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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

423. Freitagsbrief (vom Oktober 2007, aus dem Russischen von Valerie Engler).

Aleksej Kirillowitsch Chosanowskij
Ukraine
Odessa
[Es schreibt die Ehefrau].

An Frau Dr. Hilde Schramm

von Aleksej Kirillowitsch Chosanowskij, Odessa, […]

Auf Ihren Brief vom 6.8.2007 antwortet Ihnen hiermit die Frau von Herrn Chosanowskij, er ist im Moment krank und kann nicht selbst schreiben, er sieht und hört schlecht und vergisst alles, kurzum er leidet an Verkalkung. Für mich ist das schrecklich, ich renne zu allen möglichen Ärzten, ich weiß, dass Sklerose unheilbar ist, aber man kann den Krankheitsverlauf aufhalten. Im Moment kann er sich noch an alles aus der Vergangenheit erinnern. Ich schreibe Ihnen alles so, wie es mir mein Mann über die Gefangenschaft in Deutschland erzählt hat. Er war in Nürnberg in der Gefangenschaft, seine Lagernummer war 1199. Er hat die Gefangenschaft überlebt, weil er Deutsch und Englisch konnte. Vor dem Krieg war er an einer Militärfachschule, die er im Krieg abschloss und dann kam er als junger Offizier sofort an die Front.

Im Dezember 1941 wurde er an beiden Beinen verwundet. Bewusstlos wurde er gefangen genommen. Dann brachten sie ihn ins Lager Nürnberg, das Lager lag in der Nähe eines Werks. Dort mussten sie irgendwelche Ersatzteile herstellen und noch andere Arbeiten machen, was genau, das weiß mein Mann nicht mehr. Im Lager gab es viele Gefangene aus verschiedenen Ländern, es gab verwundete, kranke und ältere Soldaten. Wer gehen konnte, der kam zur Arbeit im Werk. Mein Mann hatte keine schlimme Verwundung, er konnte selbst gehen und so brachten sie ihn auch zum Arbeiten ins Werk, er musste dort die Werkhalle aufräumen und verschiedene Aufträge ausführen, außerdem war er Dolmetscher. Im Werk arbeitete ein deutscher Mitarbeiter oder Aufseher, vielleicht war er auch leitender Angestellter. Dieser deutsche Mitarbeiter war von Geburt an behindert, er hatte einen Buckel. An seinen Namen kann mein Mann sich nicht mehr erinnern.

Die Lebensbedingungen im Lager waren sehr schlecht, die Gefangenen schliefen auf nackten Pritschen oder auf dem Zementboden, einmal am Tag bekamen sie eine Gemüsesuppe. Jeden Tag starben Gefangene, an ihren Wunden, an Unterernährung oder vor Gram. Dieser deutsche Mitarbeiter wurde im Werk auf meinen Mann aufmerksam, da er im Lager Dolmetscher war. Der deutsche Arbeiter half meinem Mann, wobei er sein eigenes Leben aufs Spiel setzte. Er brachte ihm etwas Essen und tat so, als würde er es nicht bemerken, wenn mein Mann Zigarettenkippen oder Essens- und Brotreste, die die deutschen Arbeiter wegwarfen, aufsammelte. Außerdem brachte ihm der deutsche Arbeiter manchmal ein belegtes Brot mit, dann schickte er ihn in die hinterste Ecke der Werkhalle, wo ihn niemand sehen konnte; er schimpfte laut mit ihm und übergab ihm dabei das Essen. Er sagte zu meinem Mann, achte nicht darauf, dass ich dich anschreie – wenn jemand erfährt, dass ich dir helfe, dann werde ich erschossen. So hat mein Mann also überlebt. Außerdem konnte er Kippen und Essen mitnehmen und seinen kranken oder verwundeten Kameraden mitbringen, auf diese Weise hat er mehrere Gefangene miternährt, und das hatten sie alles diesem guten und mitfühlenden Deutschen im Werk zu verdanken. Mein Mann erzählt sehr oft von ihm. Er sagt, er würde sehr gern wissen, wie es ihm weiter ergangen ist. Er war älter als mein Mann, aber er hatte wahrscheinlich Familie, einen Sohn oder eine Tochter. Mein Mann würde ihrem Vater gerne danken für seine Güte und seinen Mut. Leider gab es wenig gute Menschen.

Nun noch ein wenig zum weiteren Leben von Aleksej Kirillowitsch. 1945 wurde er von den Amerikanern aus der Gefangenschaft befreit. 1946 kam er nach Hause und begann ein Studium am Institut für Bauwesen. Im dritten Studienjahr wurde er schwer krank, Lungentuberkulose, er musste das Studium abbrechen und war lange in Behandlung, durch den Krieg war er sehr angeschlagen.

Dann heiratete er und arbeitete bis zur Rente in einer Zuckerfabrik, wo er Leiter des Rübenhofs war. Wir haben eine Tochter und zwei Enkel, einer ist 35 Jahre alt, der andere 31. Unsere Tochter ist sehr lieb und hilfsbereit, sie liebt ihren Vater sehr und versucht, uns so gut sie kann zu helfen. Mein Mann ist 87 Jahre alt. Auch die Enkel lieben ihren Großvater sehr und versuchen, ihm das Alter zu verschönern. Traurig, dass er jetzt so eine furchtbare Krankheit hat und ich kann ihm in nichts helfen.

Das wäre in Kürze alles über das Leben von Aleksej Kirillowitsch.

Wir danken Ihnen für Ihre guten Wünsche. Die 300 Euro aus Deutschland haben wir bekommen, Danke. Das ist eine kleine Unterstützung für uns. Ich werde das Geld für die Behandlung meines Mannes ausgeben, die Behandlung ist hier sehr teuer und die Medikamente auch.

Mit aufrichtiger Hochachtung,

die Familie Chosanowskij.

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