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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

447. Freitagsbrief (vom Februar 2005).

Ukraine
Gebiet Dnepropetrovsk
Donenko Demjan Demidovitsch.

Sehr geehrte Damen und Herren,

[…]

Ja, der Schrecken der deutschen Gefangenschaft wurde mir vom Mai 1942 bis April 1945 zuteil. Ich war an den Kämpfen auf der Krim beteiligt, geriet in die Einkesselung und anschließend zusammen mit vielen anderen in die Gefangenschaft. Bald wurden wir nach Belaja Zerkov [Stalag 334] bei Kiew abtransportiert, und spätestens dort ist jedem klar geworden, was uns weiter erwartet. In Holzkisten gefüllte Balanda stand auf dem Pferdewagen und war von uns dort abzuholen, wenn er vor der Kriegsgefangenenbaracke anhielt. Wer nicht sofort vom Pferdewagen wegsprang, wurde unverzüglich von deutschen Soldaten mit Schlagstockschlägen „beschenkt“. Unmittelbar nebenan waren in den Kellern jüdische Familien untergebracht, und bei ihnen ging es noch schlimmer zu. Beim Verlassen des Kellers für die Essensausgabe prügelte man gleich überall auf sie ein, sie versuchten auszuweichen, griffen gleichzeitig nach der Balanda und liefen zurück, während einige Deutsche ihnen unaufhörlich auf den Kopf, den Rücken, Hände und das Geschirr mit Balanda einschlugen. Mal fiel Geschirr nach dem Schlag auf den Boden, doch der Betroffene lief einfach gebückt weiter, um sich schnellstens in den Keller zu retten.

Danach überführte man uns in die Westukraine, in die Stadt Drogobytsch [Stalag 325Z]. Da war ein zu Nikolajzeiten gebautes Gefängnis, das 10 oder 12 Häuser zählte, in welchen je 1000 Menschen untergebracht waren. Beim Betreten und Verlassen des Raums standen auf jedem Geschoss 2 Soldaten und haben jeden geschlagen, damit er sich schneller bewegt, um auf diese Weise die Geschwindigkeit beim täglichen Betreten und Verlassen des Raumes zu erhöhen. An der Ausgabestelle für Balanda und das Stück Brot, die einmal täglich verteilt worden sind, standen zur Ordnungshütung 2 Soldaten, die jedem, der auch nur ein klein wenig zögerte und den rechtzeitigen Wegsprung nicht schaffte, einige Schläge mit dem Stock verpassten. Ein Mal passierte mir bei der Brotvergabe Folgendes: Als ich an der Reihe war und meine Hand schon nach meiner Portion streckte, fiel von ihr ein Stück ab. Der am Schalter Stehende wollte sie aufheben und mir wiedergeben. Ich blieb deshalb stehen und bekam dafür auf die rechte Schulter solch einen kräftigen Schlag, durch den ich nicht nur mein ganzes Brot verlor, sondern beinah auch noch das Bewusstsein.

Aus Drogobytsch wurden wir nach Deutschland gebracht und im Lager Nr. 326 [Senne] mitten im Kiefernwald ausgeladen. Dort verbrachte ich etwa 10 Tage, habe aber auch in dieser Zeit einiges erlebt. Die Wächter in diesem Lager trieben uns im Laufe des Tages mehrmals zum Appell. Sollte dabei einer nur das geringste falsch machen, gab es Schläge. Die schlimmste Schikanierung fand aber während der Wäsche statt. Dabei musste jeder die Kleidung zur Desinfizierung abgeben, sich dann in ein Zimmer begeben, wo auf den Bänken einige vollkommen stumpfe Rasierklingen lagen, mit diesen alle Haarstellen des Körpers rasieren und anschließend einseifen. Erst dann ging man sich waschen. Beim Verlassen dieses Zimmers wurde kontrolliert, ob die betreffenden Stellen gut rasiert waren. Wenn nicht, bekam man Schläge, ging zurück und musste weiter rasieren, die Klingen konnten aber nichts schneiden. Im Duschraum gab es insgesamt 5 Duschköpfe, doch eingelassen wurden 20 bis 25 Personen. Das Wasser kam für wenige Sekunden, danach hat ein nackter, dicker Armenier, der nur Unterhosen und Stiefel anhatte, schimpfend alle angeschrien: „Raus“. Und hinterher mit seinem Gummischlauch auf unsere bloßen Rücken eingedroschen. Doch wir, noch eingeseift und so gut wie gar nicht abgewaschen, konnten trotzdem nicht schneller, waren gezwungen, zu verzögern. Wie aus dem Boden tauchten dann ihm „zur Hilfe“ zwei Polizisten auf. Aus der Dusche kamen wir nass und nackt direkt nach draußen und warteten dort auf unsere desinfizierte Kleidung. Die Wartezeit betrug 1 bis 2 Stunden.

