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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

415. Freitagsbrief (aus dem Jahr 2005).

Herr Stawnitschuk berichtet über seinen Einsatz bei Bau des Speicherkraftwerks Kaprun in den Hochtauern/Österreich, begonnen als Kriegsprojekt, beendet 1955. Am 16.05.1938 erfolgte der Spatenstich durch Hermann Göring, Baubeginn war im Frühjahr 1939 mit überwiegend freiwilligen, auch ausländischen, Arbeitern, allerdings auch mit jüdischen Zwangsarbeitern. Diese wurden zu Kriegsbeginn durch Kriegsgefangene ersetzt. Die Kriegsgefangenen wurden „zivil geschrieben“, d.h. aus der Kriegsgefangenschaft entlassen, um das Verbot kriegswichtiger Arbeit von Kriegsgefangenen durch die Genfer Konvention zu umgehen, und nach deutschen Gesetz dienstverpflichtet mit Lohnabgeltung. Sie wurden nicht mehr bewacht und konnten einen Teil des Lohns, dessen Höhe sich nach der Nationalität richtete, nach Hause überweisen. Die sowjetischen Kriegsgefangene behielten ihren Status, da die Wehrmacht sie ohnehin nicht nach der Genfer Konvention behandelte. Insgesamt waren bis 1945 6.339 ausländische Arbeiter (freiwillige und Zwangsarbeiter) und ca. 4.000 Kriegsgefangene am Bau des Tauernkraftwerks beteiligt. Es ist nicht bekannt, wie viele davon starben, denn gezählt wurde erst nach 1945. Es gibt eine Denkmal für 87 sowjetische Tote auf Druck Chruschtschows, die aus einem Massengrab an der Salzach nach Kaprun umgebettet wurden, da arbeitsunfähige sowjetische Kriegsgefangene jedoch ins Akten führende Stalag 317 in Markt Pongau überwiesen wurden und dort starben, ist nicht bekannt. Das im Brief erwähnte Lager Zeferet war eines der Hochlager für die Arbeitskommandos.

Ukraine
Gebiet Winniza
Stawnijtschuk Wiktor Michajlowitsch.

Sehr geehrter Herr Eberhard Radczuweit,

ich habe Ihren Brief am 21. Januar 2005 erhalten. Ich bin für Ihre Achtung und Sorgen sowie für Ihre humanitäre Finanzhilfe in Höhe von 300 Euro sehr dankbar. Das Geld ist für mich wichtig. Ihre Achtung und Ihre Solidarität ist aber viel wichtiger. Die Zeit des Faschismus ist vorbei. Die Eroberung der fremden Länder, die Gewalt, die Demütigung, die Ausbeutung der Menschen gehören zu der Vergangenheit. 60 Jahre lang bemühen sich die Menschen und die Regierungen die gegenseitigen Beziehungen zu verbessern. Warum müssen wir aufrüsten, wenn wir im Frieden freundlich leben können?

Ganz kurz über meine Person. Am 16. August 1941 war unsere Besatzung eines Langstreckenbombers (3 Männer: Flieger, Navigator und Schütze) flugbereit. Wir dienten in einem Luftwaffenregiment. Es war mein 14. Flug. Uns wurde befohlen, eine Panzerkolonne in der Nähe von Pskow, Gebiet Leningrad zu bombardieren. Der Angriff war erfolgreich: Wir haben 10.100 Kilo schwere Bomben abgeworfen. Der Feind antwortete mit massivem Abwehrfeuer. Die gegnerischen Jäger haben uns angegriffen. Es gab Verluste auf beiden Seiten. Ich habe einen Jäger abgeschossen. Unten sah man brennende Panzer. Unser Flugzeug begann zu brennen. Wir wurden verletzt und sprangen mit dem Fallschirm auf das besetzte Gebiet. Als wir landeten, wurden wir von den Deutschen eingekreist. Wir haben uns gewehrt, konnten uns aber wegen der Verletzungen nur eingeschränkt bewegen. Die deutschen Soldaten haben unsere Uniform (Lederjacken, Lederhelme und Stiefel) beschlagnahmt und uns verhört. Danach wurden wir ins Krankenhaus überwiesen. Der Navigator starb im Krankenhaus. Dem Flieger wurde ein Bein amputiert. Aus meinem Körper sind vier Splitter entfernt worden. Zwei Splitter, im Hals und im Zahnfleisch, trage ich bis heute noch bei mir.

