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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

427. Freitagsbrief (vom Mai 2009, aus dem Russischen von Dr. Martin Creuzburg).

Russland
Baschkortostan
Petr Grigor´jewitsch Sinjakow.

Guten Tag, sehr geehrte Herren, Mitglieder des Vereins Kontakty!

Ich danke Ihnen herzlich für den mir zugesandten Brief. Ich bin sehr froh über die Aufmerksamkeit und die Sorge, die Sie uns ehemaligen Kriegsgefangenen erweisen. Vielen Dank dafür.

Nun möchte ich ausführlich alles beschreiben, beginnend mit der Vorkriegszeit. Das war eine schreckliche Zeit, diese dreißiger Jahre, ringsum lief die Entkulakisierung, die Kollektivierung und all dies betraf auch meine nächsten Verwandten, sowie unsere Familie. Alles wurde weggenommen, das gesamte landwirtschaftliche Inventar, die Pferde, uns blieb nichts. Das Leben verschlechterte sich schlagartig. Der Vater starb, uns acht erzog die Mutter allein. In die Schule ging ich mit 9 Jahren. Die Schuljahre waren auch sehr schwer. Es war schwer mit Kleidung und Schuhen, meistens liefen wir barfuß. Im Winter war es in der Klasse kalt, wir lernten, ohne die Kleidung abzulegen, sogar die Tinte gefror. Ich lernte sechs Jahre lang, dann musste ich die Schule abbrechen, man musste arbeiten gehen. Und dann begann auch noch der Krieg und die Männer wurden zur Front eingezogen. Die gesamte Arbeit lud man auf unsere Schultern: pflügen, eggen, säen, ernten. Und dann kamen auch wir an die Reihe, im Herbst 1943 wurde ich in die Armee eingezogen. Nach sechs Monaten Ausbildung kamen wir an die Front, die sich in Westbelarus befand. Nach der Überquerung des Flusses Bug betraten wir das Territorium Polens. Mit Kämpfen und großen Verlusten erreichten wir die Weichsel. Wir überquerten die Weichsel am 30. Juni 1944. Am 2. August gingen wir in den Kampf, der mein letzter sein sollte, nach der Einnahme eines Dorfes. Wir gingen weiter, es gab heftige Schießereien von beiden Seiten und bei dieser Schießerei wurde ich schwer im linken Oberschenkel verwundet, ich fiel, kroch noch ein wenig und verlor das Bewusstsein, das war mittags.

Ich erwachte nachts, versuchte zu kriechen, aber es ging nicht. Lag so in den Kartoffeln bis zum Morgen. Die Unsrigen hatten sich offenbar zurückgezogen. Ich blieb in der neutralen Zone, näher zu der deutschen Seite. So lag ich drei Tage lang bei Regen. Ich hatte großen Durst, mir wurde sehr schlecht, ich hob endlos den Kopf, vor Augen wurde mir schwarz. Danach hatte man mich wohl auf deutscher Seite bemerkt. Ich sehe zwei Soldaten mit Maschinenpistolen kommen, nun das war´s, dachte ich, gleich kommt mein Ende. Sie kamen, richteten die Maschinenpistolen auf mich und sagten „Rus kaputt“, ich sagte „kaputt“. Einer kauerte sich hin, begann mich abzusuchen, ich hatte nichts bei mir außer in der hinteren Tasche der Hose meinen Rotarmistenpass. Er blätterte in ihm und legte ihn zurück. Ich begann sie um Wasser zu bitten, sagte „Wasser“, einer nahm seine Feldflasche und goss mir ein Glas Tee ein, ich trank es aus. Er goss mir noch ein Glas ein, mehr hatte er nicht. Dann zeigte ich auf einen Brunnen, der sich unweit des Hauses befand, sagte wieder „Wasser“. Sie entfernten sich, ich sah, einer ging mit einem Eimer zum Brunnen, brachte mir mehr als einen halben Eimer Wasser, stellte ihn neben mich und ging, ich begann ein Glas nach dem anderen zu trinken, trank alles aus. Gegen Abend kam ein Soldat mit einer Teekanne und Brot, ließ das neben mir, trinken konnte ich jedoch nicht mehr.

