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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

421. Freitagsbrief (vom August und September 2008, aus dem Russischen von Valerie Engler).

Republik Moldau
Kischinew
Michail Petrowitsch Maschtaljar.

Erster Brief.

An den deutschen Verein „KOHTAKTbI“ von dem ehemaligen Kriegsgefangenen in Deutschland Michail Petrowitsch Maschtaljar.

Sehr geehrte Freunde! Ich bin begeistert von Ihrem Interesse und Ihrer Anteilnahme, ich danke Ihnen, Vielen Dank.

Die Hilfe in Höhe von 300 Euro habe ich noch nicht bekommen, obwohl ich die Unterlagen – eine Kopie meines Passes, eine Bescheinigung von Innenministerium und meine persönliche Lagerbescheinigung vom Stalag 336 [Kaunas], Nummer 49201 – am 2. Juni dieses Jahres nach Kiew geschickt habe. Eine Kopie meines Armeepasses habe ich nicht mitgeschickt, weil dort die Kriegsgefangenschaft nicht verzeichnet ist. Dort ist nur vermerkt, dass ich an Gefechten teilgenommen habe von Juli 1941 bis August 1941 und von April 1945 bis Mai 1945.

Ich bin bei Mogilew in Weißrussland in Folge einer Einkesselung in Gefangenschaft geraten. 1943 wurde ich nach Kaunas in Litauen gebracht. 1944 kam ich nach Walk [Stalag 351] in Litauen, dann nach Luckenwalde [Stalag IIIA] in Deutschland und nach Berlin, ins Stadtviertel Lichterfelde Süd ins Stalag 336 [tatsächlich Stalag IIID]. Ich habe die ganze Zeit als Feldscher in der Arbeitsgruppe des Lagerspitals gearbeitet.

Nach der Befreiung wurde ich in die Armee eingezogen, für mich war der Krieg in Prag zu Ende. 1952 habe ich die medizinische Hochschule abgeschlossen und habe dann bis 1995 als Arzt gearbeitet. Jetzt bin ich Rentner. Ich habe Kinder, Enkel, Urenkel, eine eigene Wohnung. Ich lebe alleine, verpflege und versorge mich selbst.

Über die Gefangenschaft kann ich nichts Gutes sagen. In Mogilew sind mehr als 25 000 Menschen an Kälte, Hunger und Typhus gestorben, auch in den anderen Lagern gab es große Verluste. Aber ich möchte doch etwas Positives berichten, nämlich dass einmal ein deutscher Wachsoldat mit uns sprach und uns sogar ein Stück Brot gab. Es gab noch einen anderen Vorfall. Ich war in einem der Arbeitstrupps im Straßenbau in Weißrussland – ein deutscher Offizier bekam ein Päckchen aus Deutschland, darin war ein Kuchen, er schnitt ihn vor allen an und verteilte an alle ein Stück Kuchen. Also, es gibt auch gute Menschen auf der Welt.

Ich selbst bin Ukrainer aus Transnistrien, Rybniza. […]

Ich wünsche Ihnen beste Gesundheit, Glück und Erfolg und beende meinen Brief mit „Bis bald!“

M. Maschtaljar

12.08.2008.

Zweiter Brief.

Guten Tag, sehr geehrte Freunde von „Kontakte“. Auf Ihren Brief antwortet Ihnen M. P. Maschtaljar aus Kischinew.

Ich möchte noch einmal sagen, dass ich am 19. August 2008 Ihre humanitäre Hilfe in Höhe von 295 Euro bekommen habe, wofür ich Ihnen nochmals danke.

In meiner Stadt kenne ich keine anderen, die in deutschen Konzentrationslagern waren. Es gibt aber einen, nämlich meinen Nachbarn, der als Junge vom besetzten Gebiet abtransportiert wurde. Er bekommt humanitäre Hilfe.

[…]

In den russischen Medien erzählen einfache Menschen, dass Russland niemals jemanden bedroht und den Krieg nicht angefangen hat, sondern sich immer nur gegen die Angriffe von Seiten der europäischen Länder verteidigt hat. Alle russischen Zaren und die Sowjetunion wollten immer freundschaftliche Beziehungen mit den europäischen Ländern und vor allem mit Deutschland. Die Deutschen müssen verstehen, dass Russland dem Ehrenwort geglaubt hat, als es den Nichtangriffsvertrag (Molotow-Ribbentrop) unterzeichnet hat. Und was passierte – das zivilisierte Land Deutschland begann den Zweiten Weltkrieg, zerstörte Städte und Dörfer, trieb die Menschen in KZ’s. Dafür musste Deutschland Kontributionen zum Wiederaufbau zahlen.

Was die Ökologie betrifft – natürlich zerstört das Abholzen der Wälder das ökologische Gleichgewicht in der Natur, aber man muss auch verstehen, dass das planmäßige Abholzen dort vorgenommen wird, wo die Wälder ausgewachsen sind. Es ist viel wichtiger, sich über die Treibhausgase Gedanken zu machen. Es gibt so viele Waldbrände, bei denen CO und CO2 in die Atmosphäre abgegeben werden, und die Industrie verschmutzt so stark die Ozonschicht.

Viele Länder haben das Abkommen zur Reduzierung dieser schädlichen Gase unterzeichnet, aber das größte Land, das Industrie hat, will das Abkommen nicht unterzeichnen und bemüht sich dementsprechend auch nicht den Ausstoß dieser Gase zu reduzieren.

Was den Einsatz deutscher Soldaten in Afghanistan betrifft, so kann man sagen – in Deutschland gab es mal Pazifisten, die keine Waffe in die Hand nehmen wollten. Jede Mutter sollte das fordern und jeder junge Mann sollte wissen, warum er sterben muss.

Vielleicht sehe ich die Dinge in meinem kurzen Brief nicht immer richtig, aber diese Gedanken sind nicht nur von mir.

Allen beste Gesundheit, Glück und Erfolg.

Mit freundlichen Grüßen,

M. Maschtaljar

12.9.2008.

****

Die „humanitäre Hilfe“ über 300 €, von der Herr Maschtaljar schrieb, erhält seit dem Jahr 2003 jeder von uns und unseren regionalen Partnern ermittelte ehemalige sowjetische Kriegsgefangene als Geste der Anerkennung erlittenen Unrechts. (E. Radczuweit).

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