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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

44. Freitagsbrief (11.05.2007).

Mit mehreren ukrainischen und russischen Briefautoren korrespondieren wir regelmäßig. Herr Stepanenko schreibt uns jede Woche. Einmal schrieb er sogar an Angela Merkel in der naiven Hoffnung auf Kompensation für geleistete Zwangsarbeit. Hier veröffentlichen wir seine ersten Mitteilungen trotz des beträchtlichen Umfangs. Wir meinen, das ist lesenswert.

***

Guten Tag, liebe Hilde Schramm, Eberhard Radczuweit und andere Mitarbeiter von „Kontakty“,

ich wünsche Ihnen und Ihrer Familien im Neuen Jahr 2005 und für die weiteren Jahre Gesundheit, Glück und alles Gute, was es überhaupt auf Erden gibt!

Ich habe mich sehr gefreut, als ich Ihren Brief im Namen von „Kontakte“ und Ihres Staates erhalten habe. Ich bekam sogar Tränen in die Augen. Ich bedanke mich ganz herzlich für Ihr Schreiben sowie für die humanitäre Hilfe, die ich im Juni 2004 erhalten habe. Für mich sind 300 Euro eine Menge Geld. Dank dieser Summe ist es mir gelungen, meine Schulden fast vollständig zurückzuzahlen. Vielen Dank!

Ich will ein bisschen über meine Person berichten. Nach der Befreiung aus der Gefangenschaft und dem anschließenden Kriegsdienst in der DDR kam ich im März 1950 nach Nikopol zurück. Ich arbeitete an einer Grundschule als Lehrer, weil ich vor dem Krieg eine pädagogische Schule absolviert hatte. Meine Frau, die ich nach dem Krieg kennen lernte, war in einem Technikum als Lehrerin tätig. Später studierte ich im Fernstudium Physik und Mathematik und arbeitete danach als Physik- und Mathelehrer an der Oberschule. Das Leben war schwer, mein Gehalt enorm klein. Ich leistete Überstunden.

Meine Frau und ich haben sehr friedlich gelebt, zwei Töchter groß gezogen. Sie arbeiten heute auch als Lehrerinnen und jede verdient monatlich ca. 43 Euro. Die Töchter leben ebenfalls in Nikopol zusammen mit den eigenen Familien. 1994 starb meine Frau. Ich lebe bereits 11 Jahre allein in einer Dreizimmerwohnung. Wir haben 45 Jahren zusammengelebt, friedlich und versöhnlich. Nach dem Tod meiner Frau hatte ich einen Herzanfall und verlor außerdem das Sehvermögen auf dem rechten Auge. Mein linkes ist infolge einer Kriegsverletzung ohnehin blind. Gute Leute liehen mir 3000 Hriwna (ca. 430 Euro) für eine Augenoperation in Kiew. Ich bin mit meinem Enkel dorthin gefahren. Die Laseroperation war erfolgreich. Jetzt kann ich sehen und sogar ohne Brille diese Zeilen schreiben.

Ich lebe allein, kümmere mich um mich selbst. Ich kann kochen und für meine Töchter und meinen Enkel etwas Leckeres zubereiten. Jetzt wurde unsere Rente ein bisschen erhöht. Ich bekomme monatlich 450 Hriwna (ca. 64 Euro). Ich bemühe mich, mit dieser Summe zu überleben, obwohl die Preise ständig steigen. Ich muss ganz viel für Medikamente und für die Miete ausgeben. Ich lese sehr gern, spiele ein bisschen Geige. Im Sommer bin ich auf meiner Datscha und baue Gemüse und Obst an. Ich mag die Arbeit.

Ich bitte um Entschuldigung für die ausführliche Beschreibung. Das war ein Anlass zum Kennenlernen. Mein Enkelsohn hat mein Foto gescannt und auf diesem Blatt plaziert.

Mit aufrichtiger Hochachtung

Jakow Trofimowitsch Stepanenko.

Stadt Nikopol.

Meine Kriegserinnerungen 1941–1945 Gefangennahme.

