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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

428. Freitagsbrief (vom Januar 2006, aus dem Russischen von Dmitri Stratievski).

Ukraine
Saporoshje
Grigorij Antonowitsch Duchowenko.

Liebe deutsche Freunde, Frau Dr. Hilde Schramm und Herr Eberhard Radczuweit

Ich bin Grigorij Antonowitsch Duchowenko, ehemaliger Kriegsgefangener. Ich möchte meinen tiefen Dank für Ihre wichtige Sache, für die materielle Hilfe an ehemalige Häftlinge der deutschen Lager für Kriegsgefangene, aussprechen.

Kurz über meine Person. Vor dem Krieg habe ich eine medizinische Schule absolviert und das Diplom als Unterarzt erhalten. Nach Deutschland kam ich als „Grigorij Antonowitsch Maksimow“. Das lag an folgenden Umständen: Am 23. Juli 1941 wurde ich in die Sowjetarmee einberufen. Am 23. Februar 1942 geriet ich an die Front. Am 26. Mai 1942 erlitt ich eine doppelte Beinverletzung sowie eine Rückenverletzung. Am 27. Mai 1942 wurde ich gefangen genommen.

Ich habe trotz meiner schweren Verletzungen ausschließlich dank meines jungen Alters und meines Berufs überlebt. Ich hatte etwas Verbandsmittel bei mir gehabt. Damit konnte ich mir selbst und weiteren Verwundeten in meinem Umfeld ein bisschen Hilfe leisten. Ende Oktober 1942 gelang es mir zu flüchten. Ich war nur ein paar Tage frei. Ich wurde von ukrainischen Polizisten angehalten und verhaftet. Ich erfand meinen Lebensweg neu und behauptete, ich stamme aus dem Gebiet Rostow, mein Haus wäre während eines Bombenangriffs zerstört worden. Meine Ausweispapiere seien verbrannt. Ich sagte, dass die deutschen Truppen bei Stalingrad eine Niederlage erlitten hätten und jetzt alle Zivilisten ins Hinterland evakuieren. Sagte ich die Wahrheit, nämlich über meinen Fluchtversuch aus dem Kriegsgefangenenlager, wäre ich ins alte Lager zurückgebracht worden. Dort hätte man anhand der Liste sofort festgestellt, dass ich ein Flüchtling bin. Die Flüchtlinge wurden in diesem Lager umgehend erschossen, ohne Ermittlung und Gerichtsurteil. Das sollte als Abschreckung gelten.

Ich habe Glück gehabt. Man brachte mich zur Bahnstation, wo gerade die Kriegsgefangenen in den Zug einstiegen. Der Zug sollte in Kürze nach Deutschland fahren. Meine zivile Kleidung und mein junges Alter haben eine Rolle gespielt. Man dachte, ich sei ein Junge. So kam ich nach Oberschlesien und wurde in ein Kriegsgefangenenlager eingesperrt. Das war in Lamsdorf [Stalag 318 Oberschlesien]. Meine Lagernummer lautete 15622. Die Lebensbedingungen waren schlecht. Wir lebten in Erdlöchern. Im Hebst regnete es stark. Hunger und Kälte … Meine Rückenwunde brach auf.

Am 20. April 1943 haben die Deutschen ihr großes Fest gefeiert, Führers Geburtstag. Wir, neunzig Männer, wurden an diesem Tag nach einer medizinischen Untersuchung in ein Arbeitskommando geschickt. Der Einsatzort war im Pionierpark[depot] in Oderwalde [Oberschlesien]. Diese Arbeit war schwer. Aus allen Ländern Europas kamen Züge mit Metallschrott. Wir haben ihn mit blanken Händen ausgeladen und nach Bedarf für die Weiterlieferung in ein Werk wieder eingeladen. Innerhalb kurzer Zeit war ich völlig entkräftet. Abgemagert konnte ich kaum von der Schlafstelle aufstehen. Auf einer Krankenbahre wurde ich in die Stadt Cosel ins Lazarett für Kriegsgefangene gebracht. Einige Zeit später erfuhren die Ärzte, dass ich Unterarzt [deutsches Wort kyrillisch geschrieben] bin. Ich wurde zum Sanitäter einer Stube ernannt. In der Stube waren 24 Personen untergebracht. Mithilfe der Ärzte konnte ich dort bis zum 10. Februar 1944 bleiben. An diesem Tag wurde ich ins Oderwalder Arbeitskommando zurücküberwiesen.

Der Kommandoführer [deutsches Wort kyrillisch geschrieben] war ein sehr junger Unteroffizier. Er war an der Ostfront schwer verwundet worden. Trotz seines Gesundheitszustandes war er ein guter und hilfsbereiter Mensch. Er hat mich mit Respekt behandelt. Im August 1944 kam er in meine kleine medizinische Einrichtung und sagte, dass ich auf Befehl des Chefs des Pionierparks ins Straflager überwiesen werden soll. Ich hätte Propaganda verbreitet, die dazu diente, dass die Arbeiter ihre Arbeit sabotieren. Ich war sehr erschrocken: das Straflager bedeutete den Tod. Der Unteroffizier versicherte mir, dass er alles unternehmen wird, um meine Verlegung zu verhindern. Einige Tagen später kam er wieder und war in guter Stimmung. Er sagte, dass man für morgen zehn Männer für die Arbeit in der Zuckerfabrik brauchte. In die Liste hätte er auch meinen Namen eingetragen. Ich habe ihm zuerst nicht geglaubt. Er hat mich aber überzeugt, dass diese Nachricht wahr ist.

Wir wurden zu zehnt tatsächlich in die Stadt Ratibor gebracht. Dort sammelten sich zweihundert Personen. Wir sind zur Zuckerfabrik gefahren. Ich kam dorthin kurz vor der Annäherung der sowjetischen Front. Im Januar 1945 wurden wir kolonnenweise in Richtung amerikanische Front geführt. Am 27.01.1945 flüchtete ich erneut. Das war bereits in der Tschechoslowakei. Die Tschechen haben uns sehr gut behandelt. Wir lebten in einer tschechischen Familie und hatten volle Freizügigkeit. Das war echtes Leben! Hier erlebten wir das Kriegsende.

Im Jahre 1973 habe ich die Tschechoslowakei besucht. Zum meinem 50. Geburtstag habe ich als Geschenk eine Reisegenehmigung erhalten. [Zur Sowjetzeit war es ziemlich kompliziert auszureisen. Dafür benötigte man eine Reisegenehmigung. Das betraf auch sozialistische Länder). 1986 war ich erneut in diesem Land. Ich wurde zum Freundschaftsfest UdSSR – CSSR eingeladen. Während dieses Festes wurden wir mit dem Orden der Völkerfreundschaft der 2. Stufe ausgezeichnet.

Liebe Freunde, wenn die Information in diesem Brief Ihrer Beschäftigung zugutekäme, würde es mich sehr freuen. Können Sie mir das mitteilen? Zum Schluss möchte ich ein russisches Sprichwort erwähnen: „In der Welt gibt es gute Menschen!“ Viele Menschen aus meinem Bekanntenkreis wanderten nach Deutschland aus, davon zwei Ärzte, die meine Arbeitskollegen waren. Mit einer Ärztin telefonieren wir an Feiertagen.

Ukraine, Saporoshje.

(Unterschrift).

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