Direkt zum Navigationsmenü.


KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

424. Freitagsbrief (vom September 2010, aus dem Russischen von Valerie Engler).

Russland
Kirow
Aleksej Konstantinowitsch Kasakowzew.

Guten Tag, […] Wir senden allen Mitgliedern Ihres Vereins die allerbesten Wünsche.

Wir haben Ihren Brief an Aleksej Konstantinowitsch Kasakowzew erhalten. In seinem Namen antwortet Ihnen hiermit seine Tochter Alewtina Aleksejewna Ponomarewa (Kasakowzewa). Mein Vater lebt, am 5.8.2010 ist er 90 Jahre alt geworden. Natürlich ist er angesichts seines betagten Alters nicht ganz gesund und kann Ihnen nicht selbst antworten, aber er ist bei klarem Verstand. An die Zeit in der Gefangenschaft möchte er nicht zurückdenken, dieser Abschnitt seines Lebens war sehr schwer. Als ich ihn bat, meinen Kindern (seinen Enkeln) vom Krieg zu erklären, wurde er wütend. Aber er hat dann doch immer mal ein wenig erzählt. Ich lege Ihnen eine Kopie meiner Anfrage beim Staatlichen Archiv bei sowie eine Kopie der Auskunft aus dem Archiv über die Zeit meines Vaters in der Gefangenschaft. Ich habe seine Erinnerungen nach seinen Worten bereits 2001 aufgeschrieben, seitdem hat er vieles vergessen. Unser Antrag bei der Stiftung Versöhnung und Verständigung wurde abgelehnt, da Kriegsgefangene keine Entschädigungen bekommen, obwohl mein Vater in vielen deutschen Betrieben gearbeitet hat, und zum Schluss auch im Bergwerk.

Mein Vater hat sein ganzes Leben mit meiner Mutter Nina Grigorjewna Kasakowzewa (Wawilowa) zusammengelebt, die am 7. August 87 Jahre alt geworden ist. Meine Eltern leben in L., ich lebe mit meiner Familie in Kirow etwa 30 Minuten mit dem Bus von L. entfernt. Wir telefonieren die ganze Zeit und fahren sie oft besuchen. Mein Vater hat sein ganzes Leben als Dreher im Bahnbetriebswerk in L. gearbeitet, mit 60 Jahren ist er dann in Rente gegangen und arbeitet seitdem nicht mehr.

Mein Vater hatte zwei Kinder, mich und meine Schwester Tatjana, aber Tatjana ist 1973 an einem Herzfehler gestorben. Mein Mann Wladimir und ich haben zwei Kinder: unsere Tochter Natalja, geb. 1973 und unseren Sohn Aleksandr, geb. 1979, sie sind also die Enkel von Aleksej Konstantinowitsch. Außerdem hat mein Vater 1996 einen Urenkel, Wladyslaw, bekommen (der Sohn seiner Enkelin Natalja). Aleksandr hat bislang noch keine Familie und keine Kinder, worüber meine Eltern sehr traurig sind.

Meine Eltern leben in einer kleinen Zweizimmerwohnung mit Balkon im vierten Stock. Sie haben ein Gartengrundstück nicht weit entfernt von ihrem Haus. Vater und Mutter haben den Garten lange Zeit bewirtschaftet, als sie noch gearbeitet haben und später als Rentner. Jetzt können sie angesichts ihres Alters natürlich nicht mehr im Garten arbeiten. Aber meine Mutter kocht noch, räumt auf und versorgt meinen Vater. Seit ein paar Jahren verlässt Vater die Wohnung nicht mehr, die Treppe in den vierten Stock schafft er nicht mehr. Wir versuchen, ihnen bei allem zu helfen, so gut wir können.

Wir danken Ihnen dafür, dass Sie wegen des Krieges von 1941–45 Scham empfinden, wegen des Leides, das unsere Menschen erfahren mussten (meine Mutter hat im Krieg zwei Brüder verloren) und des Schadens, der unserem Land zugefügt wurde. Mehr als 20 Millionen sowjetischer Bürger sind in diesem schrecklichen Krieg ums Leben gekommen.

Ich wünsche allen Menschen auf unserem Planeten, dass sie niemals so etwas erleben müssen, wie es mein Vater hat durchmachen müssen und alle anderen, die in diesem Krieg leiden mussten.

Ich kann Ihnen noch sagen, dass ich in der Schule Deutsch gelernt habe, aber es fiel mir sehr schwer und machte mir keinen Spaß. Ich war der Meinung, dass alle Deutschen Nazis sind. Erst später, als ich schon erwachsen war, habe ich verstanden, dass die Deutschen ganz verschieden sind, wie alle Menschen. Es gibt in jeder Nation schlechte und gute Menschen, und zum Glück sind die Guten doch in der Überzahl.

