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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

434. Freitagsbrief (vom August 2009, aus dem Russischen von Valerie Engler).

Russland
Gebiet Rostow
Pjotr Nikiforowitsch Kramskow.

Mein zweiter Brief an den Verein „Kontakte-Контакты“.

[…]

1940 wollte ich eine Filmkamera entwickeln nach den Plänen des „Zagorsker Hauses der Pioniere“, das sich in der Nähe von Moskau befindet. Die Pläne bekam ich im Mai 1941 per Post. Ich saß am Tisch, am offenen Fenster, vor dem ein herrlich blühender Kirschbaum stand, und begann mit Vorfreude die Pläne zu studieren. Ich brauchte Geld, um ein paar Einzelteile zu kaufen. Das Geld musste ich irgendwie verdienen. Also beschloss ich den Aufbau einer Bienenzucht, um Honig zu verkaufen. Mit meinen neu erworbenen Büchern über Bienenzucht überquerte ich dann in einem Boot den Don. Plötzlich ergriff mich ein Gefühl der Unruhe. Der Don peitschte Wasser in das Boot. Die Passagiere schafften es kaum, das Wasser zu schöpfen, damit wir nicht kenterten. Aber wir schafften es wohlbehalten ans andere Ufer.

Ich war Schüler an der Pädagogischen Berufsschule und spielte im Blasorchester des Instituts. Am 21. Juni 1941 fand der feierliche Abschlussabend für die Schüler des letzten Ausbildungsjahres statt. Die Feier begann um 20 Uhr.

Die Feierlichkeiten dauerten bis vier Uhr morgens des 22. Juni 1941. Als ich nach Hause kam, kletterte ich auf das Dach unseres Hauses und konnte von dort den ganzen Himmel in nördlicher Richtung überblicken, der ganz rot verfärbt war. Verwundert blickte ich auf diesen roten Himmel und dachte darüber nach, was das wohl für eine Naturerscheinung war? So etwas hatte es früher noch nie gegeben. Das war um vier Uhr morgens am 22. Juni 1941! Es stellte sich heraus, dass sich am Himmel dergewaltige Geschützdonner der faschistischen Armee, die gerade über den Dnjestr setzte, widerspiegelte. Das westliche Ufer des Dnjestr wurde vom hunderttausendfachen Mündungsfeuer der Artillerie erhellt, das sich über hunderte Kilometer hinzog. I. W. Stalin schlief tief und fest, in Sicherheit gewogen durch den Nichtangriffspakt, den Ribbentrop unterschrieben hatte, gleichzeitig aber hatte der Himmel nach irgendwelchen atmosphärischen Gesetzen schon „unterzeichnet“, d.h. er kündigte den Zweiten Weltkrieg an.

Ich wurde etwa im Februar 1942 in die Armee einberufen, ich kann mich nicht ganz genau erinnern. Ich kam nach Kotelnikowo in die Regimentsschule, wo wir nach zwei Wochen Ausbildung einer Marschkompanie zugeteilt wurden. Anfang Mai 1942 erreichten wir auf dem Kreuzer „Rote Krim“ Sewastopol. Und, wie man so schön sagt, wir kamen „vom Regen in die Traufe“ und zwar auf die Mikensiew Berge, die unter Granatwerferbeschuss des Feindes standen, in die 25. Tschapaew-Division, die den nördlichen Zugang zu Sewastopol verteidigen sollte.

[…]

Die Faschisten nahmen unser Lazarett ein und so gerieten wir aus einer Hölle in die andere – in faschistische Gefangenschaft. Mit Zügen wurden wir in die Westukraine nach Slawuta transportiert und in ehemaligen Kavalleriekasernen der Roten Armee untergebracht [Stalag 301Z]. Ich war im Block Nummer 5. Es gab alles in allem zehn Blocks, dreistöckige Gebäude, jedes 150 bis 200 Meter lang. Die Bevölkerung und wir nannten dieses Lager für Kriegsgefangene gemessen an den Lebensbedingungen „Konzentrationslager“. Nach den deutschen Papieren hieß es „Groß-Lazarett Nr. 203“, in dem Flecktyphus grassierte. Die faschistische Lagerleitung betrat die Typhus-Blocks nie. Zu Essen bekamen wir einmal täglich eine Suppe aus verfaulten Kartoffeln. Im Laufe eines Tages starben bis zu 200 Gefangene. Jeden Tag fuhren zwei bis drei große Karren mit Leichen an unserem Block vorbei, die von völlig entkräfteten Gefangenen gezogen wurden. Bei einer Größe von 1,78 m wog ich noch 40 kg.

