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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

440. Freitagsbrief (vom August 2007, aus dem Russischen von Gisela Niedermeyer).

Belarus
Gebiet Mogilew
Wasilij Jefimowitsch Rublew.

An den Vorstand der Belarussischen Stiftung „Verständigung und Aussöhnung“ [*] von dem ehemaligen sowjetischen Kriegsgefangenen Wasilij Jefimowitsch Rublew.

Ich danke Ihnen, dass Sie uns auf unsere alten Tage nicht vergessen haben und uns Ihre Hilfe erweisen, sich für unser Leben interessieren. Wie ich in meiner Jugend lebte: Ich wurde in die Sowjetarmee einberufen. 1941 wurde ich ins hinterste Russland verlegt. Dort leistete ich den Militärdienst ab, arbeitete in einem Baubataillon. 1942 wurde ich an die Front geschickt in die Steppe zwischen dem Don und Stalingrad, d.h. nach Kalmykien.

Nach mehreren Gefechten blieb ich bewusstlos im Schützengraben liegen. Ich wurde von zwei deutschen Soldaten entdeckt, einer forderte mich auf, die Hände hoch zu nehmen. Ich tat das. Einer durchsuchte mich. Der andere ging ein paar Meter zurück und zielte mit dem Gewehr auf uns. Als sie dann keine Waffen, nur Kochgeschirr und Gasmaske fanden, kommandierten sie „ab“. Offensichtlich waren sie zu spät gekommen, jemand war vor ihnen da gewesen und hatte mich erleichtert, das Gewehr und die Patronen mitgenommen. Ein Soldat ging vor mir, dann ich, dann der zweite. Wie lange wir gingen, weiß ich nicht mehr. Wir kamen an eine etwa 3 Meter tiefe Grube. Neben der Grube lag eine vielleicht 3 m lange Stange mit angebundenen Riemen. In etwa 15 m Entfernung befand sich in einem Schützengraben ein deutscher Soldat. Dann legte ein Soldat die Stange in die Grube und zeigte, dass ich hinunter steigen solle, was ich tat. Ich fiel in die Falle (und erinnerte mich an den „Gefangenen im Kaukasus“).

In der Grube waren schon 10 Menschen – Kriegsgefangene – und die mussten dort bis zum Sonnenuntergang stehen bleiben. Es kamen noch einige Soldaten und gaben das Kommando, aus der Grube heraus zu klettern, das ging so, wie wir hineingekommen waren. Sie führten uns zu einem Gebäude, öffneten die Tür. Das war schon voll von anderen Gefangenen, da wurden auch wir hineingebracht. Wir blieben dort über Nacht, ich weiß nicht, ob wir sitzen konnten oder stehen mussten. Am Morgen kamen die deutschen Soldaten, machten die Tür auf, befahlen uns herauszukommen, wir kamen an die frische Luft. Es waren ungefähr 100 Menschen. Ich weiß nicht mehr, was das für ein Gebäude war, es schien, als wäre das eine Gerberei gewesen, wo man Tierhäute bearbeitet hatte. Drumherum war Stacheldraht. Man gab uns zu Essen, was man sich erkämpfen musste. Sie warfen den Zwieback einfach in die Menge der Gefangenen, einige bekamen ein Stück, andere zwei, viele auch nichts, das war ihnen egal.

Es wurde durchgezählt, und dann ging es auf den Marsch durch die menschenleere Steppe. Wir marschierten so 20, vielleicht 30 Kilometer. Dort war ein freier Platz, eingezäunt mit Stacheldraht, wo sich schon einige Hundert Kriegsgefangene befanden. Dahin brachte man uns. Ich weiß nicht mehr genau, wie viele Tage wir dort hausten, vielleicht 10 oder auch mehr. Jeden Tag kamen neue Gefangene, es wurden Tausend. Es gab nichts zu essen und kein Wasser für 4 – 5 Tage, dann gab man uns eine halben Liter [Balanda] für jeden, gekocht oder roh – wir wussten es nicht. Sie suchten Juden unter den Gefangenen, ich weiß nicht, ob sie welche gefunden haben, zählten uns nach Nationalität – wie viele Russen, Belorussen, das war eine Gruppe, die Ukrainer wurden gesondert gezählt, es gab auch andere Nationalitäten. Als das abgeschlossen war, ging es auf den Marsch von Kalmykien nach Donezk. Die Kolonne war mehr als einen Kilometer lang, so dass der, der in der Mitte war, weder den Kopf noch das Ende sehen konnte, wir liefen langsam, anhalten wurde nicht erlaubt. Einige fielen um vor Hitze, es gab kein Wasser, keiner achtete auf den anderen. Am Ende der Kolonne fuhren auf einem Wagen einige Soldaten mit einem roten Kreuz, die den Gefallenen helfen sollten. Hinter dem Wagen liefen einige Soldaten, wer sie waren, haben wir nicht erfahren. Angehalten wurde erst am Ende des Tages, dann wurde übernachtet. Wir bekamen am Abend und am Morgen zu essen, dann ging der Marsch weiter. Wie viele Tage lang, weiß ich nicht mehr. In Donezk blieben wir mehrere Tage und Nächte. Wir schliefen auf dem Boden, vom Militär bewacht. Die ukrainischen Kriegsgefangenen schliefen abseits von den Russen und Belorussen, sie bekamen Zimmer in einem Wohnheim ohne Boden und Fenster, dort hatten früher die Schachtarbeiter gelebt, es war eine Kohlengrube. Von Donezk nach Minsk fuhren wir in Waggons. Ins Minsk wurden wir in Kolonnen eingeteilt, erhielten Nummern und arbeiteten dort von November 1942 bis März 1943. Von Minsk aus brachte man uns nach Deutschland, wo wir aufgeteilt wurden. Ich kam in den Schacht „Jacobi“ [Oberhausen] zur Kohleförderung. Dann wurde ich verlegt zum Schacht „Hugo Haniel“ [?], arbeitete bei der Reparatur der Schmalspurbahn bis April; als der Artilleriebeschuss begann, schickte man uns los Richtung Bremen [?] und dort blieben wir auf uns selbst gestellt.Ein paar Tage später kamen die amerikanischen Soldaten, übernahmen alles, gaben Verpflegung aus. Später wurde dieser Teil die englische Zone.

Im Juli wurden wir in die sowjetische Zone überstellt, nach Rostock, von dort kam ich in das Gebiet Brest, in die Stadt Prushany, von dort wurde ich in das Gebiet Perm in Russland in die Forstwirtschaft geschickt. Hier blieb ich 34 Jahre bis zum Erreichen des Rentenalters. Ich heiratete, und wir hatten dann drei Kinder, von denen jetzt noch zwei am Leben sind. Der erste, geboren 1955, lebt und arbeitet in Litauen. Der andere, geboren 1957, lebt in Drabino allein. Meine Frau und ich leben zusammen. Sie ist krank. Ich kann mich selbstständig bewegen und das Essen selbstständig zubereiten, deshalb erhalte ich Ermäßigung bei den kommunalen Diensten von 50 %.

[Unterschrift].

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[*] Die staatliche belorussische Stiftung "Verständigung und Aussöhnung" war Vertragspartner der Stiftung EVZ bei der Auszahlung der "Zwangsarbeiterentschädigung". Bis zu ihrer Auflösung war sie auch unser Vertragspartner. Jetzt werden Spenden zur med. und sozialen Betreuung ehemaliger sowjetischer Kriegsgefangener sowie an Überlebende von Massakern in Dörfern in Belarus über deren privatrechtlicher Nachfolgerin übermittelt. (E. Radczuweit).

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