Eines Tages wurde unser Block zum Appell aufgestellt. Zwei Männer in Zivil suchten 10 Leute aus, zu denen auch ich zählte. Hauptsächlich waren das junge Kerle, die durch mangelhafte Ernährung noch nicht geschwächt waren. Wir wurden auf den Laster geladen und kamen nach der langen Fahrt im neuen Lager für 300 Personen an. Dort waren schon 40 Gefangene vor uns da. Mit uns wurden es 50 und somit besetzten wir eine komplette Baracke, neben der noch 5 andere standen. Außerdem gab es noch Küche und Toilette. Hinter dem Stacheldraht befand sich neben dem Eingang die Kommandantur, wo die Soldaten gewohnt haben, die für Bewachung und Ordnung im Lager verantwortlich waren.

Am nächsten Tag standen wir alle in den Reihen und sahen einen Mann in Zivil mit dem Lagerkommandanten an uns herantreten. Der Kommandant befahl, diesem Mann zu folgen und allen seinen Anweisungen Folge zu leisten. Er hieß Jule, war cirka 50 und brachte uns zur unweit des Lagers verlaufenden Schmalspurbahn. Dort wartete eine Zugmaschine mit dem Laderaum auf uns. Im Laderaum standen zwei Bänke gerade für 10 Personen gebaut, auf die wir uns dann freizügig verteilten. Jule setzte sich zum Zugführer und los ging die Fahrt über die Felder und Siedlungen bis hin zur Ankunft an der Torfgrube.

Ein Jahr lang habe ich dort gearbeitet. Von Tag zu Tag, ausgenommen Sonntage, holte Jule uns morgens ab, und brachte uns abends zurück. Gearbeitet wurde hauptsächlich mit Schaufeln, mit denen Torf vom Lehm und Sand gesäubert wurde. Unsere Aufgabe bestand darin, dort, wo die obere Grundschicht vom Bagger entfernt worden war, dem Torf anhaftenden Erdablagerungen zu beseitigen, die Oberfläche also so sauber zu machen, dass nur der Torf bleibt. Es gab aber auch Anderweitiges zu tun. So musste die Schmalspurbahn öfters mal zur Wand der Grube versetzt werden, damit der Bagger Drehmöglichkeit bekam, und folglich die Beladung des Waggons erfolgen konnte. Unter diesen häufigen Versetzungen litten die Befestigungen der Gleise, weshalb es dann bei der Schmalspurbahn zur Betriebsstörungen und Ausfällen kam. Wir mussten sie bei Wind und Wetter wieder in Gang setzen. Zur Hälfte im Dreck schleppten wir schwere Gleise auf unseren Schultern. Als dadurch meine rechte Schulter zu schmerzen begann, gewöhnlich wurden Gleise auf der rechten Schultern getragen, hat mich Jule für eine andere Arbeiten eingesetzt. Ich habe auf die Weiche aufgepasst und musste gleichzeitig die Dampfmaschine mit den daneben liegenden Kohlenbriketts beladen. Dazu standen nur eine Heugabel zur Verfügung, mit der die Briketts aufzunehmen und 2 Meter in die Höhe zu schleudern waren, damit sie dann im Tender landen konnten. Irgendwann hätte ich es vielleicht von alleine geschafft, dem Zugführer war das aber zu langsam. Er nahm mir einfach die Heugabel weg, und in 5–7 Minuten war der Laderaum vollgefüllt. Hin und wieder wurden wir von der Torfgrube abgerufen und zu den Arbeiten an die richtige, große Eisenbahn geschickt. Da mussten wir die abgesunkenen Stellen der Eisenbahn wieder hochwinden und entstehende Lücken mit Schotter zuschütten. Doch die Hebevorrichtungen waren dort so schwer, dass nicht alle Jungs sie von Stelle zur Stelle tragen konnten ihrer Schwäche wegen. Dann kam der Vorarbeiter, der uns vom Lager abholte, mit dem Namen ebenfalls Jule, aber jünger und ungefähr 2 Meter groß. Ohne ein einziges Wort trieb er die Jungs mit seinen Füssen zur Seite, nahm mit einer Hand die Gleiswinde und warf sie dorthin, wo sie aufgestellt werden musste. Das war im Frühling 1943, als nach dem Winter alle sehr geschwächt waren. Von 50 Leuten blieben nur 17 am Leben.

