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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

42. Freitagsbrief (27.04.2007).

Belarus
Gebiet Brest
Leon Iljitsch Bogdan.

Sehr geehrte Mitglieder des Vereines KONTAKTE,

ich, Leon Iljitsch Bogdan, grüße Sie und bedanke mich für humanitäre Hilfe, die ich von Ihrem Verein erhalten habe.

Im August 1941 geriet ich in Kriegsgefangenschaft. Dort blieb ich bis März 1945. Uns befreiten sowjetische Truppen. Das waren lange dreieinhalb Jahre, voller Demütigungen und Alpträume. Ein solches Schicksal wurde mir bestimmt. Wir waren einen Monat lang nach Deutschland unterwegs, wie ich es in Erinnerung habe. Man brachte uns in die Stadt Stolp in Pommern. In der Kriegsgefangenschaft arbeiteten wir sehr schwer. Wir bauten die Strasse Warschau-Berlin. Wir lebten in einem Lager. Das Essen war schlecht. Danach überführte man uns in die Stadt Schwerin. Wir arbeiteten in einem Gestüt. Ich werde über die Quälerei in Kriegsgefangenschaft gar nicht schreiben. Das ist ohnehin bekannt. Das deutsche Volk ist an unserem Elend nicht schuldig. Der Faschismus brachte Schmerz, Leid und Erniedrigungen nach Europa. Möge Gott eine Wiederholung dieses Schreckens nie erlauben.

Nach der Befreiung kämpfte ich als Soldat. Ich erstürmte Berlin. Ich sah Deutschland in Trümmern. Ich sah verwüstete Städte und Dörfer. Ich dachte an die Leiden des einfachen deutschen Volkes. 1946 wurde ich demobilisiert. Ich kam in meine Heimat, ins Gebiet Grodno. Hier waren die Zerstörungen noch größer. Mein liebes Belarus war vollständig verbrannt. Es begann mein neues Leben, Familien- und Berufsleben. Das ganze Leben arbeitete ich in der Landwirtschaft. Ich zog vier Kinder groß. Heute habe ich noch acht Enkel und inzwischen schon neun Urenkel.

Ich bin bereits 88 Jahre alt. Ich bin noch am Leben. Meine Gesundheit ist aber stark beschädigt. Vielen Dank Ihrem Verein für humanitäre Hilfe! Das Geld werde ich für Medikamente ausgeben. Sie machen eine ganz wichtige Arbeit. Sie helfen Kriegsgefangenen. Wir sind doch daran nicht schuldig, dass wir nicht als Zivilisten nach Deutschland verschleppt wurden, sondern in Kriegsgefangenschaft gerieten. Wir arbeiteten doch auch lange und viel in Deutschland. Mein Leben war lang. Ich sage meinen Kinder und Enkeln oft, dass das größte Leid in der Welt der Krieg ist. Mögen unsere Kinder den Schrecken des Kriegs nie mit eigenen Augen sehen. Mögen sie in Freundschaft und Versöhnung mit allen Völker leben.

Mit besten Wünschen

Leon Iljitsch Bogdan.

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Herr Bogdan kennt in seinem Dorf Nachbarn, die als verschleppte Zivilisten ebenfalls Zwangsarbeit in Deutschland leisteten, jedoch im Gegensatz zu ihm Leistungen der Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“ erhielten. Die Ausgrenzung aus dem Kreis der Begünstigten war für die ehemaligen sowjetischen Kriegsgefangenen eine erneute psychische Belastung. Es wird als Fortsetzung von Diskriminierungen empfunden, der sie auch in der Nachkriegszeit unter Stalin ausgesetzt waren. (E. Radczuweit).

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