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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

432. Freitagsbrief (vom November 2005).

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Guten Tag!

Ich bin Prichodko Michail Dmitriewitsch. Ich lebe in der Ukraine in der Stadt Saporoshje […] geb. 19.11.1921.

Erinnerung

Im Herbst 1941 sollte ich zum üblichen Militärdienst einberufen werden. Aber der Krieg begann schon am 22. Juni 1941. So geschah es, dass ich keinen Tag beim Militärdienst war, sondern sofort mobilisiert wurde. Nach der Aufstellung meines Truppenteils landete unser Regiment auf der Krim in der Nähe der Stadt Kertsch. Das war im Oktober 1941. Auf dem Gebiet Kertsch hielten wir bis zum 9. Mai 1942 durch und am 9. Mai begann ein Angriff gegen unser Aufmarschgebiet. Die Kräfte waren ungleich und am 15. Mai 1942 geriet eine kleine Gruppe von uns, die noch am Leben geblieben war, in die deutsche Gefangenschaft. Ich war darunter.

Erinnerung an die deutsche Gefangenschaft

Das erste Lager war in der Stadt Dshankoj [Dulag 123], danach in Uman [Stalag 349 Grube von Uman']. In Uman arbeitete ich auf der Flughafenbaustelle. Wir wohnten hinter Stacheldraht wie Vieh. Einmal wurde ich krank und ging nicht zur Arbeit. Dafür bekam ich von einem Deutschen 25 Stockschläge. Im November 1942 wurden alle, die ein wenig mehr Kräfte als die anderen hatten, ausgesondert und in die Stadt Przemysl [Stalag 327/Polen] gebracht. Wir wohnten in finnischen Baracken, es war sehr kalt, mehrere erkrankten an Typhus und ich auch. Die Krankheit dauerte ca. 3 Monate. Die Behandlung bestand aus zwei Löffel Kaliumpermanganat pro Tag. Sehr viele starben.

Im Januar oder im Februar 1943 wurden alle, die noch am Leben geblieben waren, nach Deutschland gebracht. An den Name von der Stadt kann ich mich nicht erinnern.

Einmal wurden 20 Menschen ausgesondert und in einen Wagen geladen. Der Wagen war verschlossen und wurde drei Tage lang nicht geöffnet. Am vierten Tag waren wir schon in Lothringen. Das war schon Frankreich, denke ich. Wir arbeiteten in einem Schacht in der Tiefe von 450 Meter und gewannen Eisenerz. So arbeitete ich 5–6 Monate lang und wurde von einem französischen Arzt von der Arbeit wegen einer Krankheit befreit, diees wegen der Arbeit unter Tage gab. Alle Kranke wurde gesammelt und nach West-Deutschland gebracht. Ich weiß nur, dass das Lager „Schwarzes Lager“ genannt wurde. Das war ein sehr großes Lager. Tag und Nacht rauchte der Krematoriumsschornstein.

[Dieses Lager ist das StalagXIIF/Z/ XII G Le Ban-Saint-Jean dt. Johannis-Bannberg in Lothringen, genannt „das schwarze Lager“. Lazarettlager für den Bergbau in Lothringen. Es besaß einen hohen Schornstein, der von fast allen Überlebenden dieses Lagers als Krematoriumsschornstein bezeichnet wird, aber es eindeutig nicht war. Die Toten wurden in Massengräbern begraben; man geht seriös von 5.000 aus.]

Nachdem wir angekommen waren, wurden wir alle untersucht und bekamen einen Befund, Baracke 1-2-3-4 …. Das war eine Pappmarke, auf der eine Barackennummer stand. Nach dieser Nummer wurde sofort festgestellt, unter welcher Krankheit man litt: Tuberkulose usw. Mir wurde die Marke Nr. 4 ausgegeben. Das bedeutete eine Arbeitsbaracke.

