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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

450. Freitagsbrief (vom Juli 2007, aus dem Russischen von Jennie Seitz).

Nikolaj Petrowitsch Nakonetschnyj
Ukraine
Kriwoj Rog.

Sehr geehrte Herrschaften: Dr. Hilde Schramm, Eberhard Radczuweit, […] Mitglieder Ihres Vereins „Kontakte“, Soldaten und alle Unterstützer des Vereins „Kontaktbi“, ich grüße Sie!

Ich bitte Sie um Verzeihung, dass ich so lange nicht geschrieben habe, aber ich war erkrankt. Ich möchte Ihnen, meine guten Herrschaften, auf schnellstem Wege mitteilen, dass ich am 20. Juni 2007 Ihre humanitäre Hilfe in Höhe von 300 € erhalten habe. Das Geld kam am Tag meines 85. Geburtstages – am 20.06.2007, und ich bin Ihnen sehr dankbar, denn für mich ist das viel Geld.

Ich danke Ihnen für die Hilfe, für Ihre Menschlichkeit und Güte.

Möge unser Herrgott Sie und Ihre Familien beschützen – denn die guten Taten wird er Dir vielfach vergelten (so lautet es in der christlichen Bibel). Meine Familie und ich wünschen Ihnen feste Gesundheit, Glück im Leben und lange Lebensjahre auf dieser schönen Erde. Wenn es Ihnen nichts ausmacht, erzähle ich etwas aus meinem Leben.

Ich wurde am 20.06.1922 in Kriwoj Rog geboren und wuchs dort auf. 1941 machte ich meinen Abschluss als Feldscher, ich war ein guter Student und schloss mit Auszeichnung ab. Ich trieb Sport (Schwimmen, Laufen), hatte eine Empfehlung (als Musterstudent) für die Militärakademie in Leningrad (Petersburg). Aber der Große Krieg entbrannte – das bedeutete Front. An der Front diente ich als Feldscher beim 330. eigenständigen Sanitätsbataillon. Ich arbeitete als Assistent und in anderen Militärberufen. Die Arbeit war schwer, blutig, aber ehrenwert. Zunächst trug ich den Titel eines Assistenzarztes.

Im August 1941 wurden wir in der Nähe von Nikopol über den Dnepr gebracht, plötzlich tauchten Flieger auf und beschossen uns. Ich fand mich im Wasser wieder und begriff, dass ich zum nächst gelegenen Ufer schwimmen musste. Als ich dort ankam, wurde ich sofort vom Sperrverband des NKWD festgenommen. Es war grauenvoll mit anzusehen, wie hilflose Soldaten und Offiziere im Wasser ertranken.

Beim Verhör wurde mir Fahnenflucht, Feigheit, eigenmächtiges Verlassen des Verbands (ohne Befehl) und, am allerschlimmsten, Verrat am Vaterland vorgeworfen, was ein Verfahren vor dem Militärtribunal und das Ende bedeuten konnte. Aber ich konnte dem Untersuchungsführer schlüssig beweisen, dass mein Verband nicht existierte, sie mir zu essen geben sollten und ich dann zurück über den Dnepr nach Nikopol schwimmen würde. Die Jugend siegte und ich überquerte wohlbehalten den Dnepr.

Eine anderer Vorfall aus dem Winter 1941–42: Nachdem ich drei Tage ohne Pause gearbeitet hatte (am OP-Tisch), verlor ich vor Erschöpfung das Bewusstsein. Es standen mir 3–4 Stunden Ruhe zu, ich bekam die Erlaubnis, fand irgendeinen Büroraum (im Kohlekombinat) und schlief ein. Gegen Morgen kam ich zu mir, als jemand an meinem Stiefel zerrte. Ich stand auf und fragte die Soldaten, wo ich war und wer sie seien, sie antworteten: „Ihre Abteilung ist schon gestern abgefahren.“ Es stellte sich heraus, dass um mich herum Soldaten lagen, die an ihren Verletzungen gestorben waren, und die Sanitäter, in dem Glauben auch ich wäre tot, gerade dabei waren, uns alle zu einem Gemeinschaftsgrab zu transportieren.