Eines Tages kamen wir nach der Arbeit zurück und sahen viele andere, neu hinzugekommene Kriegsgefangene. Ab da an waren 300 Menschen im Lager. Die Stimmung ging seit diesem Tag ein wenig nach oben. Die Balanda ist besser geworden und beinhaltete nicht mehr nur Gras, sondern sogar Kartoffeln und Grütze waren jetzt zu sehen. Ass man von ihr 3 Liter, war der Hunger erstmal gestillt.

Da aber holte mich ein anderes Unglück ein. Neben meiner angeschlagenen Schulter schmerzte nun auch mein Rücken.

Täglich während des Appells vor der Arbeit kam durch den Dolmetscher die Aufforderung an die Erkrankten, sich zu melden. Man musste 2 Schritte nach vorne tun, und dieses Mal war ich unter 20 anderen auch dabei, die es gewagt haben. Wir wurden alle zum Sanitätskorps in der Brikettfabrik gebracht. Als ich an der Reihe war, hatte ich große Angst, wieder keine Arbeitsbefreiung zu bekommen, wie es früher gewöhnlich der Fall war. Doch der Arzt, der die Untersuchung durchführte, ließ mir über den Dolmetscher mitteilen: „Sie werden unverzüglich auf Grund der Krankheit von der Arbeit befreit und in ein arbeitsfreies Lager versetzt. Ihr rechter Schulterknochen und unterer Rückenbereich sind von der Tuberkulose befallen. Sollten Sie überleben, wofür sehr lange Therapie notwendig wäre, werden Sie weder in Deutschland noch zu Hause physische Arbeiten leisten können.“ Nach der Wiederankunft im Lager wurde ich sofort in Begleitung eines Soldaten in das arbeitsfreie Lager geschickt. Wir waren zuerst mit der Straßenbahn und dann bis zum Lager, das etwa 35 Kilometer vor der französischen Grenze lag, mit dem Zug unterwegs. Außer Russen waren dort in der Nachbarschaft Franzosen, dahinter Engländer, und noch weiter Polen und Serben untergebracht. Das Essen gab es ein Mal pro Tag. 200 Gramm Brot und Balanda oder an ihrer Stelle gedünsteter Kohl mit ein paar kleinen, gekochten Pellkartoffeln. Von uns nebenan befanden sich hinter dem Stacheldraht die Franzosen. Sie aßen den Kohl nicht, sondern sammelten ihn, brachten ihn den Russen und verteilten ihn zwischen uns. In diesem Lager verbrachte ich über ein Jahr. Danach kam die Revision, die verkrüppelte, schwerverletzte und andere hoffnungslos Kranke, insgesamt 150 Personen, unter ihnen auch mich, aussortiert hat. Man setzte uns in 2 Eisenbahnwagen und schickte uns irgendwohin. Den Gerüchten zu Folge hieß es, sie würden uns in ein spezielles Haus für Krüppel bringen, irgendwo mitten im Wald, wo wir alle durch den Hungertod sterben sollen. Aber auf dem Weg, als der Zug Zwischenstation in Dortmund machte, wurde er in der Nacht durch einen Luftangriff zerstört. Am Morgen haben uns die Gleisarbeiter gefunden. Noch am selben Tag hat man uns dann in das am nächsten liegende Lager überführt. Um 3 Uhr nachmittags am 12 März 1945 begann das flächendeckende Bombardement der Stadt Dortmund und gleichzeitig unseres Lagers, das genau eine Stunde andauerte. Ich