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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

443. Freitagsbrief (Korrespondenz vom Juli 2005 bis Februar 2011).

Ukraine
Gebiet Odessa
Dmitrij Sacharowitsch Woloschin.

Guten Tag, sehr geehrte Damen und Herren.

Es schreibt Ihnen ein ehemaliger Soldat der Sowjetarmee und ehemaliger Kriegsgefangener, Woloschin Dmitrij Sacharowitsch; Jahrgang 1922, wohnhaft im Gebiet Odessa.

Am Anfang des Krieges 1941 bin ich in die Armee einberufen worden. Ich habe Odessa und Sewastopol verteidigt. Die Verteidigung von Odessa dauerte 73 Tage, von Sewastopol 250 Tage. Als Stalin befahl, die Truppen aus Sewastopol zu evakuieren, war es schon zu spät. Die Deutschen hatten bereits alle Schlüsselpositionen erobert, was jede Möglichkeit für unsere Schiffe hinderte, Sewastopol zu erreichen. Das Oberkommando hat die Stadt mit Flugzeugen und U-Booten verlassen. Die anderen sind in der Stadt geblieben und wurden gefangen genommen. Berichten der deutschen Presse zufolge wurden 54 000 sowjetische Soldaten und Offiziere gefangen genommen. Wir wurden auf die Steilufer der Buchten bei Sewastopol zurück getrieben und ins Visier der Maschinengewehre genommen. Die Deutschen spielten Mundharmonika, sangen und fragten herüber, ob die russischen Schweine Hunger und Durst hätten. Wir tranken Meerwasser und erbrachen uns. Erst am dritten Tag haben wir kapituliert. Am 4. Juli 1942 geriet ich an der Bucht Kamyschewaja bei Sewastopol in deutsche Gefangenschaft. Die Kriegsgefangenen wurden in Kolonnen aufgestellt. Es wurden Kommandeure, Kommissare und Juden weggebracht. Die Wertsachen wurden weggenommen. Meine schweizerische Uhr „Paul Buhre“ wurde ebenfalls beschlagnahmt. Die rumänischen Soldaten nahmen auch gute Schuhe und Bekleidungsstücke weg. Ich verlor meine guten Lederstiefel. Es gab keinen Ersatz. Ich ging barfuß über die Straße und fand einen Halbschuhe und etwas später noch einen, beide für denselben Fuß – so musste ich weiterlaufen. Jemand hatte plötzlich den Verdacht, dass ich Jude bin. Ich wurde in die jüdische Kolonne überwiesen. Ich begann zu weinen und zu sagen, dass ich kein Jude, sondern ein Ukrainer sei. Die Soldaten zwangen mich, die Hosen auszuziehen. Man guckte mich an und ein Soldat sagte: „niks Jude!“ [*] und schickte mich in die allgemeine Kolonne zurück. Die Wächter haben uns weder Essen noch Wasser gegeben. Gefangene brachen vor Durst und der brennenden Sonne zusammen. Und starben.

Wir kamen ins KZ [tatsächlich Kriegsgefangenensammelstelle] am Rande der Stadt Bachtschisaraj. Wir wurden unter dem freien Himmel in der glühenden Sonne untergebracht. Hier haben wir zum ersten Mal das Essen erhalten. Wir erhielten eine Balanda aus Kleie in heißem Wasser. Weil nicht jeder Gefangener einen Napf hatte, wurden als Teller die Feldmützen oder einfach die hohlen Hände benutzt. Diese Nahrung (die Balanda) erhielten wir einmal täglich. Von Bachtschisaraj wurden wir nach Simferopol [Dulag 241], dann nach Nikolajew [Dulag 162] und anschließend nach Cherson [Dulag 120] transportiert. Nach Cherson kamen die Deutschen mit Autos und wählten gesunde Gefangene aus. Wir sollten in der Landwirtschaft arbeiten. Ich kam in ein Kriegsgefangenenlager an der Bahnstation Wodopoj. Die Gefangenen bauten hier im Gebiet Nikolajew einen Militärflugplatz. Im Lager gab es zehn Erdlöcher mit Pritschen, 250 bis 300 Männer in jeder Erdhütte. Das Lager war mit einer doppelten Stacheldrahtreihe umzäunt. Auf den Türmen standen Wächter. Die Erdhütten wurden nachts verschlossen. In jeder Erdhütte gab es ein Loch, das als WC diente.

Wir bauten einen Flugplatz: errichteten Hallen für die Flugzeuge, die Infrastruktur, leisteten Erdarbeiten und gruben Schützengräben. Die Arbeit dauerte den ganzen Tag mit einer Mittagspause. Hier gab es dreimal täglich eine Balanda. Zum Mittagsessen gab es auch 100 g Brot. Im Lager waren auch Juden. Sie erhielten nur dieHälfte der normalen Balandaration. Jedes Mal wurden die Juden vor dem Essen gezwungen, auf dem Tisch stehend drei Mal laut zu rufen: „Wir Juden sind an diesem Krieg schuldig, deshalb bekommen wir eine halbe Portion!“ Die Wächter haben die Kriegsgefangenen sehr brutal behandelt. Die Gefangenen starben an Unterernährung, unzumutbarer Arbeit, Krankheiten, Kälte. Sie bekamen von der Lagerverwaltung keine Winterkleidung. Wer keine Winterkleidung besaß, erfror.