Ich; Jakow Trofimowitsch Stepanenko , geb. am 21.03.1921, lebte vor dem Krieg in Nikopol. Am 22.06.1941 begann der Krieg. Ich machte gerade die Prüfungen an der Pädagogischen Schule. Um 4.00 Uhr wurde Kiew bombardiert. Uns wurde gesagt, dass der Krieg beginnt. Am 13. August wurde ich in die Armee einberufen. Unsere Armee zog sich zurück. Die Faschisten stießen vor. Wir, eine Gruppe von Neumobilisierten, ohne Waffen, in ziviler Kleidung, gingen mit den Truppen nach Rostow, etwa 400 km entfernt. Es gab keine Kampfhandlungen. Unsere Kolonnen wurde ständig bombardiert. Ende August befahl man uns, mit dem Zug zum Kaukasus zu fahren und uns dem 792. Infanterieregiment anzuschließen. Hier haben wir geübt, die Stadt Kersch und die Halbinsel Kertsch im Rahmen einer geplanten Invasion zu stürmen. Ende Dezember kam unser Regiment nach Taman. Nach dem dritten Anlauf befreiten wir in der Nacht vom 2. auf den 3. Januar Kertsch. Die deutschen Truppen haben fast kampflos mit LKWs und Motorrädern die Stadt verlassen. Drei Tage lang griffen wir die deutschen Stellungen an. Die Deutschen hatten diese Zeit gut genutzt und die eigenen Stellungen befestigt. Wir waren jedoch nur mit Gewehren bewaffnet. Es kam zu blutigen Kämpfen mit großen Verlusten auf unserer Seite. Wir bekamen Verstärkung, aber die Deutschen unter Manstein waren sowieso in der Übermacht und in der Kriegstechnik uns überlegen. So haben wir vier Monate lang große Verluste erlitten. Am 12. Mai 1942 wurden wir von Manstein endgültig besiegt. 172 000 Soldaten und Offiziere, darunter ich, wurden gefangen genommen. Bald kam ich in ein Lager bei Shitomir. Da gab es bereits Tausende Gefangene, die zum Teil halbtot waren. Es gab einmal täglich Balanda, eine dünne Suppe aus Kraut, Steckrüben und Kartoffelschalen. Die Sterberate war schrecklich hoch. Jeden Tag musste man Dutzende Leichen mit einem Fuhrwerk in einen Wald transportieren, um sie dort in Massengräber zu werfen. Waren die Gruben voll, wurden sie einfach zugeschüttet. Das geschah täglich. Eine Mannschaft transportierte Leichen, eine andere beschäftigte sich mit der Bestattungsarbeit. Die Träger wurden natürlich aus den Gefangenen rekrutiert.

Wir wurden ganz oft geschlagen, auch grundlos. Das haben die Polizisten (Kollaborateure d. Ü.) getan. Die Deutschen haben selten jemanden geschlagen. Die lächelten nur und fotografierten. Zum Glück gelang ich Ende Mai in eine Gruppe von Gefangenen, die als arbeitsfähig eingestuft worden waren. Wir, etwa 300 Männer, wurden zum Bahnhof begleitet. Wir sind in vergitterte Güterwaggons gestiegen. Die Waggons waren total voll. Man konnte nur stehen. In der Mitte stand ein Holzklo. Wir waren drei Tage unterwegs, niemand wusste, wohin wir fahren. Zweimal gab man uns zu Essen, in der Stadt Chelm in Polen und im Hof eines Gefängnisses in Deutschland. Wir kamen nach Dortmund und wurden zu einem Sonderlager nahe der Berggrube Minister Stein (Anm.: nach Eröffnung des Schachts 6 größtes Berwerk im Ruhrgebiet) abtransportiert. Das Lager war ganz neu und stand leer: Zwei Reihen Stacheldraht und Wachtürme an den Ecken. Wir bekamen Suppe, ein Stück Margarine und sogar etwas Brot. Wir wurden in Baracken untergebracht. Es wurde angeboten, sich zur Polizei oder als Dolmetscher zu melden. Es meldeten sich jene freiwillig, die etwas Deutsch konnten. Ich habe mich nicht gemeldet. Ich hasste die Polizisten und habe es auch etwas zweifelhaft gefunden, Dolmetscher zu werden. Ein paar Tage lang wurden wir recht gut ernährt, weil wir Halbverhungerte für die Bergarbeit noch nicht geeignet waren. Wir bekamen gelbe Arbeitskleidung mit den aufgenähten Buchstaben „SU“ und Schuhe. Ende Juni-Anfang Juli 1942 begann unsere Arbeit im Bergbau. Ich habe im 6. Abschnitt 140 Meter unter der Erde gearbeitet (So wurde uns gesagt). Die deutschen Bergleute nutzten uns als Hilfskräfte. Meine deutschen Kollegen hießen nach meiner Erinnerung Rigat und Kall. Sie waren gut. Als sie merkten, dass ich Lehrer bin und ein bisschen Deutsch kann, begannen wir heimliche Gespräche miteinander zu führen. Sie arbeiteten mit Stemmhämmern, ich schaufelte Kohle. Es war schwer, ich war abends todmüde. Die Mehrheit der Bergleute verhielt sich gegenüber den Kriegsgefangenen ganz gut. Sie hatten aber Angst vor Kontakten zu uns. Das war streng verboten. Sie hatten auch Angst, uns Essen zu geben. Ein Arbeiter wickelte ein belegtes Brötchen in Zeitungspapier und warf es weg, so als ob er schon satt sei. Wir hoben es gerne auf. Einmal hat mir ein deutscher Kumpel eine ganze Tüte mit gekochten Kartoffeln zugeworfen. Manchmal wurden uns auf diese Weise auch Zigaretten übergeben. Es offen zu geben, trauten sie sich nicht, besonders, wenn in der Grube ein Steiger (dt. geschrieben, d. Ü.) mit der Lampe erschien.