Es wurde dunkel, es kamen vier Soldaten und legten mich auf eine Zeltplane und trugen mich aus dem Garten weg. Sie liefen über das Feld bis an den Waldrand, dort waren viele Soldaten. Das Abendessen wurde ihnen auf Pferden gebracht, nach dem Abendbrot legten sie mich auf das Fuhrwerk, weiter fuhr ich mit dem Kutscher. Sie brachten mich ins Dorf zu einem Haus, aus dem zwei Mann herauskamen und mich hinein trugen. Dort untersuchte mich ein Arzt, verband mich. Danach trug man mich ins Heu, dort schlief ich ein, schlief die ganze Nacht und den ganzen Tag. Man weckte mich, ich schlug die Augen auf, die Sonne ging schon unter. Neben der Tür stand ein Pferd, angeschirrt vor einem Wagen. Man legte mich mit einer Zeltplane auf den Wagen und zu mir setzte sich noch ein Soldat mit verbundener Hand und zwei Kutscher fuhren uns. Bei der Dorfdurchfahrt hielten wir vor einem Haus, wo zwei polnische Frauen standen. Sie sprachen über irgendetwas mit ihnen, ich bat die Polinnen um Wasser, sie brachten mir eine Tasse süßen Tee, ein Stück Brot und einen Apfel. Wir fuhren weiter, nach einer Weile holte uns ein PKW ein. Wir hielten, dem Auto entstieg ein deutscher Offizier, kam zum Wagen, zog an der Zeltplane, so dass ich vom Wagen auf die Erde fiel, ein unerträglicher Schmerz ließ mich laut schreien. Er zog aus seiner Tasche eine Pistole und richtete sie auf mich und sagte „Jetzt kaputt“. Ich bedeckte das Gesicht mit den Händen und schrie. Er nahm seine Pistole weg. Sie legten mich ins Auto und fuhren los.

Man brachte mich in ein Dorf. Aus dem Haus kamen zwei Mann, legten mich auf eine Trage und trugen mich ins Haus. Weiter kann ich mich nicht erinnern, was sie mit mir gemacht haben. Ich erwachte erst morgens auf dem Fußboden, das Bein war geschient, neben mir lagen noch einige verwundete polnische Soldaten. Es kam ein deutscher Offizier mit rotem Aufnäher auf der Brust des Jacketts. Er kam zu mir und begann russisch zu sprechen. “Wie heißt du?“, Ich antworte „Petr“, er zog aus seiner Tasche Schokolade und gab sie mir. Danach sagte er, „du fährst nach Deutschland“.

Danach, erinnere ich mich, brachte man mich zusammen mit Polen in die Stadt Cestochov, dort war offenbar ein Lager [Stalag 367 Tschenstochau]. Wir blieben dort 4 Tage. Dann brachte man uns zum Bahnhof, lud uns in Güterwagen und brachte uns nach Deutschland.

Wir fuhren drei Tage, dann wurden wir ausgeladen und mit Pferden weiter transportiert. Man brachte uns ins Lager Nr. 326 [Senne], führte mich in die Baracke Nr. 9 und legte mich auf eine Liege. Zu mir kam sofort ein Arzt, der mich untersuchte. Das Bein war nicht mehr verbunden, die Schiene längst weggeflogen, die Wunde offen. Der Arzt sagte, tragt ihn in den OP.

Die Operation war kompliziert, das Bein war verkrümmt. Man durchbohrte das Knie, setzte einen Metallstab ein und machte eine Vorrichtung zur Geradestreckung des Beines. Man brachte mich zurück in die Baracke, aufs Bett setzte man ein Gestell zur Streckung, vom Knie zogen sie ein Seil, befestigten 4 Ziegelsteine, damit das Bein sich in dieser Lage ausrichtet.

Ich lag drei Monate auf dem Rücken, danach wurde alles entfernt und ich drehte mich auf die Seite. Der Arzt war sehr gut, er hieß Michail Borissowitsch und der Unterarzt war auch gut. Nur die Verpflegung war … schlechter nicht zu denken, die ersten Tage konnte ich die Wassersuppe nicht essen, ich trank nur Tee mit Brot und einem Stückchen Margarine. Man gab noch 100 gr. Milch und die nicht allen, nur sieben Personen. Zur Wassersuppe sagten meine Kumpels, wenn du die nicht isst, wirst du nicht überleben. Danach musste ich ein wenig von der Wassersuppe essen.

So lag ich 6 Monate in der Baracke. Begann ein wenig zu laufen. Die Wunde verheilte. Am 28. Februar 1945 kam eine Ärztekommission, die Behandlung abzuschließen. So kam die Kommission auch zu mir, es waren 7 Personen. Ich zeigte mein Bein, die Wunde hatte sich geschlossen, der deutsche Übersetzer schaute mich an und fragte: „Wie alt bist du?“, Ich antworte ihm „Fünfzehn“ [tatsächlich 18]. Er blickte den Chefarzt an und sagte: „Fünfzehn Jahre“. Danach sprachen sie über irgendetwas auf Deutsch und der Dolmetscher sagte mir, du kommst in das Kinderkommando.

