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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

422. Freitagsbrief (vom November 2014, aus dem Russischen von Jennie Seitz).

Russland
Gebiet Krasnojarsk
Islam Garifsjanowitsch Saripow.

Einen guten Tag. Es behelligt Sie der ehemalige Kriegsgefangene Islam Garifsjanowitsch.

Es ist mir unangenehm, mich erneut an Sie zu wenden, aber ich habe mich dennoch entschlossen Ihnen zu schreiben. Ich habe von meinen Enkeln gehört, dass Sie einen Gesetzesentwurf zu Geldzahlungen von staatlicher Seite an ehemalige KZ-Gefangene zur öffentlichen Anhörung vorgelegt haben, und mich interessiert nun, was die Allgemeinheit beschlossen hat, was die Politiker in Ihrem Land zu diesem Thema sagen, wie die Reaktionen der Öffentlichkeit im Allgemeinen sind. Ich wüsste gerne, ob Sie vorhaben, weiterhin ehemalige KZ-Gefangene finanziell zu unterstützen? Meine Enkel haben auf der Seite des Bundestags mit „Ja“ gestimmt, aber die Meinungen ihrer Bekannten sind gespalten, manche haben ihnen, ohne sich groß zu informieren, Käuflichkeit vorgeworfen, und erst nachdem sie sich mit Ihrem Verein vertraut gemacht und Ihre Rundbriefe gelesen haben, haben sie ihre Meinung über Sie geändert, waren aber dennoch gegen solche Zahlungen. Insgesamt waren die älteren Generationen und diejenigen jenseits der 30 jedoch mit Ihnen einer Meinung und stimmten für diesen Gesetzesentwurf.

Wir leben nach wie vor im Dorf S. im Bezirk P. des Gebiets Krasnojarsk, ich betreibe immer noch Bienenzucht, arbeite den ganzen Sommer über mit den Bienen, im Herbst und Frühling bereite ich mich auf die neue Saison vor und beende die vergangene. Auch jetzt bin ich schon dabei, die Bienenstöcke zu schließen und mit Schnee zu bedecken, damit sie im Winter nicht einfrieren. Wie man weiß, ist der Winter hier bei uns in Sibirien hart, an einem frostigen Tag kann es schon mal −50 °C werden, und diese Temperaturen können sich dann eine ganze Woche lang anhalten. Der letzte Winter war sehr kalt, viele Bienenvölker sind gestorben. In diesem Jahr haben wir den Ofen erneuert, weil der alte abgesackt war und nicht mehr funktionierte, wir heizen ihn mit Holz, im Winter brauchen wir viel davon, 2–3 große Wagen voll, wenigstens fällen die Enkel das Holz, hacken und bringen es zu uns. Aber den Ofen ständig zu befeuern, dafür reicht die Kraft nicht mehr, sie wollen für mich und meine Frau eine moderne Ofenheizung mit einem sparsamen Kessel bauen, sozusagen an den alten russischen Ofen, damit man nicht nicht mehr 2–3 mal am Tag anheizen muss, sondern einmal und sich dann nicht mehr darum zu kümmern braucht. Ebenso haben wir uns entschlossen, einen Kaltwasseranschluss im Haus zu verlegen, früher mussten wir im Sommer wie im Winter die 200 Meter mit den Eimern zur Zapfsäule laufen, das war furchtbar umständlich, aber nun gibt es Wasser im Haus, kaltes zwar, aber immerhin. Für das nächste Jahr haben wir uns vorgenommen, eine Klärgrube für das Abwasser auszuheben. Die Zivilisation erreicht also langsam auch uns. Wir sagen unseren Enkeln zwar, dass sie nichts mehr für uns zu tun brauchen, aber sie haben uns das tägliche Leben doch erleichtert, wenigstens etwas. Über die Gesundheit können wir uns nicht beklagen, denn Bewegung ist ja Leben, also bewegen wir uns solange wir lebendig sind, in diesem Jahr haben wir z.B. eine gute Ernte eingenommen, das eigene Gemüse ist ja doch näher als das aus dem Laden. Die Bienen haben zwar wenig Honig gesammelt, das Wetter war den halben Sommer über nicht sehr sommerlich, aber um zu überwintern haben sie genug, und auch meine Frau und mich sowie die Verwandtschaft haben sie versorgt, echter Honig ist ja sehr gesund. Ich würde mich gerne für Ihre Sorge um uns alte Leute bedanken, sie tragen ja keine Schuld daran, was uns angetan wurde, aber Sie erkennen die Fehler an, die in der Vergangenheit gemacht worden sind. Ich würde Ihnen, Dmitrij, gerne ein Gläschen von dem Honig schicken, den meine Bienen in diesem Sommer gesammelt haben, Honig lässt sich lange lagern und wird Sie in bester Qualität erreichen, denke ich. Schreiben Sie mir doch bitte eine Adresse, an die ich das Päckchen schicken kann.

Islam Saripow.

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