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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

446. Freitagsbrief (vom April 2006, aus dem Russischen von Dmitri Stratievski).

Ukraine
Gebiet Tschernigow
Andrej Grigorjewitsch Schejna.

Guten Tag, sehr geehrte Frau Dr. Hilde Schramm und Herr Eberhard Radczuweit,

Mit Hochachtung, besten Wünschen, vor allem beste Gesundheit und herzlichen Grüßen wendet sich an Sie Andrej Grigorjewitsch Schejna. Ich habe Ihren Brief erhalten. Ich möchte über meinen dreijährigen Aufenthalt im Kriegsgefangenenlager in Rüdersdorf erzählen.

1939 wurde ich in die Sowjetarmee einberufen. Ich diente in Krasnojarsk in Sibirien. Als der deutsch-sowjetische Krieg begann, befand ich mich bei Brest. Zum 1. Juli 1941 zogen sich die sowjetischen Truppen bis Kowel zurück. Hier wurde ich gefangen genommen. Vor der Gefangennahme hatte ich weder einen Faschisten gesehen noch selbst auf jemanden geschossen noch hatte jemand auf mich geschossen. Vielleicht rettete mich Gott dank dieser Tatsache.

1,5 Monate verbrachte ich im Lager Nr. 307 [Biala Podlaska/Polen]. Ich lebte unter freiem Himmel. Danach brachte man uns ins Lager Nr. 308 [Stalag VIII E(308) Neuhammer am Quais/Schlesien] Hier mussten wir in selbst gegrabenen Erdlöchern leben. Als Essen gab es einen Laib Brot für 20 Personen und 400 g Suppe. Es gab kein Geschirr. Die Suppe wurde direkt in die Feldmütze gegossen. Die Suppe verteilte man einmal täglich, deshalb aßen wir sehr langsam, um das Hungergefühl zu mindern. Das Lager Nr. 308 besuchten hochrangige Offiziere. Sie liefen hin und her und beobachteten uns. Wir rechneten damit, dass wir bald zur Arbeit herangezogen werden sollten. In diesem Fall würden wir wenigstens nicht verhungern. Es gab aber keine Arbeit. Wir hatten weder Militärmäntel noch feste Schuhe. Die alte Kleidung war kaputt. So vergingen vier Monate. Alle wurden krank und hatten Läuse.

Endlich brachte man uns in ein Lager mit Kasernen [Stalag IIIB Fürstenwalde?]. Wir durften uns waschen und rasieren. Die Kleidung wurde gereinigt. Ganz abgetragene Kleidung wurde ersetzt. Wir schliefen auf Kopfkissen mit Holzspänen. Hier mussten wir Gymnastik betreiben und auf Arbeitseinsätze warten. Hoffnung kam auf. Ich geriet ins Kommando 80, Zementwerk in Rüdersdorf. Dort arbeitete ich bis zum Kriegsende. Die deutschen Arbeiter waren gut. Es gab keine Schläge und Schreie. Die Wächter waren auch in Ordnung. Zuerst bewachten uns 12 Personen. Am Ende gab es nur zwei Alte. Die Köchin, die uns Suppe zubereitete, war eine sehr nette Frau. Sie hieß bei uns „Mutter“. Sie war die Schwiegertochter eines Restaurantbesitzers. Sie klaute für uns etwas Brot und Kartoffeln und tat alles für uns gefangene Soldaten. In meinem Gedächtnis bleiben beste Erinnerungen an diese Frau. Ich hätte gerne diese Orte erneut besucht. Sehr geehrte Frau Dr. Hilde Schramm, erkundigen Sie sich bitte, ob das Zementwerk noch existiert. Ich bitte Sie sehr um die Organisation eines Ortsbesuches.

2005 habe ich bei der Stiftung „Verständigung und Aussöhnung“ Hilfe beantragt. Ich erhielt aber eine Absage. In Tschernigow wurde mir angeboten, die Erinnerungen niederzuschreiben. Damals konnte ich nicht schreiben. Vielleicht war es der Absagegrund.

Falls das Zementwerk nicht mehr im Betrieb ist, leiten Sie bitte diesen Brief an das Restaurant in Rüdersdorf 30 weiter. Vielleicht arbeiten dort Kinder und Enkelkinder der Menschen, die uns während der schweren Zeit geholfen hatten. Aus unserem Kommando 80 wurden nur 13 Personen lebendig befreit. Die anderen sind für ewig im deutschen Boden geblieben.

Zwei Jahre lang arbeitete ich als Lastträger. Für diese Arbeit bekam ich eine große Essensration. Meine Kameraden, die direkt im Werk eingesetzt wurden, erhielten ein Brot für vier Personen. Wir bekamen dagegen ein Brot für drei Personen.

Auf Wiedersehen. Ich warte auf Ihre Antwort.

Hochachtungsvoll

Andrej Grigorjewitsch Schejna.

****.

Wir luden ihn ein, im September 2007 war er in Rüdersdorf. Er fand keine Anhaltspunkte für seine Arbeitsstelle, Ortskundige suchten leider vergebens nach dem Restaurant. Herr Schejna schrieb uns zuletzt im Februar 2014.

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