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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

429. Freitagsbrief (vom März 2006, Übersetzer/in aus dem Russischen unbekannt).

Russland, Gebiet Kursk
Bezirk Kastorenskij
Michail Wasil´jewitsch Gontscharow.

Guten Tag, sehr geehrter […]!

Im Namen meines Schwiegervaters, Gontscharow Michail Wasil´jewitsch, schreibt Ihnen Gontscharow Ludmila Mitrofanowna. Wir haben Ihren Brief von 17.01.06 bekommen. Weil mein Schwiegervater schon alt ist, 85 Jahre alt, werde ich Ihnen antworten. Am 4. Januar 2001 haben wir von der Stiftung „Verständigung und Aussöhnung“ eine Absage bekommen, was eine finanzielle Hilfe für meinen Schwiegervater betrifft. Am 3. Juni 2006 haben wir von dieser Stiftung noch eine Absage, was die Auszahlung einer Anrechnung, bekommen, obwohl wir im Radio gehört haben, dass eine Entscheidung getroffen wurde, allen die nach Deutschland getrieben wurden, diese Kompensation nachzuzahlen.[*]

Wir wurden sehr angenehm von Ihrem Brief überrascht. 300 Euro für einen alten Mann ist eine sehr gute Hilfe. Ich möchte Ihnen ein bisschen erzählen, wie die Situation in der Kriegszeit war. Vielleicht hat unser Vater was vergessen, oder hat die Sachen, Daten verwechselt, aber ich schreibe Ihnen alles was er erzählt hat.

Gontscharow M. W., 1921 geboren, wurde im April 1941 in die Armee einberufen. Er hat im Truppenteil 79/99 in der Stadt Bereshan, Gebiet Ternopol in der Ukraine gedient.

Im Juli haben die Deutschen sie eingekesselt und in Gefangenschaft genommen. Sie wurden in die Stadt Belaja Zerkow, Belarus [Stalag 334 Ukraine] geschickt. Hier befanden sie sich in einem Lager. Im Herbst wurden sie alle in Waggons verladen und nach Deutschland geschickt. Und so ist er in die Stadt Köln geraten. Zuerst haben sie geduscht und bekamen Kleidung (die alte haben sie verbrannt). Dann wurden alle in Baracken angesiedelt, wo sie die nächste Zeit gewohnt haben. Die Baracken wurden bewacht. Überall gab es Streifen. Die Gefangene haben von 8 bis 17 Uhr bei der Eisenbahn gearbeitet. Sie haben Eisenbahnlinien gebaut, aber aus irgendwelchen Gründen (so wie sich Vater erinnert), war der Abstand zwischen den Gleisen kleiner als in Russland. Wenn die Deutschen gemerkt haben, dass jemand müde war, haben sie ihn mit den Gewehrkolben geschlagen. Mein Vater sagt, dass er sich an einen Fall erinnert, als ein Mitgefangener nicht das machen wollte, was die Deutschen ihm sagten, und er so stark geschlagen wurde, dass er starb. Unser Vater hatte Angst vor so was und hat versucht, gut und fleißig zu arbeiten. Sie haben ihm nichts angetan. So ist ein Jahr, vielleicht auch mehr vergangen und der Vater wurde zur Arbeit in der Grube in die Stadt Kesenchirg [Gelsenkirchen?] geschickt. Die Russen wurden gehasst. Sie wurden schlecht ernährt. Es gab schlechtes Essen, fast nur Kohl.

Öfter hörte man Bombardierungen, vermutlich waren es die Amerikaner, ganz genau weiß er es nicht. Die Gefangenen haben sich im Luftschutzbunker versteckt. Viele von ihnen wurden krank und konnten nicht arbeiten, viele sind gestorben.

Mein Vater wurde vor Kurzem gelähmt und war ans Bett gefesselt. Nach 3 Monate guter und intensiver Behandlung hat er‘s geschafft, wieder auf die Beine zu kommen.

1945, nach dem Kriegsende, diente er weiter in der sowjetischen Armee in Deutschland und ist erst 1947 nach Hause gekommen. Solange er sich in Gefangenschaft befand, durfte er keine Briefe nach Hause schreiben. Die Eltern wussten nicht, ob er lebt oder ob er gestorben ist. Erst 1945 hat er einen kurzen Brief nach Hause geschickt, dass er am Leben sei.

Jetzt besteht seine Familie aus zwei Söhnen, einer Tochter, drei Enkelinnen, zwei Enkeln und einem Urenkel. Seine Frau ist 1974 gestorben. Er hat die Kinder alleine großgezogen und alle sind anständige Menschen. Das ist alles, was ich Ihnen über den Vater erzählen wollte. Als unser Vater uns das erzählte, hat er ununterbrochen geweint.

P.S. Ich bin der Meinung, dass in jeder Nation gute, anständige Menschen leben. […]

Ich wünsche Ihnen viel Gesundheit, viel Glück, Erfolg bei dieser schweren Arbeit.

Sie können unseren Vater über die alte Adresse nicht mehr erreichen, weil er jetzt bei uns wohnt.

[…]

Mit Hochachtung

Gontscharow L. M.

****.

[*] Rund 20 000 ehemalige sowjetische Kriegsgefangene stellten nach Bekanntgabe der „Zwangsarbeiterentschädigung“ Anträge, die abgewiesen wurden wegen des vom Bundestag im Jahr 2000 verabschiedeten Gesetzes zur Errichtung der Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“ (§ 11 Abs. 3). KONTAKTE-KOHTAKTbI e.V. gab aus Spenden allen Abgelehnten, die erreichbar waren – über 8000 Personen – als Geste der Anerkennung erlittenen Unrechts 300 Euro und einen persönlichen Brief. Heute erhalten die letzten noch Lebenden vom Verein soziale und medizinische Hilfe. Der Bundestag verweigert auch 70 Jahre nach Kriegsende diesen Menschen jene Anerkennungsbeträge, die den zivilen NS-Zwangsarbeiter/innen zugewendet worden waren. (E. Radczuweit).

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