Direkt zum Navigationsmenü.


KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

417. Freitagsbrief (vom Dezember 2010, aus dem Russischen von Norbert Ehle).

Wasilij Jegorowitsch Lukjanow
Russland
Majkopskij rayon
Adygeja.

Guten Tag Euch, Ihr Unbekannten. […]. Vielen Dank für Ihre Fürsorge gegenüber einem ehemaligen Kriegsgefangenen.

Ein wenig werde ich über mich schreiben. Ich bin im August 1943 in Gefangenschaft geraten, bei den Kämpfen um Noworossijsk. Das Lager befand sich auf freiem Feld, von Stacheldraht umgeben. Täglich holten uns die deutschen Soldaten für irgendwelche Arbeiten. Ich musste an der Verteidigungslinie arbeiten, wir bauten Schützengräben, gruben Kessel für Flugabwehrbatterien. Die Arbeit war sehr schwer, da wir keine Kräfte mehr hatten und die Wachsoldaten uns keine Ruhepause gönnten. Wir wurden sehr schlecht verpflegt, man gab uns Mais zu essen. Dann habe ich bei der Bahn gearbeitet, habe Güterwagen mit Munition und allen möglichen Gütern entladen. Abends kehrten wir völlig erschöpft ins Lager zurück, legten uns zum Ausruhen direkt auf die Erde, möglichst nahe beieinander, um uns zu wärmen und schliefen ein. Und am nächsten Morgen sind manche schon nicht mehr aufgestanden und man brachte sie hinters Lager in einen Graben und verscharrte sie. Als die Nächte kälter wurden, begann man, das Lager aufzulösen. Da hat man uns, einige Dutzend Mann, in Waggons verladen und nach Polen, nach Ljublin [Stalag 366], gebracht. Und nach einiger Zeit wieder in Waggons, und man brachte uns nach Nordfrankreich, an den Ärmelkanal, wo man Befestigungsanlagen gegen die Landung der Alliierten Truppen errichtete. Ende Juni 1944 haben uns amerikanische Truppen befreit, bei denen ich bis zum April 1945 blieb. Danach wurden wir in Marseille eingeschifft und ich kehrte in die Heimat zurück.

Heute bin ich sehr froh, dass sich zwischen unseren Staaten auf allen Gebieten gute Beziehungen entwickelt haben.

Insgesamt war ich ungefähr ein Jahr in deutscher Gefangenschaft.

Mit großer Hochachtung für Ihre Güte. Allen Ihnen vielen Dank!

gez. Lukjanow.

****

Herr Lukjanow hatte bei der russischen Stiftung „Verständigung und Aussöhnung“ die sog. „Zwangsarbeiterentschädigung“ beantragt und erhielt den üblichen Ablehnungsbescheid. Weil uns von der Stiftung die Nachweise über seine Kriegsgefangenschaft nicht übermittelt wurden, können wir seinen Status nicht beurteilen. Möglicherweise wurde er von einer Wehrmachtstruppe als sog. „Arbeitsrusse“ illegal beschäftigt und nicht registriert – so stand er dem deutschen Arbeitsmarkt nicht zur Verfügung. Vielleicht hat er eine „Verpflichtungserklärung für den Eintritt in Bau- und Nachschubeinheiten“ unterschrieben und damit ausdrücklich den Fahneneid in der Roten Armee gebrochen. Beides führte bei der Repatriierung zu Verurteilungen als Kollaborateur. Es ist heute schwer zu beurteilen, ob er auch nach heutigen Standards Kollaborateur war. (S. Suchan-Floß)

Zum Seitenanfang


Zurück zum Seitenanfang.