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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

439. Freitagsbrief (vom März 2010, aus dem Russischen von Valerie Engler).

Russland
Tambow
Iwan Petrowitsch Seregin.

[Es schreibt der Sohn Nikolaj Iwanowitsch Seregin].

Guten Tag, sehr geehrte Herren Gottfried Eberle und Eberhard Radczuweit und alle weiteren Mitglieder des Vereins „Kontakte-Контакты“!

Ich, Nikolaj Iwanowitsch Seregin, der Sohn von Iwan Petrowitsch, dem Sie humanitäre Hilfe haben zukommen lassen, möchte Ihnen in meinem Namen und im Namen meines Vaters für Ihre Unterstützung und für Ihre Anteilnahme am Schicksal unserer Alten danken. Dass es in Deutschland so einen Verein gibt, der es als seine Pflicht ansieht, die ehemaligen inhaftierten Kriegsgefangenen zu unterstützen, gereicht Ihnen, meine Herren, und Ihrem Land zur Ehre.

Als der Krieg begann, diente mein Vater in der Festung von Brest. Er war damals 20 Jahre alt. Das westliche Fort der Festung war von Anfang an von der Wasser- und Nahrungsmittelversorgung abgeschnitten. Am siebten Tag wurde der Widerstand eingestellt. Die durch Hunger und Durst geschwächten Soldaten konnten sich nicht mehr wehren.

Die Gefangenen mussten in Fabriken arbeiten, beim Straßenbau und im Steinbruch. Viele sind damals an Krankheiten und Erschöpfung gestorben.

Meinem Vater rettete es das Leben, dass er, als er bereits sehr geschwächt war und nur noch 40kg wog, zur Arbeit zu einem Bauern ins Dorf geschickt wurde. Bei diesem Bauern arbeiteten noch einige weitere Gefangene. Anscheinend wurden die Gefangenen von den arbeitsamen deutschen Bauern menschlicher behandelt, denn nach einigen Monaten kam Vater wieder zu Kräften und konnte schwere Säcke schleppen. [*]

Mein Vater hat mir nicht oft von dieser Zeit erzählt. Aus seinen Erzählungen weiß ich aber, wie gut und durchdacht die deutsche Landwirtschaft organisiert war, wie die deutschen Landwirte Kartoffeln anpflanzten und Gemüse zogen und welche Arbeitsgeräte sie hatten. Es kam vor, dass in der „heißen Phase“ die ganze Familie mit den Gefangenen auf dem Feld beim Jäten der Rübenfelder arbeitete.

Der Bauer hatte fünf Kinder, drei Töchter und einen Sohn. Sein älterer Sohn fiel an der Front und der jüngere kehrte mit einem verkrüppelten Arm aus dem Krieg zurück. Was heißt es, seinen Sohn zu verlieren? Was heißt es, im Dorf einen verkrüppelten Sohn zu haben?

Ich glaube nicht, dass dieser Bauer den Krieg wollte. Wenn mein Vater von dieser Zeit erzählte, hat er nie Groll oder Hass gegenüber den Deutschen geäußert; obwohl sein älterer Bruder Nikolaj im Krieg gefallen ist, mit 24 Jahren mitten in der Blüte seines Lebens. Mein Vater hat mich nach ihm benannt.

Nach dem Krieg wurden die ehemaligen Kriegsgefangenen schlecht behandelt, sie wurden als Verräter angesehen. Viele hat man nach der Befreiung verurteilt und an entlegene Orte verschickt, oder sie kamen ins Lager, als wären sie Verbrecher. Erst nach Stalins Tod begann sich etwas im Land zu ändern. Auch mein Vater blieb von diesem bitteren Schicksal nicht verschont. Das Brandmal des Kriegsgefangenen machte lange Zeit ein normales Leben unmöglich.

Der Schriftsteller S. S. Smirnow hat ein Buch über die Verteidigung der Brester Festung verfasst. Er hat viele der damaligen Soldaten ausfindig gemacht. Von dem Zeitpunkt an begann sich die Meinung der Menschen und der Regierung zu diesem Thema zu ändern.

Mein Vater hat sein ganzes Leben lang als KFZ-Schlosser gearbeitet. Er hat vier Kinder großgezogen, jetzt hat er schon Enkel und Urenkel. In unserer Familie gibt es sowohl Arbeiter als auch Ingenieure, Armeeangehörige, Seeleute, Buchhalter. Alle möchten wir ehrlich und in Frieden leben und arbeiten.

Leider haben die einfachen Leute wenig Einfluss auf die Politik im Land. Zum Beispiel wollte niemand von uns den Zerfall der Sowjetunion, eine Volksbefragung hat sogar deutlich gezeigt, dass das einfache Volk nicht möchte, dass unser Land zerteilt wird. Eine kleine Gruppe Politiker hat eigenmächtig über das Schicksal von Millionen Menschen entschieden. In der Folge befanden sich viele unserer Bürger plötzlich außerhalb der Grenzen Russlands. Für die meisten von ihnen war das eine Katastrophe.

Es ist erstaunlich, dass Sie als Vertreter der jüngeren Generation eine Verantwortung für die Vergangenheit Ihres Landes fühlen. Leider haben die Menschen nicht überall ein gutes Gedächtnis. Unsere ehemaligen Unionsstaaten und „Brüder“ enttäuschen uns immer mehr, indem sie Denkmäler entfernen und die Gräber unserer Soldaten zerstören, die ihre Länder befreit haben. Das Verhältnis zur Vergangenheit kann als Maßstab dafür dienen, wie weit das Land kulturell entwickelt ist.

Trotz des großen Einflusses, den Deutschland seit den Zeiten von Peter dem Großen auf Russland hatte, wurden unsere beiden Länder im Verlauf der Geschichte auf verhängnisvolle Weise in blutige Kriege gegeneinander verwickelt, die die Stärksten und Gesündesten vernichtet und den Staaten ungeheuren Schaden zufügt haben. Der Grund für Kriege waren immer fremde Interessen, heimliche oder offen dargelegte Interessen von Drittstaaten sowie die Kurzsichtigkeit ihrer Führer.

Ich habe großen Respekt vor Ihrem Land. Ich bewundere die Deutschen für ihre gute Arbeit, für ihre hoch entwickelte Kultur und weil sie das Andenken an unsere gemeinsame Vergangenheit wahren. Mögen unsere beiden Völker immer in Frieden und Einverständnis leben!

N. I. Seregin, Metallschleifer aus Tambow.

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[*] Zur Verwertung ihrer Arbeitskraftin derKriegswirtschaft wurde für die halb verhungerten sow. Kriegsgefangenen ein „Aufpäppelungsprogramm“ bestimmt, indem sie zunächst zur Zwangsarbeit in der Landwirtschaft eingesetzt wurden. Kamen sie dort wieder zu Kräften, wurden sie meist wieder zu schwerer Arbeit, z.B. unter Tage im Bergbau oder bei der Reichsbahn zum Gleisbau eingesetzt.

Zu seiner Schlussbemerkung: Diese vor fünf Jahren geäußerte Meinung war in Russland vorherrschend. Die Ereignisse der letzten Zeit führten zu einem Stimmungsumschwung. (E. Ra.).

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