weiß nicht, was aus der Stadt geworden ist, aber das Lager war völlig zerstört. Alle Baracken waren zerbombt, die Menschen unter Trümmern begraben. Obwohl erst 4 Uhr am Nachmittag, war es da draußen dunkel. Der Stacheldraht um das Lager herum war hinuntergerissen und rollte sich zusammen. Eine der Bomben hat die Kommandanturgebäude erwischt und alle Soldaten getötet. Dies war ein sehr großes Lager, in dem alle mögliche Nationen untergebracht waren, auch Italiener. Leute aus unserer Baracke liefen immer während des Alarms in die italienischen Schutzgräben. So war es auch dieses Mal und wieder blieben sie unversehrt. Zwei Freunde hatte ich im arbeitsfreien Lager. Anton Ostapienko aus Kiew und Sergej Borschtschov aus Gomel. Jedem dieser Jungs fehlte es zwar an einem Bein, im übrigen waren sie aber grundsätzlich gesund. Beide haben sich durch gebastelte Holzhilfen gut angepasst und konnten sich zügig fortbewegen. Im Gegensatz zu mir, der nur für den Stuhlgang und dann auch noch mit dem Stock gehen konnte, ansonsten aber die ganze Zeit liegen blieb. Nach der zerstörerischen Bombardierung übernachteten wir noch in unserer Baracke, die nicht eingestürzt war, aber einige Löcher im Boden und im Dach abbekommen hatte. Am nächsten Tag bauten wir uns deshalb einen Schuppen für drei Betten. Ich blieb immer in ihm und habe auf die Bleibe aufgepasst, und die Jungs besorgten das Essen. Da sich nach dem Luftangriff das Lager aufgelöst hatte, und wir weder länger zu essen bekamen noch bewacht wurden, fanden meine Kameraden schnell den Weg nach draußen und entdeckten dort schon bald einen Kartoffelkeller, den sie später während der Bombardierungen immer wieder aufgesucht haben, um Kartoffeln in das Lager zu bringen. Eines Morgens schleppten sie eine Kiste Schnaps und eine weitere mit einem roten alkoholischen Getränk an und erzählten, dass es in der Nähe vom Lager einen Zirkus gegeben hat, in dem Spirituosen gelagert waren, und der nun zerbombt ist. Bewacht wurde er jetzt von amerikanischen Soldaten, die den Alkohol ausschließlich an die Russen vergaben. So lebten wir ganz eigenständig im Lager vom 12 März bis 18 April. Danach wurden wir abgeholt. Die Kranken wurden in die Krankenhäuser eingewiesen, die Gesunden zu den Sammelstellen gebracht.

Im Krankenhaus wurde mir nach der Anweisung deutscher Ärzte ein Gips angelegt, und zwar so, dass sowohl der Schulterknochen als auch Rückgrat sich darin befanden. Das ganze medizinische Personal waren Deutsche. Die Behandlung war sehr gut. Kurze Zeit später war der Krieg zu Ende. Im Gips hat man mich in die von unseren Truppen besetzte Zone nach Polen gebracht, so um das Ende 1945. Das ganze Jahr 1946 verbrachte ich im Krankenhaus mit verschiedenen Therapien. Danach wies man mich in die geschlossene Heilanstalt für Tuberkulosekranke ein, in der ich ununterbrochen seit dem Dezember 1946 bis zum September 1949 einer Genesung unterzogen wurde.

