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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

419. Freitagbrief (vom Oktober 2005).

Wasyl' Sawowytsch Bernada
Ukraine
Gebiet Winnyzja.

Seien Sie gegrüßt, meine unbekannten Freunde aus Berlin!

Ich habe Ihren Brief und die finanzielle Hilfe erhalten, wofür ich Ihnen auch sehr dankbar bin. Sie bitten mich, über meinen Lebensweg zu berichten, und über meine Gefangenschaft. Und ich habe beschlossen, Ihnen darüber zu erzählen, wie diese schweren Jahre meines Lebens vergingen. Ich erinnere mich noch einmal an alle Orte, die ich gegen meinen Willen aufsuchen musste. Meiner Familie und den Nachbarn erzähle ich oft von meiner Gefangenschaft.

Ich bin im Dorf Bochonyky geboren und aufgewachsen. Seit ich 17 war, arbeitete ich als Traktorist. 1940 wurde ich in die Armee einberufen. Ich kam nach Belarus, Gebiet Minsk, Dorf Konjuchi. Dort leistete ich bis April 1941 meinen Dienst. Von dort wurden wir nach Brest-Litowsk verlegt, dann noch einmal an die Grenze, nach Zechanowitschi. Dort traf mich der Krieg. Am 22. Juni um 4 Uhr in der Nacht wurden wir geweckt. Die Deutschen kamen von allen Seiten auf uns zu. Einige Truppen kamen von hinten, und wir waren somit eingekreist.

Wir wurden eingesammelt, auf Lastwagen geladen und hinter die Frontlinie gefahren. Dann schloss man uns in einer verlassenen Scheune ein. Am 23. Juni wurden wir in eine Reihe mit erhobenen Händen gestellt. So standen wir vor Maschinengewehrmündungen und dachten, dass wir jede Minute erschossen werden können. Ich schloss die Augen und erinnerte mich schmerzlich an meine Mutter, an die jüngeren Brüder, ans stille Heimatdorf, und an all mein kurzes Leben. Deutsche Soldaten fuhren vorbei, und eine Kamera hielt fest, wie wir uns ergaben.

Doch wir wurden nicht erschossen, sondern bekamen Kisten mit Munition und mussten sie den deutschen Soldaten hinterher tragen. So kamen wir bis nach Bielsko [Stalag 307 Biala Podlaska?] in Polen, und von dort wurden wir ins Lager Mosowetz [Stalag 324 Ostrow Mazowiecka?] bei Warschau gebracht. Doch da blieben wir nicht lange, sondern fuhren weiter nach Norddeutschland, zum Torf stechen. Dort gab es drei große Lager mit 10 000 Gefangenen. Es begann ein hartes Leben. Das Essen war sehr dürftig – 200 Gramm Brot, 20 Gramm Margarine und einen halben Liter Balanda pro Tag. Wir wurden misshandelt, man zwang uns z. B. auf die Knie und wir mussten so hintereinander laufen. Dort waren wir bis November 1941. Unsere Baracke (ca. 1000 Mann) wurde dann bis an die Schweizer Grenze geschickt, auf dem Weg passierten wir München. Im Lager 5-B [Stalag VB Villingen] bekam ich die Nummer 22282 und wurde nach Rotwald[Rottweil] geschickt, zum Kanalisation graben bei einer Flakeinheit. Ein sehr harter Winter kam, es gab viel Schnee, den wir ständig wegräumen mussten. Dort war ich bis Mai 1942. Wie schlecht es mir da ging, das kann ich in einem Brief nicht beschreiben.

Von Rotwald wurden wir auf ein Flugplatz bei Labheim [Laupheim] verlegt. Dort bauten wir Flugzeughallen. Nach einem halben Jahr kamen wir nach Sigmaringen, auch auf einen Flugplatz, wo wir verschiedene schwere Arbeiten ausführten. Danach fuhren wir an der Donau entlang nach Mergendort [?] zum Holz fällen, bis wir im Juni 1943 endlich in den Ruhrgebiet kamen, nach Essen, in die Wilhelmgrube [Zeche Friedrich Wilhelm?]. Von dort ging es im 1944 weiter nach Duisburg, auch in ein Bergwerk. Dort habe ich bis 1945 geschuftet.

Im April 1945 wurden wir evakuiert und gingen vier Tage zu Fuß. Dann befreiten uns die Amerikaner. In einer deutschen Panzerabteilung, wo es früher auch ein Gefangenenlager gab, wurden wir jetzt über einen Monat lang von den Amerikanern gehalten. Wir saßen hinter Stacheldraht, doch jetzt gab es anständiges Essen. Dann kam unser Territorium an die Engländer. Es erschien ein Mann namens Komarow und agitierte uns: „Geht nach Hause, die Heimat hat euch alles verziehen, ihr werdet nicht vor Gericht gestellt.“ Man brachte uns in ein Städtchen bei Berlin, wo die Russen gerade ein neues Regiment sammelten. Von dort gingen wir zu Fuß bis nach Brest-Litowsk, es dauerte lange, bis Ende August. Dort lebten wir in Zelten, wurden vom Geheimdienst alle einzeln verhört – unter welchen Umständen wir in die Gefangenschaft kamen usw. Aus uns wurde eine Kolonne gebildet und nach Makejewka geschickt, in ein Straflager, wo alle auf dem Bau arbeiteten. Dort blieb ich bis 1946. Danach musste ich in Donezk weiter auf dem Bau arbeiten, dann in Kalinowka in einem Sägewerk, dort haben wir Holz entladen. Hier arbeitete ich bis 1947. Ich wohnte in einer Baracke und hatte kein Recht, den Ort zu verlassen. Und so bin ich geflohen. Es war nicht einfach: Ich fuhr auf den Dächern von Zügen, ging zu Fuß – und schaffte es schließlich nach Hause. Ich habe mich dann versteckt, weil ich überall gesucht wurde. Im Jahre 1948 wurde ich vor Gericht gestellt und für meine Flucht zu 4 Monaten Gefängnis verurteilt. Ich saß bei Winnyzja, in Strischawka.

1949 kam ich zurück und heiratete. Ich arbeitete dann bis zur Rente und noch 10 Jahre danach als Traktorist. Mit meiner Frau war ich 50 Jahre zusammen, wir haben 2 Söhne großgezogen, haben jetzt 4 Enkel und 2 Urenkel. Meine Frau starb im Jahre 2000, ich wohne jetzt bei den Kindern. Mein Leben war nie einfach, und meine alten Jahre bringen auch keine Freude. Meine 30-jährige Enkelin ist schwer krank …

In meinem ganzen Leben bekam ich keine Geschenke. Ich wurde nicht als Veteran behandelt und genoss keine Vergünstigungen. Mein Leben war hart, alles habe ich mir selbst erarbeitet, ein Haus gebaut, Söhne großgezogen, dann half ich ihnen, auch ein Haus zu bauen.

Zum ersten Mal in 60 Jahren hat sich jemand endlich an mich erinnert. Ich bedanke mich für ihre Unterstützung, Verständnis und Mitgefühl. …

Trotz meines harten Lebens bin ich noch gesund und munter, wohl darum, dass ich es gewohnt bin, früh aufzustehen und physisch sehr hart zu arbeiten.

Damit verabschiede ich mich von Ihnen und wünsche Ihnen Gesundheit.

Bernada W. S.

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