Brief bitte in der lokalen Presse. Vielleicht liest das jemand, der auch bei dieser Hochzeit war und freut sich über diese Erinnerung an die jungen Jahre.

Hochachtungsvoll

Beresjuk Michail.

18.06.2015.

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