Vom Krankenhaus kam ich ins Lager. Uns wurde nicht gesagt, wo sich das Lager befindet. Gerüchten zufolge lebten wir in Ostpreußen. Auf dem freien Feld gab es einen Stacheldrahtzaun. Man sagte, dort waren über 50.000 Gefangene, verhungerte, kranke, erfrorene Menschen, anwesend. Die Menschen verloren das Menschliche. Sie stahlen Militärmäntel, Kessel, Schuhe. Täglich wurden 300–500 Tote begraben. Wir gruben Gruben aus und übernachteten dort, zwei bis drei Mann in einer Grube. Zum Essen bekamen wir ein Brot für vier Leute pro Tag. Es gab kein Trinkwasser. Wenn jemand trinken wollte, nahm er ein Stück Lehm und saugte es. Die Toten wurden wie Heringe bestattet: nackte Leichen wurden gruppenweise gestapelt, eine Gruppe mit den Köpfen nach Süden, die andere mit den Köpfe nach Norden. Dann kam eine Schicht Chlor. Auf diese Weise wurden Hunderte begraben. Ich habe viele solche Lager erlebt. Überall habe ich mich bemüht, trotz aller Schwierigkeiten eine Arbeit zu bekommen: Steintransport, Gräben ziehen und andere Tätigkeit. Ich habe viele Lager erlebt. Ich weiß leider nicht, wie sie alle richtig hießen. Uns wurde es nicht gesagt. Den Soldaten wurde verboten, mit uns Gespräche zu führen. Ende 1942 wurde ich vom Lager in Franfor [? Stalag 317 Markt Pongau] in die Städte Innsbruck, Kaprun, Zeferet sowie in andere Orte zwangsumgesiedelt. Dort haben wir verschiedene Arbeit geleistet. Die Nahrung war „ausgezeichnet“ Zum Frühstück bekamen wir Ersatzkaffee, 200 g Brot und 50 g Käse. Am Mittag hatten wir zwei Kellen Kraut- und Steckrübensuppe. Das Abendbrot bestand aus 4 Kartoffeln, einem Becher Kaffee und 100 g Brot. Das war die Nahrung während unseres Baueinsatzes in den Alpen. Wir haben dort ein Kraftwerk errichtet: machten die Gruben, schleppten die Steine, legten Beton. Mit einer Seilbahn stiegen wir hoch, in eine unglaubliche Höhe. Dort haben wir einen Tunnel gereinigt, damit das Wasser aus einem See über das Rohrsystem ungehindert nach oben kam. Ende 1944 wurden wir nach Salzburg überwiesen, wo ich verschiedene Arbeit leistete. Die US-Luftwaffe hat uns Arbeit beschert. Am 4. Mai 1945 wurde ich durch die US-Truppen befreit. Im Mai wurde ich in Wien den Russen übergeben. Dort habe ich eine Prüfung im Durchgangslager überstanden und wurde erneut vereidigt. Dann diente ich noch ein ganzes Jahr bei der Armee. Ende 1946 wurde ich demobilisiert. Damit ist mein Wehrdienst zu Ende gegangen.

Wie habe ich in der Gefangenschaft überlebt? Zum Ersten, habe ich aufgehört zu rauchen. Ich habe nie ein Stück Brot gegen eine Zigarette getauscht. Zum Zweiten, aß ich wenig und esse auch heute wenig. Zum Dritten, habe ich nie an den Tod gedacht. Jetzt bin ich 87 Jahre alt und habe immer noch keine Ahnung, was der eigene Tod bedeutet. Ich habe über solche Dinge wie Essen und Hunger weder geredet noch nachgedacht. Ich war ledig, hatte keine Ehefrau, keine Verwandten, keine Kinder. Ich habe meinen Freunden Märchen erzählt wie aus dem Buch „Tausend und eine Nacht“ und andere. Ich war nie geizig und bewahrte meine Menschenwürde. Ich habe mich bemüht, meinen Körper sauber und gepflegt zu halten. Für meinen Fleiß und meine Arbeitswilligkeit haben mir die Deutschen und die Österreicher verschiedene Arbeitsaufträge gegeben: mach mal das oder bring mal das. Ich war zweimal todkrank. Ich hatte eine schwere Zahnentzündung. Das ganze Gesicht schwoll an. Mir hat ein französischer Arzt geholfen. Er hat eine Erlaubnis beim Lagerführer beantragt und mich richtig behandelt. Ich bedanke mich bei den Franzosen für diese Hilfe. Bei uns sagt man: „Die Freunde sind nicht beim Tischgespräch, sind im Kummer zu erkennen.“ Die Franzosen sind sehr gute Leute. Zum zweiten Mal, als ich krank war, haben mir wieder die Franzosen geholfen.

Wie haben die Deutschen und die Österreicher uns behandelt? Ihnen war egal, wie wir lebten. Die russischen Kriegsgefangenen haben viel völlig unentgeltlich gebaut und einen erheblichen Beitrag zu ihrem Wohlstand geleistet. Sie wollte Millionäre auf fremde Kosten werden. Die Gefangenen wurden wie Mäuse vernichtet. Erst 1944–1945 kam es zur Änderung. Sie haben uns beachtet. Wir bekamen dann Ersatzkleidung. Das Leben wurde ein bisschen mehr geordnet. Das Rote Kreuz hat uns nicht beschützt, deshalb wurden wir getötet, durch Hunger, Kälte und Krankheiten vernichtet. Niemand wurde für die Ausrottung von Millionen Menschen bestraft.

Das Nachkriegsleben war schwer. Erst 1948 wurden schon einige Verbesserungen sichtbar. Ich habe eine Arbeit gefunden und eine Frau geheiratet. Ich habe mit meiner Ehefrau 55 Jahre lang zusammengelebt. Sie starb an Diabetes am 4. Oktober 2002. Sie war 81 Jahre alt. Wir haben keine Kinder. Jetzt bin ich Invalide der 1. Gruppe. Ich wohne im eigenen Haus, das ich selbst gebaut habe. Meine Nichte betreut mich. Die Sozialbehörde hat mir einen Behindertenwagen gegeben. Ich kann aber den Wagen nicht benutzen, weil ich in einer Berggegend lebe. Ich kann keine Verkehrsmittel benutzen.

Ich habe 50 Jahre lang in Betrieben gearbeitet. Ich bekomme eine Rente. Sie ist die einzige Überlebensquelle für mich und für meine Nichte. Wir warten darauf, dass unsere Regierung die Lebensbedingungen etwas verbessert. Das Leben ist so schnell vergangen. Am 24.09.2005 werde ich 87 Jahre alt. Wie lange her alles ist! Ich habe aber den Eindruck, dass alle diese Ereignisse erst vor kurzem passiert sind.

Aus vollem Herzen wünsche ich Ihnen gute Gesundheit, Liebe und alles Gutes in der Welt.

Hochachtungsvoll

W. Stawnijtschuk.

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