Im Frühling 1943 wurde im „Groß-Lazarett“ die Quarantäne aufgehoben. Wir wurden einer medizinischen Kommission vorgeführt. Wer stark entkräftet war, kam zur Arbeit in die Landwirtschaft. Die anderen in Bergwerke und Fabriken. […] Vom Lager Slawuta brachten sie uns mit Zügen nach Landsdorf [Stalag VIIIB (318) Lamsdorf]. Das lag schon in Deutschland, hier war die Landschaft gepflegt und es gab schöne Gutshöfe. Man fotografierte jeden von uns mit einer zugeteilten Nummer, die wir am Hals hängen hatten. Von dem Moment an wurden wir ohne Namen und Vatersnamen registriert, wie Vieh.

Wir erfüllten das tausendjährige Programm des Dritten Reiches. Aus Landsdorf brachten sie uns nach Sagan [Stalag VIIIC], von dort nach Breslau. Von Breslau kamen wir, 20 Kriegsgefangene, ins „Dominium“ [Domäne] Liesengrund. Wir hatten das Glück, dass wir dort in der Landwirtschaft arbeiteten. Die Lebensbedingungen hier waren so, dass wir uns von unserer katastrophalen Entkräftung erholen konnten und von unserem entsetzlichen Untergewicht.

Im Januar 1944 war schon die Artillerie der anrückenden Roten Armee zu hören. In Liesengrund arbeiteten auch freie Polen und Italiener gegen Lohn. […]

Einmal habe ich etwas Dummes und Unnötiges gemacht. Ich bat einen Polen, mir aus einer Zeitschrift ein Foto von Hitler mitzubringen. Dieses Foto hängte ich in der Toilette auf. „Hier hängst du gut“, dachte ich mir. Unser Koch Wolodja aus Sibirien fragte uns beim Mittagessen: „Wer hat Hitler in der Toilette aufgehängt?“ Ich antwortete, ich sei es gewesen. Da schimpfte er: „Bist du verrückt geworden?“ Ich begriff, dass Hitler mein Streich weder schaden noch nutzen würde.

Nun also, im Januar 1945 war schon das Geschützdonner der Artillerie der anrückenden Roten Armee zu hören. In meinem nächsten Brief werde ich die Erzählung fortsetzen.

Ich würde gerne an dem Projekt mit Kriegsveteranen, die unter dem Faschismus gelitten haben, teilnehmen und möchte Sie bitten, mich in die Liste der Anwärter einzutragen. […]

Außerdem möchte ich Sie, verehrte „Kontakte“, bitten, die Abgeordneten des Bundestages daran zu erinnern, dass ich darum bitte, mich für die Arbeit zu bezahlen, die ich während der deutschen Kriegsgefangenschaft gezwungenermaßen leisten musste. Von „staatlicher Entschädigung“ kann hier doch keine Rede sein. Der Bundestag kann meinen Antrag einfach nicht zurückweisen, denn die Abgeordneten des Bundestages müssen doch wenigstens ein minimales Verständnis von Menschlichkeit oder Anstand haben.

Die Statistik zeigt uns folgende Zahlen: 1960 wurden in der UdSSR die Kriegsteilnehmer des zweiten Weltkriegs gezählt und unter ihnen waren [in seinem Wohnbezirk] 403 Kriegsgefangene. Am 1. August 2009 waren von ihnen noch 102 Personen übrig. Wenn man das fortschreitende Alter der ehemaligen Kriegsteilnehmer in Betracht zieht und die vielen Krankheiten, die sie haben, sollte man annehmen, dass im Jahre 2010 noch etwa 50 von ihnen am Leben sein werden. Bis zum Jahr 2011 oder 2012 wird dann keiner der ehemaligen Kriegsgefangenen mehr am Leben sein.[*]

Man sollte meinen, dass solch eine Statistik bei den Abgeordneten des Bundestages keine „finanzielle Panik“ hervorrufen sollte. Wenn man den Abgeordneten noch nahe legt, Baldriantropfen zu nehmen, so sollten sie bezüglich der ehemaligen Kriegsgefangenen der UdSSR eine vernünftige Entscheidung fällen können.

Die vierteljährlichen Ausgaben Ihrer Informationsbulletins gefallen mir. Wenn Sie mir die Bulletins schicken können, werde ich sie mit Interesse lesen und an meine Bekannten weiterleiten.

Mit aufrichtiger Achtung vor Ihnen, den Mitarbeitern von „Kontakte“.

Der ehemalige Kriegsgefangene Petr Nikiforowitsch Kramskow.

15. August 2009.

[Arztstempel].

****

[*] Die Bundestagsfraktionen beider Oppositionsparteien beantragten vorigen Monat zum wiederholten Male vergeblich symbolische Anerkennungsbeträge für die letzten noch Lebenden unter den ehemaligen sowjetischen Kriegsgefangenen. Dabei nannten sie die von KONTAKTE-KOHTAKTbI vor zwei Jahren geschätzte Zahl 4000. Wir schätzen aber heute die Zahl der noch Erreichbaren auf rund 2000. Die Schätzung bezieht sich nur auf jene Länder, in denen wir Projektpartner haben. In die mittelasiatischen ehemaligen Sowjetrepubliken incl. Aserbaidschan haben wir keinen Einblick. (E. Radczuweit).

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