Ich fand mein Sanitätsbataillon und wurde wieder verhaftet – als Deserteur. Als ich unter Wachschutz abgeführt wurde, kam uns zufällig der Divisionskommandeur entgegen und fragte, wohin und aus welchem Grund sie mich wegbringen würden. Ich antwortete wahrheitsgemäß, und er gab mir drei Tage Haft, damit ich ausschlafen konnte, aber dazu kam es nicht – ein weiterer Verwundetentransport kam an, und wieder an die Arbeit, ich hatte ja einen Eid geleistet.

Am 25. Mai 1942, in Folge von schweren Militäroperationen im Kreis Charkow, in Losowaja, Barwenkowo, gerieten einige Armeen und ihnen unterstellte Abteilungen in die Einkesselung.

Gefangen genommen wurde ich ohne Vorwarnung, einfach deshalb, weil um mich herum Tausende Verletzte lagen, die um Erlösung von ihren Leiden flehten – um meine eigene Sicherheit zu sorgen blieb mir keine Zeit.

Das war so: Ein deutscher Offizier trat in Begleitung eines Dolmetschers an mich heran und sagte: „Herr Offizier, Ihre Mission ist beendet. Sie befinden sich in Gefangenschaft der Deutschen Wehrmacht und schließen sich bitte der Kriegsgefangenenkolonne an.“

Ich antwortete: „Oh, danke“ und reihte mich in die Kolonne ein. In Gefangenschaft war die Lebensmittelversorgung sehr schlecht, von der Lage in der Umgebung erfuhren wir nichts. Wir schlecht ernährt, schliefen 2–3 Stunden pro Tag, litten unter Schwindel.

Etappenweise kam ich im Herbst 1942 nach Deutschland, ins Durchgangslager (326) VI K [Senne], wo ich die Nummer 36890 bekam. Dann eine Zeche in Bottrop, wo ich bei der Holzbeschaffung arbeitete. Danach Gelsenkirchen-Rotthausen, Zeche Dahlbusch, eine Aktiengesellschaft, wieder bei der Holzbeschaffung, weil ich jung und ausgezehrt war. Ich war Arbeiter bei Nr. 204 R. In diesem Arbeitslager arbeitete als Administrator ein älterer, beleibter Mann, der immer seine schwarze Bergarbeiter-Uniform trug – er war ein guter Mann und hieß JUPP GRÜNE. Die behandelnden Ärzte im Lager hießen Dr. Pothman und Dr. Ölk – sehr herzliche Leute.

Das Lager 204 R wurde von der britischen oder amerikanischen Luftwaffe zerbombt. Die Zerstörung war gewaltig. Es waren nicht mehr viele Kriegsgefangene am Leben, und die Wenigen suchten Schutz in den ausgehobenen Schützengräben. Ich blieb also mit einem Häufchen Kriegsgefangener zurück, ohne Papiere, Wachschutz und Lebensmittel. Ohne Konvoi gelangten wir in eine dörflich besiedelte Gegend und flehten die Deutschen um irgendeine Arbeit an, damit wir überleben konnten.

Richtige Freiheit spürte ich mit der Ankunft der amerikanischen Truppen, begann sofort zu arbeiten – Verwundete und Kranke gab es mehr als genug. Und ich aß mich zum ersten Mal seit Beginn der Gefangenschaft an Brot satt, die (ehemaligen) Gefangenen bekamen in den ersten Stunden nach der Befreiung je 100 g Brot, man musste sich dafür anstellen, den ganzen Tag lang, wenn man wollte, es kam auch vor, dass die Menschen sich überaßen und starben – wir waren ja alle halbe Skelette.