Um 4 Uhr kam zu mir ein Wachmann, führte mich aus der Baracke und brachte mich in den ersten Block. Dort war alles voller Gefangener. Doppelstockpritschen, alles war belegt. Ich kroch unter eine Pritsche, lag dort bis zum Morgen, morgens am 17. März kroch ich heraus. Mein Wachmann kam, nahm für mich ein Päckchen mit Brot und einem Stückchen Käse in Empfang und führte mich aus dem Lager und weiter. Wir liefen auf einem Feldweg. Am Rande des Feldes standen zwei Pflüger. Der Wachmann hielt neben ihnen an, sie waren Russen. Ich fragte sie: „Wohin führt man mich?“ Sie sagten: „Siehst du die zweistöckigen Häuser in der Nähe.“ Wir liefen bis zu diesen Häusern. Der Wachmann brachte mich ins Dienstzimmer des Kommandanten. Dort kam ein Dolmetscher und sagte dem Wachmann, er soll mich ins Bad führen. Wir stiegen in den Keller, hier waren Bad und Wäscherei. Ich wusch mich. Man gab mir saubere Wäsche, Hemd, Jackett, meine Wäsche warf man weg. Dann brachte man mich in ein Zimmer, hier war schon alles vorbereitet, das Bett bezogen mit sauberer Bettwäsche. Dann brachte man mir das Mittagessen: Suppe, Hauptgericht und Tee mit Butterbrot; ich aß gut.

Abends kamen die Burschen von der Arbeit, Halbwüchsige, sie arbeiteten beim Holzeinschlag. Alle waren Russen. Am nächsten Morgen standen wir auf, frühstückten, alle Burschen brachte man in den Wald, mich führte der Dolmetscher zum Kommandanten. Er sagte dem Dolmetscher, dass er mich auf den Pferdehof zur Arbeit führen soll. Wir kamen dort an, dort wurde ich nicht angenommen. Am zweiten Tag gingen wir wieder zum Kommandanten, er sagte dem Dolmetscher etwas auf Deutsch, und der führte mich in den Keller. Dort saßen einige Leute und sortierten irgendetwas, irgendwelche Samen. Auch dort nahm man mich nicht. Wir kehrten wieder zum Kommandanten zurück, der Dolmetscher sagte, dass man mich auch dort nicht nimmt. Dann soll er zweite Reinigungskraft für die Zimmer sein. So wurde ich Putzer. Das dauerte bis zum 1. April.

Als die alliierten Truppen näher kamen wurden wir evakuiert in Richtung russische Front. Vor der Evakuation hat der Bauer uns persönlich für die gute Arbeit gedankt und wünschte uns allen Heimkehr in die Heimat. Auf den Weg gab er uns allen je 4 Zigaretten, das habe ich im Gedächtnis behalten. Wir wurden in eine große Kolonne eingereiht und so sind wir einen ganzen Monat durch das Territorium von Deutschland gelaufen. Ich musste durch viele Städte und Dörfer laufen. Zur Nacht wurden wir in Scheunen gejagt, am frühen Morgen wieder auf den Weg. Unterwegs musste man vieles sehen: Wir sahen Tote, die im Straßengraben lagen, viele Tote. So etwas vergisst man nie. Die letzte Station war der 29. April, wie ich mich erinnere, das war unweit von Berlin in irgendeinem Dorf. Man jagte uns in eine Scheune. Dort blieben wir 4 Tage. Zu essen gab es nichts. Wir ernährten uns von dem, was in der Scheune war, das war ein großer Haufen Futterrüben.

Am 2. Mai ließ man uns aus der Scheune, gab uns zwei Portionen Brot und führte uns aus dem Dorf in ein Waldstück. Dort befahl man uns sich hinzulegen, dort war eine große Ansammlung von Militär, in der Nähe war eine Straße und es erschienen bald amerikanische Panzer und hinter ihnen auch Pkw mit zwei bis drei Soldaten. Wir rannten ihnen alle entgegen. Sie begannen uns Kekspäckchen zuzuwerfen. So waren wir von den alliierten Truppen von den Deutschen befreit worden. Danach haben wir uns zu unseren Truppen durchgeschlagen.

Im September fuhr ich in die Heimat. Gegenwärtig, wie ich Ihnen schon geschrieben habe lebe ich allein, beklage mich nicht über das Leben, bekomme Rente, das die Gesundheit nachlässt kann man nicht ändern – die Jahre gehen dahin.

Damit schließe ich. Ich wünsche Ihnen gute Gesundheit und alles Gute.

Hochachtungsvoll P. G. Sinjakow.

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