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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

449. Freitagsbrief (vom Mai 1994, aus dem Russischen von Jennie Seitz).

Igor Walentinowitsch Politkowskij
Gebiet Saratow
Russland.

An das Russische Komitee der Kriegsveteranen,
der Kommission der ehemaligen Kriegsgefangenen.

Sehr geehrte Genossen Veteranen!

Ich, Politkowskij Igor Walentinowitsch, wurde am 7. Juni 1922 in der Ortschaft Perejesd im Kreis Jekaterinowka, Oblast Saratow, geboren. Jetzt bin ich wohnhaft in: Engels, […]

Am 29 April 1941 wurde ich in die Reihen der Roten Armee einberufen, und am 22. Juni 1941 leistete ich einen Eid, meinem Vaterland treu zu dienen. Die Zeit zwischen dem 23. Juni 1941, als unsere Einheit in den Kampf zog, und September 1941 war eine Zeit großer Verluste während des Rückzugs und schwerer Kämpfe gegen die deutschen nationalsozialistischen Besatzer bei der Verteidigung von Kiew. Mitte September 1941 waren die Einheiten der Südwest-Front, die Kiew verteidigten, gezwungen, die Stadt zu verlassen und einen Ausweg aus der Einkesselung zu suchen. Alle Versuche waren jedoch erfolglos, und so wurden alle noch lebenden Soldaten, darunter auch ich, in der Nähe der Ortschaft Borschtschagowka im Kreis Browary, Oblast Kiew, gefangen genommen.

Nach einem zweitägigen Aufenthalt im provisorischen Lager (ein ehemaliger Kolchose-Hof, umgeben von Stacheldraht und Wachtürmen) wurden wir am 8. Oktober 1941 aus dem Lager geführt und zu Fuß bis zum Bahnhof in Wassilkowo getrieben, wo man uns in die Güterwaggons eines Zuges lud (100 Mann in einem Waggon) und am Abend des 10. Oktober 1942 nach Shitomir brachte. Wir wurden in den Kasernen einer ehemaligen Militärsiedlung untergebracht, die sie von da an Stalag Nr. 306 [?] nannten. Die Lebensbedingungen dort waren unerträglich (Hunger, Krankheiten, mangelnde Hygiene, Typhus und vieles andere), sie kosteten jeden Tag Dutzenden von Menschen das Leben – beerdigt wurden sie in einem tiefen Graben hinter der Lagerabsperrung. Meine Hoffnung auf eine Rettung schwand langsam, doch da geschah etwas Gutes: Ich wurde dem Arbeitskommando für die Verladung von Zuckerrüben zugeteilt; wir wurden zum Bahnhof in Kodnja gebracht (das ist in der Nähe von Shitomir), wo wir ab dem 25. Oktober 1941 bis zum 25. Dezember 1941 unter strengem deutschen Wachschutz arbeiteten.

Am 26. Dezember 1941 wurden wir wieder ins Lager Nr. 306 gebracht, wo ich bis Februar 1942 blieb. Anfang Februar 1942 kam ich wieder in ein Arbeitskommando, das für die Arbeit als Verlader auf dem Bahnhof Shitomir zusammengestellt wurde, wo wir bis Oktober 1943 arbeiteten. In den ersten Tagen des Oktober 1943 wurden wir wieder ins Lager Nr. 306 gebracht, in Waggons geladen und nach Wien gebracht, wo wir in ein Durchgangslager kamen. Dann, in der zweiten Oktoberhälfte, wurde ich zusammen mit einem etwa 150 Mann starken Arbeitskommando nach Katzelsdorf, unweit der Wiener Neustadt gebracht. Das war ungefähr am 26. Oktober 1943. Dort befand sich ein Pferdelazarett mit 25 Ställen, und wir mussten uns um die kranken Pferde kümmern. Hier arbeiteten wir bis April 1945, lebten in zwei Baracken mit zweistöckigen Pritschen und einer Latrine in der Ecke. Zu essen bekamen wir gekochte Rüben und ca. 200 g Brot am Tag; zum Glück teilten die Pferdchen ihren Hafer mit uns, ihnen gilt mein Dank. Ende März 1945 begann eine schwere Bombardierung des Gebietes durch die Allierten, und die Deutschen beschlossen das Lager zu evakuieren. Sie gaben jedem von uns drei Pferde an die Hand, und wir machten uns so auf den Weg Richtung Nordösterreich, über die Route: Wiener-Neustadt – Wien – St. Pölten – Linz – Braunau. In der Nähe von Braunau, wo wir ca. am 10. April 1945 ankamen, richteten die Deutschen ein Waldlazarett ein; dort wurde auch das Essen für uns Gefangene gekocht. Zum Schlafen aber brachten sie uns in ein 0,5 km weit entferntes Dorf (dessen Namen ich nicht mehr weiß), wo ein wohlhabender Österreicher dem (natürlich deutschen) Kommandeur erlaubte, uns unterzubringen. So arbeiteten wir, bis uns am 2. Mai 1945 amerikanische Einheiten befreiten. Die Allierten schickten uns zu einem Sammelpunkt (ein Eisenwerk in der Nähe von Salzburg, wenn ich mich richtig erinnere), von wo aus wir mit einem Zug in die sowjetische Zone gebracht und in einem Lager für Deportierte in der Nähe von Leoben untergebracht wurden. Hier hatten wir ein langes Gespräch mit den Mitarbeitern der Spionageabwehr (oder SMERSCH?), woraufhin ich am 27. Mai in die Sowjetarmee einberufen wurde; den Eid leistete ich (schon zum zweiten Mal) erst später, genauer gesagt am 1. September 1945. Danach diente ich in unserer Armee bis zum 2. Februar 1947, als die Demobilisierung von Wehrdienstleistenden meines Alters angeordnet wurde.

Verehrte Genossen!

Alles, was hier geschrieben steht, ist die Wahrheit. Ich bin der Meinung, mit 72 sollte niemand mehr lügen, wozu sollte das auch gut sein. Aber Sie fordern ja einen Nachweis über meinen Verbleib in Kriegsgefangenschaft; ich lege also eine Bescheinigung bei, die mir das städtische Militärkommissariat in Engels ausgestellt hat und die meinen Wehrdienst in der Sowjetarmee bestätigt. Das Militärkommissariat verfügt über meine persönliche Akte, die Zeugnisse über mein Gespräch mit den Mitarbeitern des SMERSCH enthalten muss, durch deren Hände alle diejenigen gegangen sind, die von Anfang (d. h. 1941) bis zum Ende (d. h. 1945) mit mir gemeinsam in Gefangenschaft waren. Lebende Zeugen meines schweren Kriegsschicksals werde ich kaum finden – vielleicht lebt von ihnen auch niemand mehr.

Das ist alles, was ich Ihnen schreiben wollte. Ich sende einen festen Händedruck, wünsche Ihnen Gesundheit und Erfolg im Leben.

18. Mai 1994

I. Politkoswkij.

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Dieser Bericht wurde unserer russischen Partnerorganisation „Sostradanije“ 2013 als Ergänzung zu den Belegen über Herrn Politkowskijs Kriegsgefangenschaft geschickt. Er war 1994 adressiert an den Veteranenrat des Gebiets Saratow wegen des Antrags auf Aufnahme als Veteran. Die sowjetischen Kriegsgefangenen wurden erst 1995 durch einen Erlass von Jelzin vollständig rehabilitiert und hatten bis ins 21. Jahrhundert Probleme, in die Veteranenräte aufgenommen zu werden, mit dem Argument, dass sie ja nicht gekämpft hätten. (Sibylle Suchan-Floß).

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