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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

438. Freitagsbrief (vom Januar 2010, aus dem Russischen von Valerie Engler).

Russland
Gebiet Saratow
Aleksandr Iwanowitsch Tschepenko.

Guten Tag, sehr geehrte Herren vom Verein „Kontakte“,

danke, dass Sie die Gräueltaten nicht vergessen haben, die die Nazis an Millionen Menschen in den Lagern verübt haben.

Ich war einer von ihnen.

Im Oktober 1940 wurde ich in die Armee eingezogen und zum Dienst nach Sambrs [?] in Polen versetzt, das damals nach der Teilung zur UdSSR gehörte. Am 22.6.1941 begann der Krieg, unser Regiment wurde bereits in den ersten Kriegstagen eingeschlossen; wir waren aber auf einen Krieg nicht vorbereitet, hatten keine Waffen, nur Gewehre von 1861 und auch dafür hatten wir keine Patronen und nur ein Gewehr für mehrere Soldaten.

Wir versuchten, den Kessel irgendwie zu durchbrechen, irrten durch Polen, das von den NS-Truppen besetzt war, aber die Einheimischen lieferten uns an die Nazis aus.

Ich kam ins Lager Gersdorf [Stalag IV A Hohnstein] und musste auf einem Güterbahnhof beim Beladen der Waggons arbeiten. Wir arbeiteten vom Morgengrauen bis zum Einbruch der Dunkelheit. Der Bahnhofsvorsteher hieß Hermann Wilke, und er hatte Mitleid mit uns. Ich habe es ihm zu verdanken, dass ich am Leben geblieben und nicht vor Hunger gestorben bin.

Im März 1945 wurden wir von amerikanischen Truppen befreit. Ich kam dann in ein sowjetisches Lager, in dem ich dreimal am Tag zum Verhör musste.

Nach meiner Entlassung aus der Armee im Jahr 1946kehrte ich nach Usbekistan zurück, von wo aus ich in die Armee einberufen worden war. Es war sehr schwer, eine gute Stelle in meinem Beruf zu finden, ich trug das Schandmal „Kriegsgefangener“. Um meine Familie zu ernähren, musste ich jede Arbeit annehmen, die ich finden konnte. Ich baute uns in Taschkent ein Haus, zog unsere Kinder groß, dann kamen Enkel zur Welt, aber nach dem Zerfall der Sowjetunion musste ich ins Gebiet Saratow umziehen. Ich habe dort ein kleines altes Haus aus der Vorkriegszeit gekauft, ein neues Haus zu bauen, erlaubt mir meine Gesundheit nicht mehr, ich bin schon 89 Jahre alt.

Ich kann schon nicht mehr selbst schreiben, deshalb habe ich meiner Tochter diesen Brief diktiert.

Mit den besten Wünschen,

der Kriegsteilnehmer Aleksandr Iwanowitsch Tschepenko.

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