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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

445. Freitagsbrief (aus dem Russischen von Dmitri Stratievski).

Russland
Gebiet Smolensk
Aleksandr Fedorowitsch Blinow.

Sehr geehrte Damen und Herren, […]

Ich möchte meine aufrichtige Dankbarkeit für die Hilfe in Höhe von 300 Euro zum Ausdruck bringen. Ich habe eine große Familie: Vier Kinder, sieben Enkel und vier Urenkel. Zwei Enkelkinder haben (zum Teil mit meiner Unterstützung) die Hochschule absolviert. Zwei Enkel studieren noch. Heute ist bei uns das Hochschulstudium überwiegend kostenpflichtig. Ich helfe meinen Enkeln den Kräften angemessen. Ich habe keine Ersparnisse, investiere jedoch ein bisschen Geld aus meiner Rente.

Am 7. September 2005 starb mein Schwiegersohn, Jahrgang 1953. Ich musste mein Sterbegeld für die Bestattung ausgeben. Das Geld reichte für den Bau eines kleinen Zauns. Für den Grabstein gab es kein Geld mehr. Jetzt kann ich dank Ihrer Unterstützung aus der Geldnot rauskommen. Danke, danke, danke!

Mit Hochachtung und großer Dankbarkeit.

A. Blinow (Unterschrift).

P.S. Möge Gott Ihnen beste Gesundheit und ein langes und glückliches Leben geben. Mein Dank geht an alle Spender.

Jetzt werde ich über mein vergangenes und aktuelles Leben berichten.

Vor dem Krieg absolvierte ich eine Schule für Landwirtschaft, Fachrichtung – Unteragronom. Ich durfte nicht in die Armee einberufen werden, weil ich das 18. Lebensjahr noch nicht vollendet hatte. Meiner Bitte zufolge wurde ich als ein Mensch mit mittlerer Schulreife in eine Militärschule aufgenommen. Im Oktober [1941] wurde ich nach der 3½-monatigen Vorbereitungszeit zum Sergeanten befördert und an die Front geschickt. Ich kämpfte in der 2. Gardearmee an der Wolchower Front. Ich kämpfte tapfer und patriotisch. Mehrere Male wurde unsere Einheit eingekesselt. Jedes Mal gelang es mir, das gefährdete Gebiet zu verlassen. Am 30. September 1942 wurden wir erneut belagert. Ich bekam eine Kopfverletzung und wurde gefangen genommen. Zum Glück war es nur ein Streifschuss.

Man sagt bei uns: „Es gibt ein Leben, das schlechter als das Leben eines Kriegsgefangenen ist. Das passiert aber sehr selten.“ [*] Sehr schlimm war die Ernährung. Wir bekamen etwa 250–300 g Brot und eine Balanda aus kaum geschälten Rüben. Elf Monate verbrachte ich im Lager von Wilna [Stalag 336Z]. Zuerst gab es keine Arbeitseinsätze. Die Sterberate war groß. Sehr schnell starben diejenigen, die in den Abfalltonnen Speisereste sammelten. Ich aß ausschließlich meine Tagesration. Ich war jung und rauchte nicht. Ich überlebte, obwohl ich bereits einen Gewichtsverlust zweiten Grades hatte.

Im August 1943 brachte man uns in Viehwaggons nach Deutschland. Vor dem Einsteigen wurden wir gründlich durchsucht. Einige Gefangene brachten trotzdem verbotene Gegenstände wie kleine Taschenmesser mit sich. Sie wurden in der Regel im After versteckt. Als die Waggontüren zugingen, begann die Fluchtvorbereitung. Wir schnitzten im Holzboden ein Loch mit dem Ziel, uns bei der Fahrt vorsichtig auf die Schwellen zu legen. In unserem Waggon gab es aber einen Verräter. Am nächsten Morgen verließ er uns bei der Essensausgabe und berichtete dem Wachmann über unser Vorhaben. Die Essensausgabe wurde sofort eingestellt. Unser Waggon wurde überprüft. Die Deutschen entdeckten relativ schnell das Loch. Wir mussten aussteigen und uns ausziehen. Danach wurden wir mit Gummisknüppeln brutal zusammengeschlagen. Dann mussten wir wieder einsteigen. Vier Tage fuhren wir ganz nackt. Bis zum Ankunftsort bekamen wir weder Wasser noch Essen.

Wir kamen in die Stadt Bottrop im Ruhrgebiet. Man sperrte uns in ein Lager hinter Stacheldraht. Wir wurden unter Bewachung zur Arbeit geführt. Ich arbeitete in der Zentralwerkstatt von Krupp. Ein Deutscher nahm mich als Hilfsarbeiter. Ich musste Gasflaschen für die Schweißgeräte transportieren. Unser Auftraggeber war vor allem die Koksfabrik „Kokerei“. Die Nahrung war hier deutlich besser. Der deutsche Schweißer gab mir zudem täglich ein belegtes Brot oder ein einfaches Stück Brot. Ich wurde kräftiger. Ich bin Gott dankbar, dass ich der einzige Russe in diesem Werk war. Der Arbeiter hieß Willi. Er half mir wirklich sehr. Bei der totalen Mobilmachung wurde er in die Armee eingezogen. Ich musste als Schweißer alleine weiterarbeiten. Das klappte. Die Deutschen wunderten sich, wie schnell ich die Schweißkunst gelernt hatte.

