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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

444. Freitagsbrief.

Russland
St. Peterburg
Nikolaj Nikolajewitsch Danilow.

Sehr geehrter Herr Eberhard Radczuweit.

Ich bitte um Entschuldigung für die verspätete Antwort. Zugleich möchte ich meine Dankbarkeit für Ihr Mitgefühl und für die durchgeführte Arbeit zum Ausdruck bringen. Ich habe das Geld in Höhe von 300 Euro erhalten. Meine Antwort kam verspätet, weil ich eine Lungenentzündung hatte. Nach dem Verlassen des Spitals habe ich einen Hirnschlag überlebt.

Ein paar Worte über meine Person. Vor dem Krieg lebte ich zusammen mit den Eltern in Leningrad. Hier habe ich 10 Klassen einer Mittelschule absolviert. Anfang Juni 1941 beendete ich eine Militärschule. Ich wurde als Zugkommandeur in eine Militäreinheit überwiesen. Vom 22. Juli bis August 1941 nahm ich an den Kampfhandlungen teil. Im August 1941 wurde ich beim Verlassen des belagerten Gebiets gefangen genommen.

Ich lebte bis zum Kriegsende in Gefangenschaft. In dieser Zeit war ich in folgenden KZs: in Cholm [Stalag 319], Samostje [Zamosc 319Z], Kresty [?], Hammelburg [Stalag XIIIC]. Am schlimmsten erging esmir im Lager in Samostje. Für das Lager wurden die Kasernen und der Pferdestall einer polnischen Kavalleriedivision benutzt. Mir stand ein Platz im Stall zu. Die Gefangenen schliefen fast auf dem nackten Boden. Im Herbst 1941 kam es im Lager zu einer Typhusepedemie. Kranke und Gesunde lagen durcheinander. Über unsere Körper krochen Läuse und Ratten. Es gab überhaupt keine ärztliche Hilfe. Wenn ich vom Schlaf oder aus der Bewusstlosigkeit erwachte, sah ich neben mir die Leichen meiner Kameraden. Infolge der Krankheit und dem unerträglichen Essen, das aus einem Teller Rübensuppe und einem Stückchen Brot bestand, wurde ich sehr schwach. Der Hunger, die Erniedrigungen und Massenerschießungen führten zur undenkbaren Todesraten bei den Kriegsgefangenen. 1942 wurden die am Leben gebliebenen Kriegsgefangenen an andere KZs [tatsächlich Kriegsgefangenenlager] verteilt, die im Grunde genommen dem Lager in Samostje ähnlich waren. Ende 1942, Anfang 1943 wurde ich zusammen mit einer Gruppe der Kriegsgefangenen zur Arbeit in der Stadt Elbogen [tschech. Loket, Böhmen bei Karlsbad] herangezogen. Hier blieb ich bis zum Kriegsende. Ich arbeitete in der Fabrik EPIAG [Erste Böhmische Porzellan AG, Karlsbad]. Die Fabrik hat Porzellangeschirr produziert. Im Vergleich zum Lager war das Leben in der Fabrik wesentlich besser. Sowohl die Nahrung als auch die Lebensbedingungen waren besser. Die deutschen Arbeiter, das waren überwiegend Frauen, haben uns gut behandelt. Besonders deutlich wurde es als die Arbeiterinnen merkten, dass wir uns von ihren Ehemännern und Söhnen nicht unterschieden. Ich arbeitete in einer Abteilung namens ‚Brennhaus‘ und beschäftigte mich mit Müllabfuhr und mit Be- und Entladen von Öfen. Die Arbeit war körperlich sehr schwer. Aufgrund von begrenzter Nahrung war es schwierig. Ich will betonen, dass die Arbeitskolleginnen sich aufrichtig um uns kümmerten und trotz der schlechten Zeiten unsere Arbeit erleichterten und uns etwas zum Essen gaben.

Im Mai 1945 wurden wir befreit. Man schickte uns in die Heimat. Ich erhielt wieder den Dienstgrad eines Leutnants. Danach diente ich in einer Militäreinheit. Im Oktober 1946 wurde ich demobilisiert und kehrte zum ständigen Wohnsitz nach Leningrad zurück. 1947–1952 habe ich an der Leningrader Berghochschule studiert. Von 1952 bis 1980 arbeitete ich in meinem erlernten Beruf in einem Projektinstitut. Heute bin ich Rentner. Ich würde sagen, dass ich keine Einschränkungen oder Strafen, auch bei der Berufsauswahl, gespürt habe.

Kurz über meine Familie. Meine Ehefrau ist Rentnerin und Invalidin der 1. Stufe. Meine Tochter und Enkeltochter arbeiten. Der Stiefsohn ist ein Beamter im niedrigen Dienst.

Ich möchte noch einmal Ihnen persönlich und Frau Dr. Hilde Schramm, Herrn Dr. Gottfried Eberle und dem ganze Verein KONTAKTE-KOHTAKTbI meinen Dank aussprechen und beste Gesundheit und weitere Erfolge in der schweren Arbeit wünschen.

Mit tiefer Hochachtung und besten Wünschen

N. N. Danilow.

07.03.2006.

(Unterschrift).

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