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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

418. Freitagsbrief (vom August 2010, aus dem Russischen von Jennie Seitz).

Wasilij Jakowlewitsch Pogorelow
Russland
Gebiet Woronesh.

Guten Tag!

Wir haben Ihren Brief erhalten und danken Ihnen vielmals dafür.

Sie interessieren sich für alle Details, Namen der Menschen, in Erinnerung gebliebene Episoden – ich werde versuchen, alles zu erzählen, an das er sich erinnert.

Im Juni 1942 wurde das Pionierbataillon unter der Führung von Oberleutnant Kusmenko bei Charkow in der Nähe des Sowchos „Makuchino“ aus dem Transportzug ausgesetzt. Es wurde langsam Abend. Wasilij und fünf anderen Soldaten wurde aufgetragen, einen Beobachtungsposten für den Kommandeur einzurichten, irgendwo in Waldnähe. Kusmenko war schon vorher dorthin gegangen, um nach einer geeigneten Stelle zu suchen. Und da stießen sie auf Gräben und Erdlöcher. Sie gingen weiter, und wieder Gräben und Löcher. Es war schon ganz dunkel geworden. Sie beschlossen, dort zu übernachten, den Morgen abzuwarten. Im Morgengrauen hörten sie das Heulen von Motoren, die deutschen Panzer kamen. Dahinter Maschinenpistolenschützen auf Motorrädern. Sie begannen, das Gebiet zu säubern. Eines der Motorräder wäre beinahe auf ihren Graben aufgefahren, kam zum Stehen. „Und, was machen wir jetzt? Schießen?“, fragte Wasilij seine Kameraden. „Worauf willst du denn schießen. Siehst du nicht, was da los ist.“ Nur er hatte ein Gewehr – ein deutsches, erbeutetes, die anderen Fünf hatten Spaten. Gegen zwei Maschinenpistolenschützen anzutreten war unrealistisch. Einer von den Unseren zog einen Stiefel aus, wickelte seinen Fußlappen um den Spaten und streckte ihn aus dem Graben. Aufgeregte deutsche Stimmen waren zu hören.

„Wek! Wek!“ Dann auf Russisch: „Komm raus!“ Einer von den Deutschen konnte unsere Sprache. Sie kamen einer nach dem anderen heraus. Wasilij durchzuckte der Gedanke: Werden sie uns jetzt erschießen? Oder nicht? Die Waffe! Wo ist die Waffe? In den Händen hielten sie nur Spaten. Als letzter war Wasilij herausgekommen. Ein junger Deutscher kam angerannt, als er das Gewehr sah. Riss es Wasilij aus den Händen, steckte die Spitze in die Erde und schrie ihn an: „Kommandeur! Kommandeur!“ „Nein, kein Kommandeur“, antwortete Wasilij. Der Deutsche beruhigte sich etwas, als er die einfachen Schulterklappen sah, und auch der Kopf war kahl. Lange Haare waren für Soldaten der sowjetischen Armee tabu. Und die Deutschen wussten das. „Und jetzt geht dorthin und beerdigt euren (und deutet mit der Hand auf seine eigene Schulter) Kommandeur.“ Zwei der Motorradfahrer waren weggefahren. Der eine mit der Maschinenpistole begleitete sie. Neben dem Beobachtungsposten lag der Oberleutnant Kusmenko. Sie hoben ein kleines Grab aus und beerdigten ihn mit Tränen in den Augen. „Und jetzt geht zu dem Schuppen dort. Holt die beiden toten Pferde raus und begrabt sie.“ Kaum waren sie mit dieser Aufgabe fertig, sahen sie, wie das komplette Bataillon herangetrieben wurde. Alle ohne Kopfbedeckung. Unter ihnen der Politoffizier, der während der politischen Unterweisungen immer gesagt hatte: „Bewahrt die letzte Kugel für euch selbst auf.“ Wie man sieht, sind Theorie und Praxis ganz und gar nicht dasselbe. Ein deutscher Soldat kommt zu ihm angerannt und schreit: „Offizier!“

Er antwortet: „Nein.“ Der Deutsche zeigt auf seinen Haarschopf und wiederholt: „Offizier!“ Und schlägt ihm mit voller Wucht ins Gesicht. Auch die Leutnants haben es abbekommen. Die Soldaten wurden nicht geschlagen, das nicht. Man trieb sie zum Wald. Dort war schon ein Lager eingerichtet. Stacheldraht, Schießposten. Und in der Ferne sah man den Sowchos „Makuchinko“ brennen. Allem Anschein nach war das Pionierbataillon verraten worden. Dem Feind direkt vor die Nase gesetzt.

