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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

420. Freitagsbrief (vom Januar 2009, aus dem Russischen von Jennie Seitz).

Aleksandra Antonowna Kalaschnikowa
Ukraine
Gebiet Lwow.

[…]

Ich danke Ihnen für die erhaltenen Informationsblätter, die ich mit großem Interesse gelesen habe und aus denen ich vieles über Ihre gemeinnützige Arbeit für die Menschen erfahren habe, die während der Kriegsjahre härteste Prüfungen und die Missachtung ihrer Menschenwürde durchleiden mussten.

Vor langer Zeit, als [ich] noch ein Kind war, erlebte meine Familie die schweren Jahre der Missernte (1932–1933), in Folge derer wir genötigt waren, aus der Oblast Orjol nach Sibirien zu gehen (Oblast Kemerowo), zu Verwandten mütterlicherseits. In jenen Jahren war das ganze Land von der Kollektivierung betroffen. Mein Vater trat direkt nach unserer Ankunft der Kolchose bei und wurde zu ihrem Vorsitzenden in einer großen Siedlung zwei Kilometer von Lenin-Kusnezkij derselben Oblast gewählt. Nach Beendigung der achten Klasse schrieb ich mich an der medizinischen Fachhochschule ein, nach dem Abschluss wurde ich in einen anderen Bezirk geschickt, wo ich als Hebamme in einem ländlichen Krankenhaus arbeitete.

1941 wurde der Krieg mit Deutschland proklamiert, ich wurde in die Armee einberufen. An die nordwestliche Front, 92. Division, 7. Sanitätsabteilung, wo ich als OP-Schwester arbeitete, das war in der Nähe von Nowgorod. Im Juli 1942 wurde die Armee von den Deutschen eingekesselt, und alle, die am Leben geblieben waren, versuchten irgendwie aus der Einkesselung zu entkommen, man wurde von oben und unten bombardiert, Granatwerfer heulten auf dem gesamten eingekesselten Gebiet, ich wurde von Minensplittern getroffen, durch das eine Bein ging er glatt durch, in dem anderen blieb ein Splitter stecken. Die Verwundung traf das weiche Gewebe, die Knochen blieben heil. Das war im Wald, unweit der deutschen Feuerlinie und der Stadt Nowgorod. Ich lag mit meinen Verletzungen drei Tage lang im Wald, am vierten Tag lasen mich deutsche Soldaten auf, brachten mich ins deutsche Stabsquartier, wo sie mir erste Hilfe leisteten, und schickten mich ins Krankenhaus nach Nowgorod. Die Ärzte entfernten den Splitter aus meinem Bein, und ich blieb dort einen ganzen Monat, bei Genesung wurden alle Kriegsgefangenen aus dem Krankenhaus in ein KZ bei Narwa (Estland) [Dulag 200] geschickt, wo wir uns bis Februar 1944 aufhielten. Im Lager wurden alle weiblichen Kriegsgefangenen zur Arbeit bei der Instandsetzung der Straßen zwischen Narwa und Kingisepp gefahren, von 6 Uhr morgens bis 7 Uhr abends. Im Lager galten für alle strenge Regeln.

1944 wurden alle Kriegsgefangenen nach Ljublin (Polen) gebracht, dort lernte ich einen Lagermitarbeiter kennen, einen Polen, er war Buchhalter, ein anständiger Mann, und er half uns zu fliehen. Wir gelangten in ein polnisches Dorf (es waren keine Deutschen dort), wo ein Pole namens Jakub Verbindungen zu russischen Partisanen hatte. So kamen wir mit seiner Hilfe in eine Partisaneneinheit, in der ich bis zu ihrer Auflösung, also bis Ende Mai 1944 blieb, und wurde dann zum Militärkommissariat der Stadt Luzk, Oblast Wolynsk, geschickt, arbeitete im Bezirkskrankenhaus in Luzk als Hebamme, heiratete einen Armeeangehörigen, der ebenfalls den Krieg überlebt hatte und in der Armee als Hilfskraft auf einem Flugplatz diente. Nach seiner Entlassung wurde er nach Nikolajewsk, Oblast Lwow geschickt, zum Kreiskomitee der Partei, war Stellvertretender des leitenden Arztes im Sanatorium „Rasdol“. Ich arbeitete als Krankenschwester in diesem Sanatorium. Nach der Auflösung des Sanatoriums wurde ein Erholungsheim eingerichtet, wo ich weiterhin als Krankenschwester arbeitete, bis ich 1966 als Direktorin eingesetzt wurde und es zehn Jahre lang war, dann wurde auch das aufgelöst und wieder ein Sanatorium für Magen-Darm-Beschwerden eröffnet, auf dem Gelände des Kurzentrums in der Stadt Morschin, Oblast Lwow, und ich wurde zu einer halbjährigen Fortbildung zum Thema „Heilkost bei diversen Erkrankungen“ geschickt, nach deren Absolvierung ich als Diätkrankenschwester arbeitete, bis ich 1992 in Rente ging. Ich habe zwei Söhne, der ältere ist schon seit einem Jahr selbst Rentner, mit dem jüngeren lebe ich zusammen. Mein Mann verstarb 1980. 2002 hatte ich einen leichten Schlaganfall und fühle mich durchgehend nicht besonders wohl, aber ich versuche standhaft zu bleiben so gut ich kann. Über die Weihnachtsfeiertage war das Wetter hier schneereich und eisig kalt mit bis zu –25°, und jetzt ist es regnerisch mit Schneeregen, die Temperaturen liegen um die +5, +6, was sich nicht sehr gut auf meine Gesundheit auswirkt, die ohnehin schon sehr schlecht ist. Verzeihen Sie mir, wenn ich Sie mit meinem Geschreibsel ermüdet habe.

Im Moment befinden wir uns in einer ökonomischen Krise, die Betriebskosten sind sehr hoch, genauso wie die Preise für Lebensmittel, aber ich hoffe, dass ich noch bessere Zeiten erleben werde. Verzeihen Sie nochmals mein offenherziges und langes Geschreibsel.

In aufrichtiger Verehrung,

Aleksandra Antonowna.

29.01.2009.

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