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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

433. Freitagsbrief.

Ukraine
Gebiet Chmelnizkij
Dionisij Antonowitsch Jazkowskij.

Antrag.

Ich, Dionisij Antonowitsch Jazkowskij, ehemaliger Kriegsgefangener, der sich in deutschen Kriegsgefangenenlagern befand, wendet sich an Ihre Organisation mit der Bitte, mir eine humanitäre Hilfe zu gewähren.

1941 leistete ich den obligatorischen Wehrdienst in der Sowjetarmee in Belarus. Wir waren in einem Sommerlager im Gebiet Bialystok stationiert. Ich war im mittleren medizinischen Dienst. Danach zogen wir in die Stadt Sambrow und später in Zelten unweit von der Staatsgrenze zwischen Polen und der Belorussischen Sowjetrepublik.

Nach dem Überfall Deutschlands auf die Sowjetunion versorgte unser Lazarett in den ersten Tagen der Kampfhandlungen verletzte Soldaten und sogar Zivilisten. Wir leisteten erste medizinische Hilfe. Später zogen wir uns in aller Eile nach Belsk und danach nach Minsk zurück. Unsere Panzereinheit löste das Lager auf und zog sich nach Osten zurück. Auf dem Weg wurden wir einige Male umzingelt. Mit großer Mühe verließen wir das belagerte Gebiet und bewegten uns weiter nach Osten. Bei den Kämpfen gab es viele Verletzten. Wir behandelten die Menschen so gut wir konnten. Schwerverletzte wurden mit Autos, die vorbeikamen, nach Minsk gefahren.

Während eines Durchbruchs auf dem belagerten Gebiet wurde ich zusammen mit den anderen Medizinern von den Deutschen gefangen genommen. Das geschah bei Minsk. Wir waren unterwegs, um Verletzte zu behandeln. In Minsk befanden wir uns als Gefangene am Ufer eines Flusses [Stalag 352 Retschki]. Ein deutscher Soldat war für unsere Kolonne verantwortlich. Er erlaubte mir, zum Fluss zu gehen und Wasser in der Feldflasche zu holen. Als ich in die Kolonne zurückkehrte, verwechselte ich meine Tausendschaft. Als Strafe bekam ich vom deutschen Wächter ein paar Kopfschläge mit der Peitsche. An der Augenbraue rechts floss Blut. Meine Freunde nahmen mich in Schutz und führten mich zur richtigen Gruppe. Danach wurden Kriegsgefangene, darunter ich, mit LKWs nach Bialystok (Belarus) [Stalag 316] gebracht. Dann gingen wir zu Fuß bis Sedlec [Stalag 316 Siedlce] in Polen, zu einem extra für Kriegsgefangene errichteten Lager. Während dieser Zeit gab es kein Essen. Wir waren sehr hungrig. Manche hielten nicht durch und starben auf dem Weg. Wegen meiner schlechten Gesundheit habe ich den deutschen Wächter um Überweisung ins Lagerlazarett zur Behandlung gebeten. Ich wurde in die Medizinerbaracke geschickt, wo wir auch die Gefangenen behandelten. Hier fühlte ich mich schon besser. Man brachte uns Essen in großen Kannen. Das war eine Art Suppe, überwiegend aus Grütze oder Rüben. Später schickte man mich als Mediziner ins Lager in Jaroslawl (Polen) [Stalag 327], unweit vom Fluss San. Dort war früher die Staatsgrenze zwischen Polen und der Sowjetunion. Unsere Kriegsgefangenen wurden für den Bau einer Brücke über diesen Fluss rekrutiert. Während der Kampfhandlungen am Anfang des Krieges war diese Brücke zerstört worden. Die Deutschen wollten eine provisorische Brücke für den Übergang zwischen Polen und der Ukraine bauen.

Im Laufe der sehr schweren Arbeiten bin ich auf den Gedanken gekommen, zusammen mit einem Kameraden zu flüchten. Während der Arbeit versteckten wir uns unbemerkt in die senkrechten Nischen neben der Brücke. Bei Dunkelheit verließen wir das Versteck und gingen Richtung Lwow, Ternopol, Tschortkow, Kopischenzy und Gusjatin. Wir gingen ausschließlich nachts. In einem Dorf gab uns eine Einwohnerin Zivilkleidung. Wir bewegten uns von einem Dorf bis zum nächsten, in der Angst, einen Polizisten [Kollaborateur] oder anderen Vertreter der deutschen Besatzungsmacht zu treffen. Dank der Dorfbewohner hatten wir fast immer etwas zum Essen. Im Dorf fanden wir auch Übernachtungsplätze. So erreichten wir unser Zuhause. Dieser Marsch war natürlich mit vielen Schwierigkeiten und genügend Risiken verbunden.

Während der Besatzungszeit arbeitete ich entsprechend meinem Beruf im Bezirkskrankenhaus. Mein Kamerad arbeitete in einer veterinärmedizinischen Station. Heute lebt mein Kamerad aus der Zeit der Kriegsgefangenschaft nicht mehr.

Nach der Befreiung unseres Gebietes wurde ich wieder in die Armee einberufen. Ich diente in Lettland, im Aufmarschgebiet der deutschen Heeresgruppe Kurland. Im Kampf wurden wie immer auf unserer Seite viele Soldaten verletzt. Es gab auch verletzte deutsche Soldaten, denen wir auch erste Hilfe geleistet haben. Ich kann mich ganz gut daran erinnern, wie ein deutscher Kriegsgefangener, Fahrer und Mechaniker von Beruf, unser Auto reparierte. Er wurde bei uns gut behandelt. Wenn ich an ihm vorbei ging, gab ich ihm etwas Zucker, trockenes Brot oder Schmalz. Er war für solche Achtung sehr dankbar und sagte auf Deutsch „Danke schön!“

Die Erinnerungen an die Vergangenheit sind immer schwer. Im Lager war es am schwersten. Manchmal habe ich gedacht, dass ich vor Hunger und Auszehrung sterben würde. Mein Schicksal war aber anders bestimmt worden, deshalb bin ich auch heute noch am Leben. Mein Kamerad, ehemaliger Kriegsgefangener, der in der Nähe lebt, hat von Ihrer gemeinnützigen humanitären Organisation 300 Euro und einen Brief erhalten. Aus diesem Grund wende ich mich an Ihre Organisation. Zurzeit brauche ich dingend Geld. Im September-November dieses Jahres werde ich einige Operationen wegen Grünen und Grauen Stars haben. Diese Operationen sind kostenpflichtig (etwa 2500 Hriwna oder 250–300 Euro teuer). Wenn es möglich ist, bitte ich um finanzielle Hilfe. Ich wäre sehr dankbar.

Meinem Antrag lege ich eine Bescheinigung bei vom Bezirksmilitärkommissariat von Tschemerowzy. Sie bescheinigt, dass ich tatsächlich in Kriegsgefangenschaft war im Lager von Jaroslawl, von wo ichungeachtet von möglichen Konsequenzen und unter Lebensgefahr flüchtete, sowie Kopien des Passes und des Behindertenpasses. Das Geld für Ostarbeiter und von Ihrer Organisation wird in der Bank von Kamenez-Podolskij abgeholt.

Mit Hochachtung.

(Unterschrift).

24.08.06.

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