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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

431. Freitagsbrief (vom August 2005, aus dem Russischen von Christine Herpel).

Russland
Gebiet Rjasan´
Stepan Dmitrijewitsch Maksimushkin.

Sehr geehrter […]!

Die besten Wünsche sendet Ihnen ein ehemaliger Kriegsgefangener des Faschismus.

Ihren Brief erhielt ich am 22.1. Den gesamten Monat April bis zum 8.  Mai war ich jedoch in ärztlicher Behandlung. Ich versuchte einige Male im Mai und im Juni zu schreiben, aber sowie ich den Brief angefangen hatte, waren meine Nerven bis zum Zerreißen gespannt und mir traten die Tränen in die Augen.

Ein halbes Jahr war ich im Kriegsgefangenenlager in der Ukraine, wo ich leiden musste. Ich befand mich hinter mehreren Reihen Stacheldraht, auf der gleichen Stufe mit Vieh. Wir hungerten grausam, sie schlugen uns brutal mit Peitschen und erschossen Leute. Geholfen haben uns die Einwohner der Ukraine, sie brachten uns, was sie konnten und warfen es über den Stacheldraht. Später, als wir nach Polen in die Stadt Sandomir [Stalag 359 Sandomierz] gebracht wurden, wurde es leichter. Verpflegt wurden wir auch dort schlecht, wir aßen Gras und Kamille, die vielfach auf dem Gelände des Lagers wuchs. Eines Tages haben sie uns zum Bahnhof und in Eisenbahnwagen getrieben, viele Menschen in jeden Waggon, so dass man nicht gleichzeitig beide Beine auf den Boden stellen konnte, und so standen einer an den anderen gelehnt. So fuhren wir. Unter derartig unmenschlichen Bedingungen kamen nur wenige lebend in Deutschland an, die Toten wurden an den Haltepunkten aus dem Waggon geworfen.

Wir kamen in Düsseldorf [? wahrscheinlich Stalag 326 Senne] an, wo wir irgendeine Registrierung durchliefen, man gab uns Nummern und nahm die Fingerabdrücke ab. Man hatte es eilig, denn in den Betrieben und in den Bergwerken in Deutschland fehlten die Arbeitskräfte. Von Düsseldorf aus wurden wir in andere Städte geschickt, ich kam nach Dortmund, von dort aus wurden wir zur Arbeit geschickt. 40 von uns wurden mit ihrer Nummer aufgerufen und zu einem Flugzeugwerk in die Stadt Witten gebracht. Das war im Juni 1942. So begann unsere Zwangsarbeit. Das Werk war nah, auf der anderen Straßenseite.

Die Arbeiter im Betrieb, alles ältere, verhielten sich uns gegenüber sehr gut. Nur einer, der offenbar irgendeinen Posten hatte, schlug uns. Das Essen war schlecht, Franzosen und vereinzelt deutsche Arbeiter gaben uns etwas ab. Die Bewacher wurden aus irgendeinem Grund oft ausgewechselt, manchmal waren sie gut, manchmal unmenschlich und schlugen uns grausam. Mit Eröffnung der zweiten Front begannen die Bombardierungen und wir konnten viele Nächte nicht schlafen.

Die Stadt Witten ist klein, lange blieb sie verschont, die Flugzeuge flogen vorbei irgendwo anders hin. Aber in der Nacht vom 11. auf den 12. April wurde auch Witten bombardiert, viele Häuser brannten ab. Nach dem Ende der Bombardierung verschwanden die Wachleute, die Polizei ließ uns jedoch nicht in die Stadt. Viele Häuser brannten nieder und wir mussten bei den Löscharbeiten helfen. In einigen Häusern gab es Alte, Kranke und Kinder, die ihre Häuser nicht selbstständig verlassen konnten. Wir halfen ihnen, einige mussten wir auch hinaustragen. Ich werde nie vergessen, wie froh sie darüber waren und uns umarmten. Sie waren verschreckt und schimpften auf Deutsch auf irgendjemanden.

Wir stanken schrecklich, wir waren durchräuchert vom Werk und lebten in ungelüfteten Unterkünften.

Am Abend des 12. April tauchten amerikanische Panzer und Fahrzeuge auf, die uns aufsammelten. Und wieder kamen wir in ein Lager, wieder Bewachung. Wir wurden gut verpflegt und nicht geschlagen, die Beziehungen mit ihnen waren freundschaftlich.

So endete der Krieg in Witten, es gab nichts mehr zu bombardieren und die Soldaten zogen weiter über den Fluss Ruhr.

Jetzt bin ich mehr als 80 Jahre alt, und ich habe das oben Beschriebene überlebt. Aber niemals werde ich die Schrecken des grausamen Krieges 1941–1945 vergessen.

Entschuldigen Sie bitte die schlechte Schrift. 35 Jahre lang habe ich als Buchhalter gearbeitet, hatte eine gute Schrift, was ist daraus geworden …

Ich denke, Sie werden jemanden finden, der Russisch versteht und das lesen kann.

An den Leiter des Projektes Eberhard Radczuweit: Den Brief und die Unterstützung von 300 € habe ich erhalten – danke, danke, danke.

Hochachtungsvoll!

Unterschrift: Maksimushkin.

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