Von diesem Lager aus brachte man sie nach Belaja Zerkow [Stalag 334], dann nach Stalino [Dulag 162] – heute Donezk. Hier behielt man sie recht lange. Die Arbeit war hart. Mit Waffen beladene Waggons kamen an die Hangar herangefahren. Sie luden Kisten mit Geschossen, Patronen, Schusswaffen in die Lager. Dann kamen Wagen und sie mussten es aus den Lagern wieder aufladen, diese Wagen fuhren an die Feuerlinie. Ein älterer deutscher Fahrer ist im Gedächtnis geblieben, er sprach gut Russisch. „Bleibt stark, Jungs, lasst euch nicht unterkriegen. Hitler wird den Krieg sowieso verlieren. Und wird dann davonschleichen, so“, und beginnt selbst langsam rückwärts zu laufen, ein amüsanter Anblick. So erledigten sie das Beladen der Wagen, er meldete es an die Führung und holte aus der Kabine 2–3 Laib Brot, schnitt es in Stücke und verteilte es unter den Gefangenen. Der Weg zurück ins Lager führte vorbei an Feldern mit reifen Sonnenblumen. Die Gefangenen fragen den Begleitmann: „Pan! Können wir eine Sonnenblume pflücken?“ Er nickt – ja. Die Gefangenen springen alle auf einmal ins Feld, pflücken reichlich Sonnenblumen, stecken sie sich unter die Soldatenbluse, essen sie [die Kerne] später im Lager. Die Gefangenen hatten bemerkt, dass in den Kisten zwischen den Patronen eine Schicht warmen Filzstoffs lag, begannen, ihn zu stehlen und sich in die Kleidung zu nähen, fütterten damit ihre Soldatenmäntel. Aber eines Tages widerfuhr Wasilij ein Unglück. Als sie den Waggon aus eigener Kraft in den Hangar schoben, lehnte Wasilij seine Schulter gerade gegen die Stoßvorrichtung und bemerkte nicht, wie ein zweiter Waggon auf ihn zugerollt kam. Er wurde eingequetscht, verlor das Bewusstsein. Sofort wurde er von seinen Kameraden umringt, sie holten ihn heraus und brachten ihn in die sogenannte Sanitätsstelle.

Dort lag er ein paar Tage. Dann hörte er, wie die Deutschen unruhig wurden, hin und her liefen. Die sowjetischen Truppen rückten heran. Sie begannen die Gefangenen zu evakuieren. Brachten sie nach Polen, Krakau [Stalag 369 Kobrierzyn]. Das Schlimmste war der Transport der Gefangenen mit der Eisenbahn. Im Sommer wurden sie wie die Sardinen in die Güterwaggons gepfercht, im Stehen. Manchmal konnte man sich nicht rühren, so eng war es. Viele starben an einem Hitzschlag, es gab zu wenig Luft. Man kann auch sagen, es war eine andere Form der Gaskammer.

Im Winter aber wurde man gezwungen, sich auf den nackten Boden zu legen, nicht einmal etwas Stroh gab es. Und der Frost konnte im Winter sehr heftig werden.Wasilij und sein Freund machten dann Folgendes: Einen Mantel legten sie auf den Boden, drückten sich eng aneinander, wärmten sich mit ihren Körpern, und den zweiten legten sie darüber. So haben sie überlebt. Wenn der Transportzug seinen Bestimmungsort erreichte und die Gefangenen mit Wagen geholt wurden, war der halbe Waggon bereits erfroren. Und wie Baumstämme warf man sie einfach weg. Wenn Wasilij daran zurückdenkt, hat er Tränen in den Augen. Ein grauenvolles Bild.