Ende August 1949 fertigte man für mich ein Gipskorsett an und stellte mich mit Hilfe der Massagen und speziellen Trainingseinheiten auf die Beine. Wenn auch nur mit Krücken,konnte ich mich mittlerweile fortbewegen. Kurze Zeit später wurde ich aus dem Krankenhaus entlassen und machte mich auf den Weg Richtung Heimat. Meine Eltern waren nicht mehr da, also kam ich bei meinem älteren Bruder unter.

Im Sommer 1950 wurde ich als Sekretär des Sowchosedirektors angestellt. Endlose Schreiberei kennzeichnete diese Arbeit, meine rechte Hand hörte jedoch nicht besonders auf mich. Erst ganz langsam ließen die Schmerzen nach. Zur körperlichen Arbeit war ich nicht in der Lage, und im Wachschutz wollte ich nicht unbedingt tätig werden. Also machte ich im Sekretariat weiter und wurde später in die Personalabteilung versetzt, wo es zwar weniger, aber immer noch reichlich zu schreiben gab.

Mit 44 begann ich meine Fernausbildung an der Landwirtschaftsfachschule, im Fach Obst- und Gemüseanbau. 1972 schloss ich die Ausbildung ab und wurde gleich auf die Stelle des Gruppenleiters der für Gemüseanbau verantwortlichen Brigade versetzt. Die in meine Verantwortung fallende Anbaufläche betrug 250 Hektar über unterschiedliche Felder verteilt. Lauferei vom Morgen bis Abend, dafür aber ohne Schreiberei. Als Gruppenleiter war ich 13,5 Jahre lang tätig.

Während der Arbeit im Büro schien der Tag lang und mühsam zu sein, so dass ich den Feierabend kaum erwarten konnte. Bei der Tätigkeit im Gemüseanbau reichte dagegen die Zeit nie mehr aus. Also dauerte mein Arbeitstag nicht mehr vom 8 bis 16 Uhr, sondern von 7 bis 18 Uhr und manchmal auch länger, doch die Zeit blieb trotzdem immer knapp. Trotzdemempfand ich nach der Arbeit tiefe Befriedigung.

Ich habe eine Familie: meine Frau, einen Sohn und eine Schwiegertochter, zwei Enkelinnen, eine schon verheiratet, und ein 4 Jahre alter Urenkel Aljoschka. Der Sohn lebt mit seiner Familie in Dnepropetrovsk, wir mit der Frau auf dem Land. Sie ist seit 18 Jahren an Diabetes und Herzgefäßkrankheiten erkrankt. Ich leide neben meiner Haupterkrankung auch noch an chronischer Bronchitis und andauernden Kopfschmerzen. 60 bis 70 Prozent unserer Rente beanspruchen die Ausgaben für Arzneimittel. Sie sind nämlich sehr teuer.

