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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

45. Freitagsbrief (18.05.2007).

Ukraine
Gebiet Saporoshje
Pawel Antonowitsch Borowik.

Guten Tag, Frau Dr. Hilde Schramm.

Ich wünsche Ihnen beste Gesundheit. Seien Sie nie krank! Mögen Sie bis zum 100. Jubiläum leben! Ich bedanke mich bei Ihren Mitarbeitern Herrn Dr.  Gottfried Eberle. Bitte grüßen Sie Herrn Projektleiter Eberhard Radczuweit. Alles Gute! Ich bin allen Bürgern Deutschlands sehr dankbar, die aus eigener Tasche das Geld für meine Unterstützung ausgegeben haben.

1941 begann der Krieg. Unser Land war darauf gar nicht vorbereitet. Jedes Jahr bezogen die Truppen ihre Sommerquartiere. Das war eine Übung, die den ganzen Sommer dauerte. Das war auch in diesem Jahr. Die Panzer wurden repariert. Die deutschen Truppen sind vom Schwarzem Meer bis zur Ostsee vorgerückt.

Einen Monat vor dem Krieg verbreiteten sich folgende Gerüchte. Ein deutscher Soldat hätte den Fluss Bug überquert und sich den Russen ergeben. Er hätte gewarnt, dass die Deutschen den Krieg beginnen. Als das Stalin berichtet wurde, soll er gesagt haben, dass dieser Mann ein Provokateur sei und es keinen Krieg geben würde. In der Nacht wurden Lemberg, Iwano-Frankowsk und Kiew bombardiert. Uns wurde berichtet, dass der Krieg begonnen habe. Die Sowjets waren darauf nicht vorbereitet. Die Deutschen waren sehr stark. Tausende von unseren Soldaten wurden sofort gefangen genommen.

Unsere Division verteidigte Odessa. Hier begann mein Krieg. Hier kämpfte ich in einer Flugabwehreinheit. Weil die Munitionslager bereits zerbombt waren, konnte man nicht zurückschießen. Odessa war belagert.

Die Deutschen stießen folgendermaßen vor. In den besetzten Gebieten wurden die Einwohner aus den Häusern vertrieben und vor die Truppen geführt. Wir verteidigten unsere Stellungen, konnten aber auf unsere Landsleute nicht schießen. Wir zogen uns zurück. Bis Rostow stießen die Deutschen fast kampflos vor. Danach wurden wir in den Kreis Krasnodar verlegt.

1942 feierten die Deutschen Weihnachten. Nach der Feier landeten sie in der Seestrasse von Kertsch in der Krim und besetzten Kamysch-burun. Innerhalb einiger Tage nahmen sie Feodosija ein und verbrachten den ganzen Winter in der Stadt. Am 1. Mai begann die flächendeckende Bombardierung. Alle Munitions- und Lebensmittellager wurden zerbombt. Am 7. Mai begannen die Deutschen eine Offensive. Wir schossen zurück. Dann zogen wir uns zurück. Überall gab es Wasser. Es kam zur Panik. Wir wurden umzingelt. Am 17. Mai wurde ich gefangen genommen. Am 25. Mai haben die Deutschen unsere Gegend vollständig erobert. Innerhalb von 18 Tage haben die Deutschen 300 000 sowjetische Soldaten gefangen genommen. Die Gefangenen schickte man mit Zügen nach Deutschland, hundert Mann pro Waggon.

Ich kam in die ehemalige polnische Stadt Kowel. Man brachte uns in einem Kloster unter. Die polnischen Nonnen waren weggetrieben worden. Das Klostergebäude hatte eine „P“-Form. (Der russische Buchstabe P, Kontakty) In der Mitte des Hofes gab es eine Küche. Hier bekamen wir das Essen. Einmal ging ich zur Küche. Plötzlich erschein ein deutscher Soldat, der uns bewachte. Er schlug mich mit einem Stock zusammen, trat mit dem Stiefel in das Hinterteil und zog mich etwa 30 Meter über den Hof. Ich lag sehr lange, bis ich wieder zu Bewusstsein kam. So haben uns die deutschen Soldaten in Gefangenschaft „versorgt“.

