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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

442. Freitagsbrief (vom November 2005, Übersetzung aus dem Ukrainischen).

Ukraine
Kiew
Petr Nikititsch Peresunk.

Sehr geehrte Frau Dr. Hilde Schramm und Eberhard Radczuweit!

Meine tiefe Achtung und Dankbarkeit für Sie und die Mitglieder des Vereins KONTAKTE-KOHTAKTbI. Ihr Brief hat mich tief berührt und erregt. Er zwang mein nicht mehr junges Gedächtnis zu arbeiten. Denn ich, Petr Nikititsch Peresunko, bin bereits 91 Jahre alt, und jene schrecklichen Ereignisse liegen mehr als 65 Jahre zurück.

Ich beendete das Pädagogische Institut in Rostow 1939. Meine Frau und ich wurden zur Arbeit nach Kusnetschich in der Tatarischen Republik geschickt. Im November 1939 wurde ich in die Armee in die Nachrichtenkompanie einberufen. Unser Regiment lag in der Stadt Idriza. Die Bewaffnung und Nachrichtenmittel in der Armee waren auf Bürgerkriegsniveau, die Offiziere waren im wesentlichen Unterleutnants, die Bewaffnung Drillingsgewehre, Maschinenpistolen gab es kaum. Wir glaubten nicht an einen baldigen Krieg, da mit Deutschland ja ein Freundschaftsvertrag abgeschlossen war. Am Tag vor Kriegsbeginn lasen wir eine offizielle Mitteilung in der Zeitung „Prawda“, dass deutsche Truppen an der Grenze stünden – das bedeutet keinen Krieg, und Gespräche über dieses Thema waren Provokation. Wie das endete, ist allen bekannt.

Alles Durchlebte kann man nicht auf Papier beschreiben. Dieses ist nur ein unbedeutender Teil meiner Erinnerungen. In Idriza befand sich der örtliche Stützpunkt für Jagdflugzeuge, sie war einem massiven Beschuss aus der Luft ausgesetzt. Nach ein bis anderthalb Monaten Kämpfen wurden wir eingeschlossen, und der Kommandostab der Truppe gab den Befehl, in einzelnen Abteilungen selbständig auszubrechen. Unser Zug geriet in einem großen Waldgebiet unter Artilleriebeschuss. Ein Baumstamm fiel auf mich und mein Fuß wurde von einem Granatsplitter verletzt, und obendrein drückte mich dieser Baum zu Boden. Kameraden zogen mich unter dem Baum hervor und halfen mir, mich fortzubewegen. Nach einigen Stunden Gehen gerieten wir in eine Umzingelung durch deutsche Soldaten. So begann die Gefangenschaft. In der Gefangenschaft behandelte man uns mit größter Grausamkeit. Innerhalb weniger Tage trieb man uns 100 km weit, die Bewacher verhielten sich geringschätzig gegenüber dem Leben der Gefangenen. Man trieb uns nach Riga [Stalag 350?], wo ein Lager eingerichtet worden war.

Ich erinnere, dass über die Gefangenenkolonne ein Flugzeug flog und zu bombardieren begann, die Gefangenen stoben in verschiedene Richtungen auseinander, ich konnte mich nicht bewegen, nicht laufen, da mein Fuß stark geschwollen war – das rettete mir das Leben, denn die Geflohenen wurden mit Hunden aufgespürt und erschossen.

Schließlich transportierte man uns mit dem Zug nach Hamburg. Das war in der Umgebung irgendeines „Dorfe“ (SüdDorf) [im Original deutsch] [Wietzendorf Stalag X D (310)?] oder irgendein riesiges Lager, das von hohem Stacheldraht umgeben und in 10 Quadrate eingeteilt war, im 9. waren die Baracken gebaut und das 10. war ein Friedhof. Jeden Morgen wurden aus dem 9. Quadrat auf Lastfuhrwerken nackte tote Gefangene abgefahren und in Gräben bis oben zum Rand gestapelt und mit Erde zugeschüttet. So war es jeden Tag. Die Gefangenen wurden ernährt mit zweimal Steckrüben täglich, Brot gab es einmal am Tag, und zwar ein Laib von 1,5 kg für 10 Menschen. Im Winter gab man zum Heizen einen Eimer Brikett in die Baracke. Es gab keinerlei ärztliche Versorgung. Ins Bad wurden wir einmal im Monat geführt, wobei man unsere Kleidung durch ein Entlausungsbad laufen ließ.

Im Frühling 1942 wurden die Kriegsgefangenen auf Arbeitsplätze verteilt.

Ich wurde in einer Gruppe von 40 Leuten in die Fabrik „Gallewerf“ [Gloria-Werk?] in die Stadt Hamburg transportiert. Davor wurden einige Male Gefangene zur Arbeit bei Bauern gebracht. In der Fabrik in Hamburg wurden Gebrauchsgegenstände hergestellt wie Wasserballons und Feuerlöscher. In einer Ecke der Fabrik war für die Kriegsgefangenen ein Platz mit Stacheldraht eingezäunt, wo wir auf Pritschen schliefen. Ich wurde dem Elektriker Herrn Henne zur Arbeit zugeteilt. Ich lernte bei Herrn Henne Deutsch, konnte mich leicht verständigen und übersetzen, und wurde in unserem Lager als Übersetzer eingesetzt. Wir arbeiteten täglich 10–12 Stunden.

1943 wurde die ganze Stadt Hamburg bombardiert: englische Flieger nachts und amerikanische am Tag. 1944 wurde auch die Fabrik völlig zerbombt, die Arbeit wurde eingestellt. Einige Monate lang wurden die Trümmerhaufen genau untersucht, und alles wurde wieder aufgebaut. Man brachte uns außerhalb Hamburgs in irgendeine Bauernscheune. Auf unserem Weg dorthin beschoss uns irgendein Neger aus einem Flugzeug, er flog niedrig und konnte von der Erde aus gesehen werden. 5 Menschen starben. [Der afroamerikanische Flieger ist Topos in vielen Briefen, in der kanadischen Luftwaffe gab es tatsächlich farbige Besatzungsmitglieder von Bombern, aber keine Piloten, erst recht nicht von Jagdflugzeugen.] Nach einiger Zeit wurden wir in die Fabrik, die jetzt nur eine Etage hatte, zurückgebracht, die Arbeiten wurden mehr, das Werk wurde für eine neue Produktion umgebaut. Es erschienen Italiener [Italienische „Militärinternierte“], die sehr gut sangen, aber „die Sänger“ wurden bald weggebracht. Im Frühjahr 1945 wurden wir wieder bombardiert, und man brachte uns in einen Vorort von Hamburg. Es erschienen englische Panzer. Der neue Kommandostab befahl uns, nach Hamburg zurückzukehren, wo man auch andere „Ostarbeiter“ sammelte. Auf unseren Rücken war mit Farbe „SU“ geschrieben. Die städtischen Behörden [tatsächlich die in diesem Fall britische Militärverwaltung] organisierten die Militärversorgung und übergaben uns den sowjetischen Truppen. Das war ein lange erwartetes Ereignis. Aber damit war in der Heimat unsere Qual nicht beendet, aber das ist schon eine andere Geschichte.

In eckigen Klammern Kommentare von KOHTAKTbI.

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