Einige Zeit danach kam ich mit einer kleinen Gruppe in ein Sägewerk. Hauptsächlich sägten wir Eisenbahnschwellen. Das war kein großes Lager am Rheinufer. An der Flussseite war eine Anlegestelle, wo die Lastkähne ladebereit lagen. Sand und Stein wurden von der Sandgrube und vom Steinbruch geliefert. Danach arbeitete ich als Schrapperfahrer. Als Italien kapitulierte, wurden Italiener ins Lager gebracht und unsere Gruppe wurde nach Zweibrücken wegtransportiert. Dort beluden wir Waggons. Anfang 1944 wurde ich von einem guten Menschen zur Arbeit genommen. Der Name war Herr Kreispoisch. Bis zum Kriegsende arbeitete ich bei ihm. Er besaß ein Obst-und Gemüselager. Für ihn kamen Wagen mit Möhren, Rote Beete, Äpfeln, Weintrauben. Er arbeitete auch selbst. Wir fuhren mit Ihm zusammen einen Lastwagen mit Anhänger und sammelten in den Dörfern Obst und Gemüse. Jeden Morgen nahm unser Wirt zwei Menschen mit und am Abend brachte er sie wieder zurück ins Lager. Wir waren insgesamt zu zweit – ich und Philipp. Philipp pflegte das Vieh. Es waren sechs Kühe und Pferde. Auch noch auf dem Hof arbeiteten zwei Polinnen. Maria pflegte die Schweine. Es waren 70. Alfrieda machte Küchenarbeit. Als ich das erste Mal kam, hörte ich vom Vorbau „Komm Kaffee trinken“. Ich war überrascht. Das war zum ersten Mal in meiner gesamten Zeit der Gefangenschaft. Zu Mittag hörte ich wieder „Komm essen“. Wir saßen alle an einem Tisch zusammen – unser Wirt und wir. Was uns noch mehr wunderte war, dass jeder sich selbst am Tisch die Suppe nahm. Und das war jeden Tag so. Herr Kraispoisch bot mir an, bei ihm zu bleiben. Er sagte „ Michel, bleib bei mir, wir finden für dich eine Frau, du darfst bei mir wohnen“. Wenn er noch lebt, grüßen Sie ihn bitte von mir und sagen Sie ihm „Allergrößten Dank“.

Seine Familie bestand aus ihm selbst, seiner Frau und Tochter und seinem Sohn. Und noch die Mutter seiner Frau – die Schwiegermutter. Ich werde diese Familie bis zu meiner letzten Minute nicht vergessen. Wenn es Ihnen gelingt, etwas über diese Familie zu erfahren, sagen Sie mir bitte Bescheid.[*]

Jetzt wieder zu mir.

Ich wurde von Amerikanern befreit und befand mich in Westdeutschland, bis wir zur Elbe gebracht wurden und der sowjetischen Seite übergeben wurden. Das war schon nach dem Krieg. Danach war ich in der Stadt Luzk. Hier wurden wir vom KGB und [?] geprüft. Viele von uns gerieten nach Sibirien, und wer Sibirien vermied, wurde in die Stadt Antrazit (Gebiet Lugansk) zur Kohlengrube geschickt. Dort arbeitete ich unter Tage 30 Jahre lang. Mit 50 bekam ich meine 120-Rubel-Rente. Trotzt Rente arbeitete ich bis 1999 als Fahrer und Bauarbeiter. Ich habe mit meiner Frau zwei Töchter. Sie wohnen in der Stadt Saporoshje. Dorthin zogen wir mit meiner Frau im Jahr 2003 um und haben eine Zweizimmerwohnung. Ich bin 84 Jahre alt, meine Frau ist 78. Sie arbeitete 8½ Jahre unter Tage. Langsam leben wir.

Im Brief von Ihnen wurde erwähnt, dass Ihre Organisation sich an die Deutsche Regierung wendet, aber die Regierung schweige auf Ihre Bitte um eine materielle Hilfe für ehemaligen russischen Kriegsgefangene. Unsere Arbeit müsste ja bezahlt werden.

Nachdem ich aus der Gefangenschaft zurückgekehrt war, arbeitete ich in der Kohlengrube der Stadt Antrazit. Mit mir arbeiteten auch die deutschen Kriegsgefangenen bis 1947 zusammen. Sie hatten die gleichen Rechte wie die russischen Bergleute: sie bekamen Lohn und Essen (damals gab es das Lebensmittelmarkensystem).

Ich wende mich an Sie mit einer Bitte. Ist es Ihnen gelungen, sich in Verbindung mit der Familie Kraispoisch zu setzen? Ich bitte um Entschuldigung für die Schreibfehler und ich bedanke mich bei Ihnen für die geleistete Hilfe. Nehmen Sie bitte die Dankbarkeit auch von meiner Familie an.

Mit Hochachtung

Prichodko.

P.C.Übrigens, ich hatte mit meiner Frau am 15. Oktober 2005 Ehejubiläum – 60 Jahre Zusammenleben.

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[*] Viele baten uns um die Suche nach einzelnen freundlichen Deutschen, deren Namen sie nicht zu buchstabieren wissen. Nur selten ist unsere Suche erfolgreich.

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