1943 gelang es mir und meinen Kameraden zu fliehen. Ich schaffte es nach Hause und lebte auf dem besetzten Gebiet. Im März 1944 wurde diese Ortschaft durch die Sowjetarmee befreit. Ich bin zum zweiten Mail einberufen worden. Nach einer Sonderprüfung kämpfte ich an der Front. Ich wurde bei der Überquerung der Spree bei Berlin verletzt. Ich hielt mich sechs Monate im Lazarett auf und diente danach weiter. 1947 wurde ich aus der Armee entlassen. Sie wissen vielleicht, dass nach dem Erlass von Stalin und ZK der KPdSU die Kriegsgefangenen als Vaterlandsverräter eingestuft wurden. Die ehemaligen Gefangenen wurden dementsprechend behandelt: bestraft, in Strafeinheiten überwiesen, nach Sibirien zwangsumgesiedelt. ... In der Nachkriegszeit wurden die ehemaligen Kriegsgefangenen vom KGB beobachtet. Ich wollte einmal als Tourist nach Deutschland reisen. Für die Kriegsgefangenen wurde es untersagt.

Anbei schicke ich zwei Fotos: ein altes Foto in der Uniform eines Militärarztes und ein gegenwärtiges Foto. Ich möchte gerne einen Brief von Ihnen erhalten und über das Schicksal der ehemaligen deutschen Kriegsgefangenen erfahren.

In der Hoffnung auf eine Antwort sage ich: „Auf Wiedersehen“.

Hochachtungsvoll

Woloschin D.S.

22.04.2005.

Mit Herrn Woloschin gab es eine regelmäßige Korrespondenz, auch mit unserem verstorbenen Mitglied Prof. Wolfgang Ludwig, der als 18jähriger in sowjetischer Kriegsgefangenschaft war. Während eines Besuchs mit zwei weiteren ehemaligen sow. Kriegsgefangenen in Berlin im Herbst 2007 schrieb er einen Offenen Brief an Bundeskanzlerin A. Merkel wegen der Ignoranz der deutschen Regierung gegenüber dem ihm und Millionen seiner Kameraden in deutschem Gewahrsam zugefügten Leid.Der Brief blieb unbeantwortet. Auszüge aus weiteren Briefen:

September 2010

Ich habe in meinen Erinnerungen geschrieben, dass die deutsche Armeeführung die Gefangenen in den besetzten Gebieten nicht versorgt hat, sie beschäftigten sich nicht mit der Frage ihres täglichen Überlebens. Die Gefangenen bekamen keine Kleidung, wurden nicht medizinisch behandelt, Essen gab es nur zweimal am Tag, zum Mittag einen Liter Balanda und am Abend 200g Ersatzbrot. Die meisten Gefangenen hatten kein Essgeschirr und keine Löffel, das war den Deutschen egal, viele Gefangene, auch ich, bekamen ihre erste Balanda in die Feldmütze oder in die hohle Hand.Ich musste meine Unterjacke und meine Schuhe gegen Balanda und Brot eintauschen, es waren zwei linke Schuhe, da die Rumänen mir auf dem Weg meine Stiefel abgenommen hatten und ichzwei gleiche Schuhe gefunden hatte. In denen lief ich dann herum, bis ich sie gegen Balanda und Brot eintauschte.

Nach meiner Flucht aus dem Transport, mit dem wir nach Deutschland gebracht wurden, war ich wieder ohne Kleidung und Schuhe, und es war schon Ende Oktober. Ja, meine jungen Jahre waren tragisch. Bis heute ist der Schmerz geblieben.

Februar 2011.

Als ich jung war, habe ich sehr selten an die Zeit von Krieg und Gefangenschaft zurückgedacht, aber als ich älter wurde, da öffneten sich die alten Wunden wieder und das ist sehr schmerzhaft. Nachts habe ich Alpträume, ich schreie im Schlaf und wache gemartert auf, und danach kann ich sehr schwer wieder einschlafen und muss an all die Gräuel des Krieges und der Gefangenschaft zurückdenken. Die schlimmste Phase in der Gefangenschaft war, als wir Gefangene keinerlei Rechte hatten, wir hatten nur das Recht zu atmen, durften atmen bis zu einer bestimmten Zeit. Ich wollte auf keinen Fall hungrig sterben. Ich träumte davon, einmal gut zu essen und dann in Ruhe zu sterben. Als ich aus der Gefangenschaft geflohen bin, da stieß ich auf ein Feld mit Zuckerrüben. Ich aß sofort zwei Rüben auf und anschließend erbrach ich sie wieder.

Ich wurde im Juli 1942 in Sewastopol gefangen genommen. Ich war nicht alleine. Ich hatte dutzende, tausende Leidensgenossen. Damals war ich 20 Jahre alt. Ich verstand sofort, dass ich nun ein schutzloses Tier bin. Uns wurde alles entzogen: das Recht auf Kleidung, Nahrung und sogar auf Wasser. Es gab nur Luft. Die Behandlung der sowjetischen Kriegsgefangenen von Seiten der deutschen Armee war einfach unmenschlich.

Bei seinem Besuch in Berlin berichtete er vor Schülern der Sophie-Scholl-Oberschule Folgendes: Er beschwerte sich zusammen mit Kameraden im Lager Wodopoj beim Kommandanten, dass er als Offizier nach der Genfer Konvention nicht zur Arbeit herangezogen werden dürfe. Der Kommandant gab ihm Recht und befreite ihn und seine Kameraden von der Arbeit für die Wehrmacht. Er arbeitete allerdings im Lager als Arzt, wenn auch weitgehend ohne Medikamente und Verbandszeug.

Die Flucht gelang ihm auf dem Transport nach Deutschland aus einem maroden Eisenbahnwaggon.

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[*] Originalsprache, gebrochenes Deutsch (Übersetzer).

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