Alles Gute!

Alewtina Aleksejewna Ponomarewa (Kasakowzewa).

8.9.2010.

P.S. Das Geld habe ich am 7.10. bekommen, allerdings mit einigen Schwierigkeiten. Den Brief schicke ich nun erst mit Verspätung ab, entschuldigen Sie bitte. Alles Gute Ihnen.

Antrag auf Auskunft aus dem Archiv, verfasst von der Tochter A. A. Ponomarewa.

[…] Mein Vater Aleksej Konstantinowitsch Kasakowzew wurde 1940 in die Armee einberufen. Er diente beim 135. Ponton-Brückenbau-Regiment und war zu Kriegsbeginn in Lupnoje bei Grodno. Wie mein Vater sagt, wurde die Einheit, in der er diente, am 22.6.1941 ab vier Uhr morgens von den Deutschen bombardiert. Beim Rückzug wurde mein Vater irgendwo in der Gegend um Minsk bei einem Bombenangriff bewusstlos und geriet in Gefangenschaft. Wie er sagt, kam er erst im Zug wieder zu sich, in dem unsere Gefangenen nach Deutschland gebracht wurden. Wohin er am Anfang in Deutschland gebracht wurde, weiß er nicht mehr. Er weiß noch, dass er fast die ganze Gefangenschaft über in einem Lager in der Nähe von Zwickau (Sachsen) war. Einige Zeit wurde Vater zur Arbeit als Gehilfe eines Gasschmelzschweißers eingesetzt, wo genau, das weiß er nicht mehr. Danach arbeitete er eine gewisse Zeit im Kesselraum irgendeiner Fabrik. Wie er sagt, wurde er die meiste Zeit seiner Gefangenschaft zur Arbeit im Bergwerk eingesetzt, als Hilfsarbeiter, da er sehr entkräftet war (er wog etwa 48 kg). Die Gefangenen lebten im Lager in Baracken. Auf dem Weg zum Bergwerk kamen sie an einem Teich oder einem See vorüber. Das Bergwerk hieß Margentern [Morgenstern?] oder so ähnlich und hatte die Nummer 3. Der Direktor dieses Bergwerkes war, wie Vater sagt, ein Deutscher, der im Ersten Weltkrieg in russischer Gefangenschaft gewesen war. In diesem Bergwerk arbeiteten als Monteure zwei ältere Deutschen namens Max Reimann (oder Eimer) und Bruno (an die restlichen Namen kann er sich nicht mehr erinnern), die unseren Gefangenen belegte Brote mitbrachten. Meinen Vater nannten sie dort Alex. Zweimal versuchte mein Vater mit anderen Gefangenen die Flucht aus dem Lager, aber sie wurden geschnappt und verprügelt. Mein Vater und die anderen Gefangenen wurden von Amerikanern befreit, die ihnen zeigten, wie sie zu den Russen gelangen konnten. Vater und die anderen Gefangenen schlugen sich selbst zu den sowjetischen Truppen durch. Nach der Überprüfung diente er wieder in der Armee und wurde am 1.5.1946 aus dem Armeedienst entlassen.

[…] Mein Vater Aleksej Konstantinowitsch Kasakowzew wurde am 5.8.1920 im Dorf Tschurany im Bezirk Chalturin (heute Bezirk Orlow), Gebiet Kirow, geboren.

Auszug aus dem Archiv des Gebietes Kirow vom 15.1.2002.

[…] A. K. Kasakowzew gehörte zum 135. (35.) Ponton-Brückenbau-Regiment und geriet am 2.7.1941 bei Minsk in Gefangenschaft.

Vom 2.7.1941 bis zum 2.4.1945 war er in Gefangenschaft im Lager für Kriegsgefangene in Minsk, später in Deutschland, wo er in Zwikau (richtig: Zwikkau) [sic!] in einer Papierfabrik als Hilfsarbeiter arbeitete.

Aus der deutschen Karteikarte geht hervor, dass A. K. Kasakowzew am 9.8.1941 in ein deutsches Lager eingeliefert wurde und im Lager 316-A[Siedlce/Polen] unter der Nummer 37721 geführt wurde. Auf einer anderen Karteikarte [Formular Nr. 1] des Lagers für Kriegsgefangene IV B Mühlberg ist vermerkt, dass A. K. Kasakowzew die Nummer 113018 hatte.

In der Rubrik „Außeneinsätze“ sind auf der Karte folgende Vermerke zu finden:

Am 2.4.1945 wurde A. K. Kasakowzew von amerikanischen Truppen aus der Gefangenschaft befreit. Er wurde an der Prüfstelle NKO Nr. 52 überprüft und von dort am 10.6.1945 dem 214. Reserve-Schützenregiment zugeführt..

Zum Seitenanfang


Zurück zum Seitenanfang.