Ich stelle mir oft die Frage, wie es dazu kommt, dass ich so lange lebe. Drei Jahre Kriegsgefangenschaft zu überstehen, das hat nicht jeder geschafft. Ich glaube, es ist deshalb der Fall, weil ich damals noch jung war und nichts anderes aß, als das, was uns in den Lagern gegeben wurde. Die anderen lungerten herum, suchten immer nach etwas Essbaren und ließen ihrem Magen nichts erspart bleiben. Ich rührte außer Rotkohl, Preisselbeeren, Kohlrabi und Roten Beete nichts anderes an. Allerdings habe ich ein Mal durch einen Zwischenfall einen Dachs gegessen. Es ist am frühen Morgen passiert, als wir mit der Dampfmaschine zur Torfgrube fuhren. Wie gewöhnlich dösten wir in unserem Raum, als der Zug anhielt, und unser Chef Jule uns das gerade durch den Zusammenstoß getötete Tierchen zeigte. Er erlaubte, den Kadaver mitzunehmen und hat 2 Männer von der Arbeit freigestellt, die die Innereien herausnahmen und fürs Mittagessen sorgten. Damit stellte Jule unter Beweis, dass er ein richtiger Mensch ist. Überhaupt sah ich in drei Jahren Gefangenschaft viele deutsche Zivilisten, die normale, einfache Leute waren, durchaus dazu bereit, dem anderen in seiner Notlage zu helfen. Als ich noch kerngesund war, wurde unsere Arbeitsgruppe sonntags von Zivilisten abgeholt, die nach Absprache mit dem Lagerkommandanten uns zum Bunkerbau brachten. Nach dem Arbeitsende gaben Deutsche uns immer zu essen und irgendetwas mit. Während des Abendessens fragten sie nach unseren Familien, wie wir vor dem Krieg lebten. Zu solchen Arbeiten gingen wir immer gerne und waren sehr dankbar. In der Grube hat ein deutscher Zivilist in der ganzen Zeit nie einen Kriegsgefangenen geschlagen. Auch als ich, schon gesundheitlich angeschlagen, an der Weiche stand, haben die Zugführer Ferdinand und Franz mit mehrmals Stullen, Kartoffeln und Äpfel gegeben.

Als der Soldat mich in das arbeitsfreie Lager begleitete, und wir mit der Straßenbahn und mit dem Zug fuhren, fing ich die auf mich gerichtete Blicke ein, insbesondere von Frauen. Dies waren keine feindliche oder hässliche Blicke, sondern von Mitgefühl und Mitleid. Und wie wurden wir von den Deutschen bei der Behandlung im Krankenhaus nach der Befreiung aus der Gefangenschaft umsorgt?! Keiner von den Kranken kann der Belegschaft vorwerfen, nachlässig behandelt worden zu sein. Ich habe das immer noch in der Erinnerung, und werde es bis ans Ende der Tage in meiner Erinnerung behalten.

Also hatte ich während meines Aufenthaltes in der deutschen Gefangenschaft sowohl sehr schlechte, aber auch warme und menschliche Eindrücke. Kam immer darauf an, mit wem ich gerade zu tun hatte: mit normalen, guten Menschen, und das waren nicht wenige, oder mit den Faschisten.

Selbst der Soldat, der mich in das arbeitsfreie Lager brachte, erwies sich als ein guter Mensch. Wir standen auf dem Bahnsteig und warteten auf den Zug. Unten lagen zwischen den Gleisen Unmengen an Zigarettenkippen und Zigarrenresten. Den Tabakpreis im Lager kannte ich allzu gut, also fragte ich ihn nach der Erlaubnis, welche zu sammeln. Ohne jegliches Nachdenken nickte er mir zustimmend zu, woraufhin ich mich gleich an die Sache heranmachte und zwei Taschen voll mit Zigarettenkippen füllte, was mir später im Lager über mehrere Monate hinweg bessere Ernährung ermöglichte. Denn 3 Prisen Tabak waren ein Viertel der täglichen Brotmenge wert. Bevor ich gefangen genommen wurde, war ich ein Raucher. Als ich in der Gefangenschaft davon erfuhr, dass so mancher für 3 Prisen Tabak einen Viertel seiner täglichen Brotmenge abgibt, habe ich damit unverzüglich aufgehört und vielleicht deshalb überlebt.

Damit wäre ich am Ende.

Nochmals möchte ich an Sie und alle den Dank richten, die sich an den Spenden beteiligt haben. Ich wünsche Ihnen allen Glück, Gesundheit und das Gute, damit der Welt den Schrecken des Nazismus nie wieder widerfährt.

Leben Sie wohl und bleiben gesund und erfolgreich bei Ihrer edelmütigen Tätigkeit.

01.02.05.

gez. Donenko D. D.

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