Im Laufe der Zeit wurde allgemein bekannt, dass ich ein Lehrer bin, etwas Deutsch spreche und gut im Bergwerk arbeite. Der Steiger erlaubte dem Schlosser Franz, mich als seine Aushilfe einzustellen. Ich habe selbstständig Hochdruckrohre transportiert. Zudem machte ich unsere Baracke ordentlich sauber und bekam dafür von dem Polizisten eine zusätzliche Suppe. Außerdem bastelte ich Schmuckkästchen. Ich brachte die Kästchen dem Franz. Er tauschte sie irgendwo gegen zwei Pfund Brot. Franz war ein guter Mensch. Er sagte halbernst: „Nach dem Krieg darfst du meine Tochter heiraten!“ Seine Tochter war damals 17. Ich bin Franz sehr dankbar. Es sind 60 Jahre vergangen. Vielleicht ist er schon tot. Für ein Schmuckkästchen brauchte ich zwei Wochen. Andere Gefangene bastelten auch etwas in der Freizeit. Viele konnten aber wegen Überlastung nichts anderes mehr tun. Sie wurden ins Stalag Nr. 326 (Anm.: Sennelager; als Stammlager enthielt es das Lazarett für arbeitsunfähige Kriegsgefangene) geschickt. Ich weiß nicht genau, was es bedeutet. Die Nummer kann auch falsch sein. Sie kehrten nicht mehr zurück. Wir trafen ständig neue Kameraden, wie an der Front. Die US-Luftwaffe hat die Grube, die Stadt und unser Lager oft bombardiert. 1944 mehrten sich die Luftangriffe. In unseren Stollen wurde jedoch weiter gearbeitet. Die zerbombten und verbrannten Teile reparierten wir schnell. Anfang April brannte unsere Grube inklusive Holzlager fast vollständig aus. Unser Lager war auch getroffen. Meine Baracke brannte. Etwa am 5. April 1945 durften wir unter Bewachung in den Wald gehen, um selbst etwas Essbares zu sammeln. Am 9. April ganz früh zeigten uns Soldaten die Richtung, wohin wir flüchten konnten. Der Polizist bekam eine weiße Decke als Fahne. Bald sahen wir die deutschen Stellungen: Maschinengewehre, automatische Pistolen. Der Polizist zeigte seine weiße Decke. Die Soldaten eröffneten nicht das Feuer. Ich bin bis heute dafür sehr dankbar. In einer Stunde hatten wir eine Stadt erreicht, die in Flammen stand. Die Kirche brannte besonders hell. Auf der Straße explodierten Minen und Geschosse. Ein paar Männer aus unserer Gruppe kamen uns Leben, sieben wurden verletzt. Ich war an beiden Beinen verwundet. Farbige US-Soldaten aus einer Panzerdivision halfen allen mit Verbandsmitteln. Sie zeigten uns auch den Weg. Das war die Stadt Bekum. Wir verteilten uns und suchten nach Essbarem. Eines Tages wurden wir eingesammelt und in Privathäuser in Lippstadt einquartiert. Ich erinnere mich an ein provisorisches Krankenhaus und eine Kantine. Später kam ein sowjetischer Offizier. Wir sollten in die sowjetisch besetzte Zone zu einem Durchgangslager kommen. Hier wurden wir verhört. Es wurde gefragt, wann, wo und unter welchen Umständen wir in Gefangenschaft geraten waren. Sie suchten nach jenen, die freiwillig in Gefangenschaft gegangen waren oder als Polizisten dienten. So wurde ich „gefiltert“ und ab Ende April durfte ich bei einer Luftwaffeneinheit auf einem Flugplatz bei Strausberg dienen. Zuerst war ich Soldat. Als die Offiziere ihre Familien hierher gebracht hatten, wurde eine Schule organisiert. Ich arbeitete dann als Lehrer. Das war bereits in Thüringen, in Altenburg, Weimar, Wittenberg, Falkenberg. Meine Einheit wechselte häufig die Stellung. Jedes Jahr hatte ich Urlaub und fuhr in die Ukraine, nach Nikopol. 1949 heiratete ich. Im März 1950 wurde ich aus dem Militärdienst entlassen.

Ich war zweimal verwundet: an der Front und während des Fluchtversuchs. Ich bin Kriegsinvalide der 2. Gruppe. Mein Leben nach dem Krieg habe ich oben beschrieben.

Ich freue mich sehr, diese Zeile zu schreiben. Ich habe den Eindruck, dass ich Sie sehe und ein Gespräch führe. Im Laufe der Nachkriegszeit, in diesen 60 Jahren, habe ich nur viermal mit einem Deutschen gesprochen. Das war in Leningrad, Jalta, Kislowodsk und in Nikopol.

Einige Zeilen auf deutsch: Liebe deutsche Freunde! Ich bin sehr dankbar. Sie haben mich nicht vergessen. Ich bitte um Entschuldigung für eine zu ausführliche Beschreibung. In der Sowjetzeit durfte man Deutschland nicht besuchen. Jetzt ist es ja möglich, aber in meinem Alter …

Jakow Stepanenko.

23.01.2005.

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