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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

430. Freitagsbrief (vom Oktober 2010, aus dem Russischen von Valerie Engler).

Michail Iwanowitsch Utkin
Russland
Kemerowo.

Ich, Michail Iwanowitsch Utkin, habe Ihren Brief bekommen und möchte Ihnen hiermit antworten. Ich danke dem deutschen Volk für das Verständnis und die finanzielle Unterstützung.

Ich bin jetzt 90 Jahre alt und aufgrund einer Verletzung kann ich meinen rechten Arm nicht mehr bewegen, deshalb helfen mir gute Bekannte beim Schreiben des Briefes.

Im April 1941 wurde ich in die Sowjetische Armee einberufen. Ich diente in Belarus an der Westgrenze bei Grodno. Alles war friedlich. Nach einiger Zeit wurden wir beschossen,Flugzeuge mit Kreuzen darauf kreisten direkt über unseren Köpfen. Dann wurde es schlimm, sie begannen uns zu bombardieren. Und wir hatten nichts außer Holzgranaten (Übungsgranaten). Wir wurden dann alle schnell auf Fahrzeuge verteilt und sollten zu einer anderen Einheit gebracht werden, die besser auf den Krieg vorbereitet war (Zu der Zeit hatte ich noch nicht einmal den Fahneneid abgelegt).

Plötzlich schlug eine Bombe in das Fahrzeug ein, in dem ich war. Ich weiß nur noch, dass ich mit der Detonationswelle etwa 20 Meter zur Seite geschleudert wurde. Als ich wieder zu mir kam, war ich schon in Gefangenschaft. Es stellte sich heraus, dass ich verwundet war und eine Gehirnerschütterung hatte, deshalb habe ich Probleme mit dem Gedächtnis, oder ist es das Alter?!

Wir lebten in Holzbaracken, schliefen Sommers wie Winters auf dem Boden. Wegen meiner Verwundung war ich sehr schwach. Die Gefangenen, die bei Kräften waren, wurden zum Arbeitseinsatz gebracht. Verpflegt wurden wir einmal am Tag, dieses „Essen“ bestand aus Kohlblättern und Rüben.

Das Schrecklichste und Entsetzlichste war, wenn verzweifelte Gefangene ihr Schicksal selbst in die Hand nahmen und sich in den Stacheldraht warfen, als wollten sie fliehen, und der MG-Schütze auf dem Wachturm ihrem Leben ein Ende setzte. Jeden Tag starben bis zu hundert Menschen. Es gab auch ein Krematorium, das vor allem den Juden zum Verhängnis wurde. [?]

Das Lager befand sich irgendwo in der Nähe von Stargrad [Stalag IID Stargard ?]. Das erfuhr ich dann bei der Befreiung. Die sowjetischen Truppen waren schon in Deutschland, hatten aber noch nicht gesiegt. Wir bekamen Essen, wurden medizinisch behandelt und kamen dann in den Kaukasus nach Tiflis, anscheinend um zu beweisen, dass wir keine Verräter waren, denn damals war ja Stalin an der Macht.

Viele Kameraden kamen ums Leben. Manche hielt man für Vaterlandsverräter und sie wurden erschossen, und das ist das Schlimmste und Bitterste. Ich schäme mich für die Sowjetische Regierung. In der UdSSR herrschte Ordnung und Disziplin, aber es mangelte an Verständnis.

1948 kehrte ich endlich in meine Heimat nach Kemerowo zurück. Meine Schwestern hatten mich für vermisst gehalten. Ich begann sogleich zu arbeiten. Ich stürzte mich ganz in die Arbeit, um alles wenigstens irgendwie zu vergessen. Aber die Zeit heilt alle Wunden. Schrecklich, nach der langen Gefangenschaft stumpfte ich ein wenig ab. Lange Zeit quälten sie mich mit Verhören: Wie ich in Gefangenschaft geraten sei? Für meine gute Arbeit habe ich viele Auszeichnungen und Medaillen bekommen.

Jetzt hat sich Russland verändert. Die Regierung meint, sie müsse mir als Veteran des Großen Vaterländischen Krieges eine Wohnung zur Verfügung stellen.

Meine Kinder und Verwandte leben heute ihr eigenes Leben. Mir hilft eine Familie, die in der Nähe wohnt, vor allem eine Frau, der ich extra danken möchte.

Danke, Kameraden, für Unterstützung und Verständnis.

M. I. Utkin, Soldat.

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