Am 18. April 1945 begannen wir einen Fußmarsch in unbekannte Richtung. Am 20. April befreiten uns die Alliierten. Die Wächter verließen uns beim Anblick amerikanischer Panzer. In Lippstadt gab es ein Sammellager. Im Juli wurden wir an die russischen Truppen übergeben. Ich spürte sofort geringschätziges, manchmal auch böses Verhalten. Uns wurde vorgeworfen, dass wir Vaterlandsverräter wären. Bis zur Grenze der UdSSR gingen wir zu Fuß. Das waren 2000 km. Täglich marschierten wir cirka 60 km. An der Grenze stiegen wir in Güterzüge und fuhren bis Makejewka im Gebiet Donezk.Manche Menschen mussten auf offenen Bahnplattformen fahren. In Makejewka bauten wir zerstörte Bergwerke wieder auf. Es herrschte militärische Ordnung. Parallel zur Arbeit wurden wir geprüft. Im Dezember 1947 kam der Regierungserlass über die Entlassung der Lehrer, Ärzte und Spezialisten für die Landwirtschaft. Ich fuhr nach Smolensk. Später erfuhr ich, dass die Filterkommission mich freigesprochen hatte. Das war aber keine Sicherheit gegen die Willkür der Behörden. Das betraf auch das Verhalten einiger Menschen im Umgang mit uns ehemaligen Kriegsgefangenen.

Ich arbeitete als Agronom. Das ganze Leben lebte ich mit einem Brandmahl, das nicht auszuradieren oder wegzuwaschen war. Unter Stalin durften wir kein Hochschulstudium aufnehmen. Über einen Karriereaufstieg konnte man nicht mal träumen. Wir hatten keine Chance, als Abgeordnete gewählt zu werden. Wir Kriegsgefangene waren Menschen der zweiten Klasse.

1949 heiratete ich. Meine Ehefrau war gut und arbeitswillig. Wir lebten auf dem Lande. Viel arbeiteten wir auf unserem Grundstück. Meine Frau war Buchhalterin. Wir zogen vier Kinder groß. Alle Kinder bekamen Hochschulbildung. Sie arbeiteten in ihren erlernten Berufen: Lehrer, Arzt, Buchhalter und Ökonom. Sie bekleideten keine leitenden Posten: der Vater war in Kriegsgefangenschaft. Offiziell wurde davon nicht geredet. Inoffiziell war der Grund für den Nichtaufstieg ganz klar. Die Kinder sind Angestellte im öffentlichen Dienst. Bei uns bekommen diese Menschen niedrige Gehälter. Wir Großeltern waren also auch für die Ausbildung der Enkelkinder zuständig.

Mein Leben neigt sich bereits dem Ende zu. Es war sehr bescheiden. Zum Glück war ich kein Raucher und kein Trinker. Dadurch mussten wir wenigstens nie Hunger leiden. Meine Frau starb 1994. Seitdem lebe ich allein und helfe meinen Enkeln. Zur Amtszeit von Jelzin war das Leben sehr schwer. Er vernichtete die Sowjetunion und unser Wirtschaftssystem. Wenn wir kein Grundstück gehabt hätten, hätten wir gehungert. Drei bis vier Monate lang wurden keine Renten ausgezahlt. Heute haben wir den klugen Präsidenten W. Putin. Es bemüht sich um das Wohlergehen des Volkes.

Kurz über den Zustand meiner Gesundheit. Ich habe eine Reihe von … Im Dezember 2005 überlebte ich einen Herzinfarkt. Ich habe Gelenkschmerzen und kann mich nur mit einem Gehstock bewegen. Nach dem Tod meiner Ehefrau verkaufte ich mein Grundstück. Dank der Unterstützung des Veteranenrates bekam ich eine Ein-Zimmer-Wohnung in der Stadt. Ich lebe sehr bescheiden.

Noch einmal vielen Dank für Ihre Unterstützung. Sie verlängern mein Leben! Sie können sich nicht vorstellen, wie wichtig für mich der Ausdruck Ihrer Aufmerksamkeit ist. Das ganze Leben lang ist es ein einziges Geschenk, vielleicht auch das letzte. Großer Dank [Original deutsch].

Möge Gott Ihnen beste Gesundheit, Glück und ein langes Leben geben.

07.04.2006.

(Unterschrift).

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[*] Der Autor interpretiert frei eine feste russische Redewendung. (Übersetzer).

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