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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

436. Freitagsbrief (vom Oktober 2010, aus dem Russischen von Valerie Engler).

Anatolij Sawwatjewitsch Golowin
Russland
Kotlas
Gebiet Archangelsk.

Sehr geehrte Mitglieder des Vereins „Kontakte-Контакты“,

Es war eine angenehme Überraschung, als wir Ihren Brief voller Verständnis und Anteilnahme bekamen. […]

Als der Krieg begann, war ich in Stawropol, wo ich in der Armee diente, in die ich am 3.5.1941 eingezogen worden war. Sofort wurden unsere Truppen neu aufgestellt und ich wurde als Granatwerfer den Artillerietruppen zugeteilt. Am 22. Juli 1941 wurde ich das erste Mal am Bein verletzt, meine zweite, schwerere Verwundung zog ich mir am 27.5.1942 bei Charkow zu, wo ich im Alter von 21 Jahren in Gefangenschaft geriet. 72 000 Soldaten kamen dort in Gefangenschaft. Wir Verwundeten wurden zuerst auf Wagen transportiert, dann wurden wir auf Schützengräben verteilt. Nach den Schützengräben mussten wir alle etwa einen Tag lang in einer Kolonne zum nächsten Bahnhof marschieren, dort verluden sie uns in einen Güterzug und brachten uns nach Polen. Zum Essen bekamen wir nur verbranntes Getreide. Einen Tag später brachten sie uns nach Deutschland in ein Durchgangslager [Stalag 326 Senne?]. Dort im Lager mussten wir uns nackt ausziehen, aber neue Kleidung bekamen wir erst am nächsten Tag.

Dann brachten sie uns an einen Ort, wo Vertreter des Bergwerks „Rhein“ [Duisburg?] auf uns warteten. Sie boten uns an, im Bergwerk zu arbeiten und nahmen etwa 200–300 Gefangene mit. Wir fuhren dann sehr lange in geschlossenen Lastwagen, und als wir ankamen, erblickten wir dort ein großen Haus aus Stein. Wir mussten uns aufstellen und jeder bekam eine Nummer. Meine Nummer war 97. Bei der Kontrolle am Morgen und am Abend wurden wir immer nur mit unseren Nummern aufgerufen. Die Gefangenen, die über Tage arbeiteten, trugen Holzschuhe an den Füßen; die Arbeiter unter Tage bekamen Stiefel. Ich habe zuerst ein Jahr und sieben Monate lang im Schacht gearbeitet, meistens arbeiteten wir zu Zweit, ein Deutscher und ein Russe. Die Leute dort behandelten uns unterschiedlich, alles war möglich. Zum Essen bekamen wir vor allem Kohl und Rüben.

Nachdem ich einmal am Bein verletzt worden war, kam ich zur Arbeit über Tage, dort, wohin sie das Gestein aus dem Schacht brachten. Da habe ich dann bis zum Frühjahr 1945 gearbeitet. Die zivilen [Zwangs-]Arbeiter versuchten uns zu helfen, sie brachten uns 30 g Brot und Kartoffeln mit. Im Frühjahr 1945 wurden wir von amerikanischen Truppen befreit. Wir blieben etwa einen Monat bei ihnen im Lager, dann wurden wir in mehreren Transporten in die Sowjetunion gebracht.

Bitte entschuldigen Sie, dass mein Bericht nicht sehr ausführlich ist, aber es fällt mir sehr schwer, mich an Einzelheiten aus dieser Zeit zurück zu erinnern.

Mit freundlichen Grüßen,

Anatolij Sawwatjewitsch Golowin, 23.10.2010.

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