Man brachte uns nach Deutschland. Da war ein großes Lager, von Stacheldraht umzäunt (wahrscheinlich Stalag 321 Oerbke/Fallingbostel, Kontakty). In der Mitte gab es viele Holzbaracken. In den Ecken standen Wachtürme mit Maschinengewehren. Jede Baracke hatte noch einen separaten Stacheldrahtzaun. Morgens gab es ein Brot für fünf Personen und eine Tasse Tee ohne Zucker. Dreißig Personen, darunter ich, brachte man in die Stadt Brackel (bei Winsen an der Luhe, Kontakty), so wie uns gesagt wurde. Wir stiegen vor dem Rathaus aus. Man zwang uns zum Sitzen auf dem Boden. Wir warteten auf die Leitung. In der Nähe gab es eine Kirche und eine Schule. Jungs kreisten um uns herum. Sie beobachteten uns, ob wir Dummköpfe wären. Sie tasteten unsere Köpfe ab und suchten nach Hörnern. Ein weiterer Junge näherte sich und sagte, dass die Russen keine Hörner haben. Das wäre nur Propaganda. Die Russen würden typische russische Mützen mit Ohrenschützern tragen, die wie Hörnchen aussehen würden. Später führte man uns zu einem großen Hof am Rande der Stadt. In der Hofmitte stand ein Wasserhahn und ein großes Haus. Wir durften uns waschen. Eine Frau bereitete für uns das Essen zu. Dann liefen wir sieben Kilometer bis zu einem Wald. Dort gab es eine Baracke mit zweistöckigen Schlafstellen. In der zweiten Barackenhälfte lebten drei deutsche Soldaten, die uns bewachten (das entsprach den Vorschriften; ein Mann Bewachung für 10 sowjetische Gefangene, Kontakty). Ich will nicht sagen, dass es uns total schlecht ging. Es war aber nicht gut. Ich wog damals 30 Kilo. Als ich anfing zu arbeiten, konnte ich die Axt kaum tragen. Nach einem Jahr, als ich mich schon besser fühlte, holte man mich aus dem „Waldlager“ ab und gliederte mich einem Arbeitskommando aus sechzig Mann ein. Wir fuhren durch ganz Deutschland und verlegten Telefonleitungen. Das Essen war besser als im „Waldlager“. Wir gruben die Pfähle ein und installierten die Strippen. Uns bewachten fünfzehn Soldaten mit Maschinenpistolen.

Zwei Monate vor dem Kriegsende bauten wir eine Telefonanlage im Süden, Richtung italienischer Grenze. Es kamen fünf deutsche Soldaten mit Maschinenpistolen. Sie besprachen etwas mit unserem Wächter. Das Gespräch war lang. Als die Gruppe weg war, erfuhren wir, dass diese Soldaten uns zur Erschießung führen wollten. Sie erschossen 8000 russische Kriegsgefangene in einer benachbarten Schlucht. Unsere Wachmannschaft rettete uns. Ich bin diesen Männer dafür dankbar.

Die deutschen Truppen gerieten in Panik. Unsere Arbeit wurde eingestellt. Die Wächter sperrten uns in einer Scheune ein. Da wurden viele Ballen gelagert. Das war ein gutes Versteck, um unsere Erschießung zu verhindern. In dieser Siedlung floss ein Fluss. Am Fluss gab es auch eine Wassermühle. Wir versteckten uns zwei Wochen.

Eines Tages erschienen im Hof deutsche Soldaten. Sie durchkämmten alle Scheunen. Es gab, glaube ich, etwa tausend Mann. Am 1. Mai flog über unsere Scheune ein Flugzeug. Es wurden Flugblätter abgeworfen mit dem Appell, den Kampf zu beenden. Es wurde eine Frist bis zum 3. Mai gesetzt. Ansonsten drohte ein massives Bombardement. Am 3. Mai ergaben sich alle Deutschen. Die Waffe legte man auf einen Haufen: Pistolen, Maschinenpistolen und Maschinengewehre. Unsere Wächter führten uns aus dem Versteck und stellten uns separat auf. Fünf hochrangige Offiziere gingen mit der weißen Fahne auf die Strasse. Die amerikanischen Panzer fuhren entgegen. Sie bremsten. Die Amerikaner drückten den deutschen Soldaten die Hände. Wir wurden geküsst.

So wurde ich befreit. Die Deutschen wurden zum Flugplatz geführt und in dortigen Baracken untergebracht. Man gab uns deutsche Maschinenpistolen. Wir bewachten zusammen mit Amerikanern die gefangenen Deutschen. Später durften wir mit einem großen deutschen Auto durch ganz Deutschland und Österreich zu den sowjetischen Truppen fahren. Die Russen waren an der Donau stationiert Dort wurden wir verhört: „Wo hast du gekämpft?“, „Wie bist du gefangen genommen worden?“, „Was hast du in Kriegsgefangenschaft gemacht?“ Einige wurden verhaftet, andere – an die Truppen zwecks Verstärkung geschickt. Ich wurde wieder Soldat einer Artillerieeinheit, genauso wie es an der Front gewesen war.