1945 arbeitete ich als Feldscher und Chirurgieassistent im Militärhospital 3351. Im Winter 1946, am Tag des christlich-religiösen Festes Sretenije, was soviel wie Begegnung bedeutet [Darstellung des Herrn], kehrte ich nach Hause nach Kriwoj Rog zurück. Was ich dort vorfand: totale Zerstörung, Mutter, Vater, beide 82 Jahre alt, sechs Waisenkinder, deren Väter an der Front gefallen waren, Hunger, Armut – und so musste ich, statt Medizin zu studieren, bei der 24-stündigen Notambulanz arbeiten, um Kinder zu retten. Aber das Leben in Frieden dauerte nicht lange an. Im Herbst 1946 wurde ich in drei Punkten laut Strafgesetz angeklagt:

1946 – Verurteilung durch eine Sonderkonferenz des Staatssicherheitsministerium, UdSSR. Ohne Verfahren, 15 Jahre Freiheitsentzug ohne Entziehung des Vermögens – ich besaß damals glücklicherweise rein gar nichts, außer vielleicht meinen Soldatenmantel. Man entzog mir meinen Dienstgrad und kleinere Auszeichnungen.

Ich verbüßte meine Strafe in Kasachstan – in Karaganda, Tschurubaj, Nurinsk. War einfacher Arbeiter beim Grabenziehen, später im zentralen Krankenhaus. 1956 wurde ich als unschuldig rehabilitiert und kehrte nach Hause zurück. In Karaganda hatte ich für 100 g Grütze geschuftet, die es auch nur gab, wenn man sein Soll zu 100 % erfüllte. Es gab keinerlei Entschädigungszahlungen, man arbeitete schließlich für das Wohl der UdSSR – dieses Wohl habe ich nur bis heute nicht gesehen.

Bis 1980 arbeitete ich als Feldscher in einer Erste-Hilfestation unter Tage, bei der Zeche „Gigant“. Gemeinsam mit Feuerwehrleuten rettete ich verschüttete Menschen, wurde selbst verschüttet, saß acht Stunden vor Ort fest und erlitt eine Kohlenmonoxidvergiftung.

Seit 1986 arbeite ich nicht mehr, die alten Wunden reißen immer wieder auf, die Erfrierungen an meinen Füßen machen mir heute noch zu schaffen. Infolge von an der Front erlittenen Verletzungen und Quetschungen wurde ich als Invalide des Großen Vaterländischen Krieges, Gruppe 1, eingestuft, bin auf fremde Pflege und Hilfe angewiesen.

Ich empfinde weder Hass noch Verachtung oder Rachegefühl gegenüber den Kriegsteilnehmern auf beiden Seiten – verzeihe allen alles, denn Menschen tun manchmal Dinge, die sie nicht wollen. Schuld an allem sind die Führer, und von denen gab es zwei. Über beide richtet nun der Herr. Ich verzeihe deshalb, weil ich grausame, militärisch sinnlose Zerstörungen von Städten und Dörfern gesehen habe. Ich verzeihe, weil ich Menschen habe leiden sehen. Ich war niemals einer Partei zugehörig und bin es auch heute nicht. Ich bin gläubig. Als ich in der amerikanischen Besatzungszone war, traf ich Deutsche, mit denen ich in der Zeche gearbeitet hatte, oft, sehr oft, half ich Frauen, Kindern und Alten mit Nahrungsmitteln.

Ich bin Ukrainer und nicht sehr sicher in der [russischen] Rechtschreibung, verzeihen Sie mir.

Für die 300 € habe ich einen Gaskessel gekauft und installieren lassen – das wird mir helfen, die Gaskosten zu verringern. Ich habe auch ein paar Griwen dazugelegt und mir einen Gasboiler gekauft, den konnte ich aber noch nicht installieren.

Danke! Im kalten Winter werde ich mich daran wärmen und in Dankbarkeit an Sie denken. Ich bitte Sie sehr, schreiben Sie mir, wenn es möglich ist, ich würde mich über Ihre Anteilnahme sehr freuen. […] Verzeihen Sie, ich weiß, dass ich Fehler in der Grammatik gemacht habe, aber ich werde mir einreden, dass Sie Verständnis haben?!!

Auf Wiedersehen [dt. im Original].

Seien Sie gesund und fröhlich!

[Unterschrift].

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