In Krakau arbeiteten sie im Sägewerk. Sie schleppten die Stämme zum Sägegatter und das fertige Produkt wieder weg, Bretter, Kantholz. Den Zuschnitt erledigten dann die Polen selbst. Eine andere Gruppe Gefangener arbeitete auf der Deponie, sortierte die Abfälle. Sie wohnten in einem Lager. Das war ein beleuchteter Raum im Souterrain. Die erste Gruppe brachte Holzstücke vom Sägegatter mit ins Lager, daraus schnitze jeder das, was ihm in den Sinn kam. Eine Henne, einen Hahn, ein Häschen. Kurz gesagt, jeder wie er konnte. In der Mitte des Raums stand ein langer Tisch. Dort beschäftigten sie sich also nach der Arbeit. Einmal kam der Lagerkommandeur vorbei. Er war sichtlich beeindruckt von dem was er sah. Er wiegte den Kopf, schnalzte mit der Zunge und sagte: „Master! Master!“ Und am Morgen, als sie zur Arbeit gingen, standen entlang der Straße schon die Polen, unter ihnen viele Kinder. Die Gefangenen tauschten ihre Basteleien gegen Brotstücke. Wenn der Begleitkonvoi nur aus Deutschen bestand, dann haben sie den Tausch zugelassen. Aber wenn die Gefangenen von Angehörigen der Wlassow-Armee geleitet wurden, dann nicht. Das waren _Tiere_, auf diese Weise machten sie Männchen vor dem Führer.

Und dann kam einer von den Unseren auf eine dumme Idee. Er schnitze aus dem Holz eine Pistole. Irgendwo hatte er schwarze Farbe aufgetan und färbte sie damit. Und während des Tausches gegen ein Stück Brot mit einem polnischen Jugendlichen wurde ein Begleitmann darauf aufmerksam und bekam es ernsthaft mit der Angst zu tun. Er schlug ihm die „Pistole“ aus der Hand, gab dem Erfinder einen Hieb in den Nacken, und der erschrockene Junge rannte davon.

Von da an war der Tauschhandel auf der Straße verboten. Aber man ging zu einer anderen Form des Tausches über. Das Spielzeug gab man einem betagten Polen, der als Wachmann auf dem Lagergelände arbeitete. An jedem Stück wurde eine Marke mit der Nummer des Gefangenen befestigt. Die hiesigen Bewohner kamen, suchten sich ein Spielzeug aus, das ihnen gefiel, und legten dafür ein Stück Brot hin. Und abends nach der Arbeit verlas der Alte die Lagernummer und teile den Verdienst aus. Die andere Gruppe, die auf der Deponie arbeitete, brachte ihrerseits Essensabfälle ins Lager. Aber die „Auswahl“ war bedeutend breiter. So lebte man also. Dann wurden die Gefangenen nach Deutschland gebracht. Von einem Lager zum anderen trieb man sie, immer weiter ins Landesinnere. An einem Ort mussten sie Waggons voller Schotter ausladen und ihn in Wagen laden. An einem anderen mussten sie große, leere Metallfässer verladen.

Sie baten uns, das Lager zu benennen, oder wenigstens eine deutsche Stadt. Vor einer guten Weile brachte uns unser Nachbar Zeitschriften mit religiöser Ausrichtung – „Erwachet“ und „Wachturm“, sie werden übrigens bei Ihnen in Deutschland gedruckt. Also, in einer von ihnen war eine Karte mit allen Nazi-Lagern des Zweiten Weltkriegs. Wasilij hätte sich an den Namen von dem Lager, in dem er war, erinnern können. Wir haben einen großen Stapel dieser Zeitschriften durchgesehen, aber es war nicht das richtige dabei. Aber ein Lager in Deutschland könnte man vielleicht ausfindig machen. Daneben befand sich eine Seifenfabrik. Ein paar Gefangene stiegen dort ein und deckten sich mit ausgekochten Knochen ein, und alle diejenigen, die von dieser „Delikatesse“ gegessen hatten, wurden am nächsten Morgen beerdigt. Manch Gefangener starb wegen einer schlechten Angewohnheit, dem Rauchen. Mittags gab es Balanda. Wenn so einer ein Stück Kartoffel darin entdeckte, ungeschält natürlich, ging er los und tauschte sie gegen etwas zu rauchen. Er hätte sie besser selbst gegessen.

Ja, und über das letzte Lager, wo Wasilij zum Arbeiten auf einen Bauernhof gebracht wurde, haben wir Ihnen schon in unserem letzten Brief ausführlich berichtet.

Das wären wohl alle Erinnerungen an Deutschland.

Alles Gute für Sie und auf Wiedersehen!

(…).

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