Direkt zum Navigationsmenü.


KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

448. Freitagsbrief (aus dem Russischen von Jennie Seitz).

Nikolos (Tschola) Lomdsharia
3500 Osurgeti
Georgien.

Kurzer Bericht über mein Leben an der Front.

Während des Zweiten Weltkrieges wurde ich am 11. August 1942 in die Reihen der Sowjetarmee einberufen. Am 2. November desselben Jahres geriet ich in der Nähe von Ordschonikidse (Wladikawkas) in Gefangenschaft und wurde zur Zwangsarbeit nach Deutschland geschickt. Zwölf Kriegsgefangene entschlossen sich zur Flucht aus der Staffel. Ich hatte eine Verletzung am Arm, aber ich sprang ungeachtet dessen vor der Ankunft in Kiew vom Zug, gemeinsam mit Schaliko Kirkitadse. Er wurde von den patrouillierenden Wachen gefasst, ich konnte entkommen. Ich lief anderthalb Monate lang Richtung Osten. Die ukrainische Bevölkerung war mir gegenüber sehr herzlich, obwohl überall Flugblätter hingen, mit dem Verbot, fremde Personen zu verstecken. Im schlimmsten Fall konnte man erschossen werden, die Häuser niedergebrannt. Aber die Menschen päppelten mich trotzdem auf und gaben mir zu essen.

Nach anderthalb Monaten des Herumstreichens nahm mich Motija Lawrijenko vom Gehöft Zibuljowka (Jergatkiwskij Rajon) bei sich auf, wo ich mich zehn Monate lang unter dem Namen Nikolaj Lawrijenko vor den Deutschen versteckt hielt. Bei einer Razzia wurde ich wieder gefangen genommen und zur Zwangsarbeit nach Deutschland geschickt, nach Stettin ins Lager Dunzig [Denzig?], wo ich unter der Nummer 45 zweieinhalb Jahre bis April 1945 bei verschiedenen Arbeiten verbrachte. (Ich musste Lebensmittel in Geschäften verladen, war Gehilfe eines deutschen Fahrers – half ihm beim Holzschleppen, verlud Kohle auf einem Bahnhof usw.)

Als unsere Einheiten kamen und die Stadt befreiten, begannen die Deutschen mit der Evakuierung des Lagers. Uns wurde angeboten, in der deutschen Armee zu dienen, aber ich lehnte ab. Wir wurden nach Westen geschickt. Bei einem Bombenangriff erlitt ich Verletzungen am Bein, an der Seite und am Kopf. Die deutschen Arbeiter brachten mich in einen Bunker und ließen mich dort. Dann brachten sie mich zurück ins Lager. Ein georgischer Arzt, der auf einem Schiff arbeitete, operierte mich – entfernte die Splitter aus meinem Kopf. Im Lager gab es weder Wasser noch Essen – nur Leid, Schmerz und Qualen. Die Deutschen brachten noch mehr Kriegsgefangene, und dann wurde ich mit allen zusammen ins Gefängnis gesteckt, welches zwei Kilometer von Stettin entfernt war. Der Gefängnisleiter hatte uns vor der Erschießung gerettet, ich wurde in eine Kammer gesperrt. Als das Gefängnis evakuiert wurde, schickte man alle weiter Richtung Westen. Weil ich verwundet war, ließ man mich zurück. Am Abend gab mir der Gefängnisleiter einen Stock, Brot und Wurst und riet mir, mich selbst zu retten. Ich traf ein paar Franzosen. Sie nahmen mich auf einem Karren bis zur Hauptstraße mit und ließen mich dort. Dann kam der Fahrer vorbei, dessen Gehilfe ich gewesen war. Er brachte mich bis zum Stadtrand und bat ein paar Polen, mich ins Hospital zu fahren. Sie ließen mich in einem leeren Haus in der Stadt liegen. In schlechtem Zustand, mit hohem Fieber und eitrigem Bein fanden mich die russischen Soldaten. Sie zeigten mir den Weg ins Hospital und zogen selbst an die Front. Ich schleppte mich aus letzter Kraft an die Tore des Hospitals und setzte mich auf den Boden, weil ich nicht mehr laufen konnte. Dort fanden mich Sanitäter und halfen mir. Es stellte sich heraus, dass die Leiterin des Hospitals aus Georgien stammte (an ihren Namen kann ich mich leider nicht erinnern). Dort behielt man mich eine Woche und schickte mich dann in ein anderes Krankenhaus, weil das Fieber nicht sinken wollte. Auch dort traf ich auf einen Georgier – einen Sanitäter. Man wollte mich wegen des hohen Fiebers nicht operieren. Der Georgier half mir den Arzt zu überreden, und sie operierten mich – entfernten zwei Splitter aus meinem Bein. (Den letzten übriggebliebenen Splitter trage ich bis heute in der Seite.)

Bald wurde ich entlassen. Drei Mal wurde ich von der Spionageabwehr verhört, danach diente ich zwei Jahre in Schlesien, dann in Nowochopjorsk (siehe Foto anbei).

1947 wurde ich demobilisiert.

Meinen größten Dank an alle, die mir geholfen haben, die schweren Kriegsjahre zu überleben, und vor allem die Zeit in Gefangenschaft.

Hochachtungsvoll

N. Lomdsharia.

Zum Seitenanfang


Zurück zum Seitenanfang.