Der Krieg war zu Ende. Man schickte mich nach Irkutsk. Am 9. Mai 1946 wurde ich aus der Armee entlassen. Am 27. Mai war ich bereits zu Hause. Drei Monate erholte ich mich. Danach fing ich an, als Elektriker zu arbeiten. Im Alter von sechzig Jahren ging ich offiziell in die Rente, arbeitete aber noch zehn weitere Jahre. Als ich 55 Jahre alt war, kam meine Ehefrau durch einen Mordanschlag uns Leben. Die Tochter war damals 13 Jahre alt. Meine Ehefrau, Nina Iwanowna Borowik, Jahrgang 1926, war ebenfalls NS-Opfer. Im Alter von 16 Jahren wurde sie nach Deutschland verschleppt. Vier Jahre lang arbeitete sie in einer Fallschirmfabrik in der Stadt Zittau. Die Arbeiterinnen lebten halbhungrig. Meine künftige Frau nahm Wolle aus der Fabrik und strickte einen Schal. Sie verkaufte den Schal, um etwas leckeres zu erwerben, wie zum Beispiel etwas Gebäck. Das ganze Leben litt sie unter Leber- und Gallenblasenerkrankungen. Dies wirkte sich auf die Gesundheit unserer Kinder aus. Die ältere Tochter ist Invalide. Die jüngere Tochter hat zahlreiche unheilbare Erkrankungen, obwohl sie erst 45 Jahre alt ist. Sie hat einen 24-jährigen Sonn, der angeborener Invalide und geistig behindert ist.

Man kann also sagen, dass meine Kinder und Enkel indirekte NS-Opfer sind. Sie bekamen aber nichts. Meine Ehefrau kam 1974 ums Leben, also von dem Inkrafttreten des Entschädigungsgesetztes.

Ich lebe nur dank der Arzneien weiter. Die Demokraten haben alles geklaut. Alles ist teuer. Renten und Gehälter sind klein. Michail Gorbatschow zerstörte unser Land, unsere Union. 15 Jahre lang leben wir unter Demokratie. Es gibt keine Ordnung im Staat. Früher hatten wir reiche Kolchosen und große Betriebe. Wir konnten über die Arbeitslosigkeit nur aus einem Fernsehbericht erfahren. Heute kann das Volk verstehen, was das Gefühl von Schutzlosigkeit bedeutet. Alle Menschen wollen die Ordnung im Staat, unabhängig davon, welche Partei an die Macht kommt. Unser Präsident W. Juschtschenko ist ein falscher Mann. Gorbatschow, Kutschma, Krawtschuk und Juschtschenko schafften unser Spargeld einfach beiseite.

Die Deutschen quälten unser Volk. In unserer Stadt gab es 60 000 Einwohner. Während der zweijährigen Besatzungszeit wurden 10 000 Menschen hingerichtet. Die Deutschen betrachteten alle Zivilisten als Partisanen und Kommunisten. Vor dem Krieg waren bei uns nur Betriebsdirektoren und Mitarbeiter der Bezirks- und Stadtexekutivkomitees Parteimitglieder. Während des Krieges wurden in Berdjansk in einem Haus siebzehn Menschen erschossen, darunter ein zehnjähriges Mädchen. Dem Mädchen wurde auf der Stirn beim lebendigen Leibe ein Stern ausgestochen. Unsere Machthaber behandelten Gefangene ganz anders als die Deutschen. Als ich 1946 heimkehrte, bauten in unserer Stadt die gefangenen Deutschen ein kleines zweistöckiges Haus. Sie hatten genug Essen, gingen zum Baden zum Asowischen Meer und hatten zwei arbeitsfreie Tage. Während der Arbeit gab es keine mit Maschinenpistole bewaffnete Bewachung. Es hatte nur eine einzige Freiheitseinschränkung: sie waren verpflichtet, in dem Haus zu übernachten. Um 10 Uhr am Abend gingen sie schlafen. Ich lernte diese Männer kennen. Wir unterhielten uns. Leider habe ich vergessen, wie sie hießen. Für die Baustelle lieferte man Baumaterialien. „Je schneller ihr baut, desto schneller kommt ihr nach Hause!“ – lautete es. Am Ende des Jahren fuhren sie nach Deutschland zurück. Sie hatten keine Beschwerden. (…)

Vor fünf Jahren wurde ich blind. Nach drei Operationen kann ich ein bisschen sehen. Ich lebe nur dank Medikamenten. Mir fehlt oft die Luft. Ich wohne zusammen mit der jungen Tochter und zwei erwachsenen Enkelsöhnen in einer 3-Zimmer-Wohnung. Ich bin in einer Warteliste der Wohnungsbedürftigen eingetragen. Am 16. Oktober werde ich aber 87 Jahre alt. Ich werde eventuell keine neue Wohnung mehr bekommen.

Das ist alles, was ich über meine Person erzählen kann. Auf Wiedersehen. Ich wünsche Ihnen und Ihren Mitarbeitern beste Gesundheit, viel Glück, und 100. Jubiläumsfeier.

Hochachtungsvoll

Pawel Borowik.

P.S. Dieser Brief wurde im Auftrag von meinem Vater Pawel Antonowitsch Borowik geschrieben. Er kann selbst nicht schreiben, weil er fast nichts sieht und stark hörgeschädigt ist.

Hochachtungsvoll

Pawlina Pawlowna Shilina-Borowik.

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