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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

414. Freitagsbrief (vom Mai 2008).

Russland
Brjansk
Leonid Kusmitsch Anpilogow.

Ich wurde am 30. Oktober 1926 geboren. Im Alter von 16 Jahren wurde ich in die Sowjetische Armee einberufen und an die Front geschickt. Am 5. Juli 1943 wurde ich in den Kämpfen am Kursker Bogen schwer verwundet, mir drangen Splitter in den Bauch, was zur Verletzung des Hüftknochens führte. Ich kam in deutsche Kriegsgefangenschaft. Dort befand ich mich von Juli 1943 bis April 1945. In dieser Zeit war ich in einigen Kriegsgefangenenlagern.

Im Lager Jockgrim [Südpfalz] befand ich mich von Ende Juni 1944 bis April 1945. Ich arbeitete in einer Ziegelfabrik [Falzziegelwerke Carl Ludowici, damals eine der weltweit größten Ziegeleien]. Die Arbeit bestand im Entladen von Zement aus den Waggons und dem Verbringen in eine Halle, der Fertigung von Betonteilen, Arbeit in der Tongrube. Alle Arbeit wurde per Hand gemacht. Überall, wo ich arbeiten musste, konnte ich sehen, dass die schwersten Arbeiten von den Kriegsgefangenen gemacht wurden. Meine Lage wurde noch durch die Folgen der Verwundung verschlimmert: die nicht verheilenden Wunden, der Splitter im Bauch, er blieb ein Leben lang in mir. Doch die geforderte Arbeit musste ich erbringen genauso wie die anderen. Neun Monate arbeitete ich in der Ziegelfabrik. Ist das viel oder ist es wenig? Denke ich an die gute Zeit, dann war das wenig, denke ich an die schlechte Zeit, dann reicht das. Jahrzehnte sind vergangen. Und wenn ich mir jetzt auf den Fotos die Fabrik anschaue, merke ich plötzlich, wie ich da lebe, wie die Fabrik arbeitet. Die Schlote rauchen, drum herum die Landschaft mit Wald, Eisenbahnknotenpunkt und an der linken Ecke des Fotos sehe ich unsere Baracke. Im April 1945 wurde ich von den Amerikanern der Sowjetischen Armee übergeben. Ich setzte meinen Militärdienst auf deutschem Territorium bis Ende Dezember 1950 fort. Dann wurde ich demobilisiert.

Mit 16 Jahren war ich als Schüler entlassen worden. Mit 24 Jahren kehrte ich mit den Folgen einer schweren Verwundung als ehemaliger Kriegsgefangener heim.

1956 beendete ich als Ingenieur-Mechaniker das Techniker-Institut. Jetzt bin ich Rentner. Ich habe eine Frau, zwei Söhne, einen Enkel und eine Enkelin, die an der Uni studieren.

Das Lager Jockgrim war mein letzter Lageraufenthalt. Im Lager Jockgrim hatte ich keine Erkältungs- oder Infektionskrankheiten. Keiner war krank, alle arbeiteten. Zum Glück hatte ich die ganze Zeit keine Zahnschmerzen. Ich weiß auch nicht, was für eine medizinische Versorgung man in Jockgrim überhaupt bekommen konnte. Die Arbeitszeit berechnete sich nicht nach Stunden, sondern wir arbeiteten von morgens bis abends in zwei Schichten. Morgens gingen wir in Kolonnen unter Lagerbewachung [zur Arbeit], und abends kehrten wir in die Baracken unter dem Kommando des Meisters zurück. Die Gefangenen, die in der zweiten, der Nachtschicht arbeiteten, gingen abends los und kamen morgens wieder.

Wir hatten freie Tage. An diesen Tagen brachten uns die Einwohner der Siedlung, die irgendeinen Hof hatten, zur Arbeit. Wir waren an dieser Arbeit interessiert, weil wir nach Arbeitsende von ihnen verpflegt wurden – wir bekamen zusätzlich etwas zu essen. Die Bauern haben uns für gewissenhafte Arbeit gutes Mittagessen gegeben: ein großes Stück Brot, Kartoffeln und ein Getränk. Sie waren mit uns ruhig und geduldig und betonten nicht unsere Abhängigkeit.

Das Essen war nicht schlechter als in den anderen Lagern. Es gab eine Kantine. Doch war das Essen nicht ausreichend, ich spürte ständig den Hunger, doch ich muss auch sagen, dass niemand verhungerte. Zum Mittag gab`s ein kleines Stück Brot, ab und zu mit wenig Margarine, und die Gemüsesuppe [Balanda]. An Frühstück oder Abendbrot kann ich mich überhaupt nicht erinnern.

Im Lager Jockgrim froren wir nicht. Es herrschte ein sehr mildes Wetter, es gab keinen Winter. Wir trugen leichte Kleidung, eine für Sommer, eine für den Winter. Die Baracken waren aus Ziegeln. Mittendrin gab es einen Gang und links und rechts davon zwei Reihen Pritschen mit Schlafstellen. Die sanitären Anlagen gab es beim Barackeneingang in einem Kellergeschoss – dem Luftschutzbunker. Alles war ziemlich ordentlich. Die Schlafstellen reichten für alle.

Die sanitären Anlagen waren in Ordnung, in der Baracke gab es auch keinen Müll oder Schmutz. Auch die äußere Erscheinung der Gefangenen war nicht abschreckend. Freie Zeit hatten wir nicht, aber immer ein Gefühl von Hunger. Und die Übermüdung bei der Arbeit erlaubte es uns nicht uns einmal zu unterhalten. Schweigend standen wir morgens auf, schweigend gingen wir abends schlafen.

Das Lagerwachpersonal war nicht grausam zu uns, und wir hatten auch keinen direkten Kontakt zu ihm. Den ganzen Tag arbeiteten wir mit den Meistern zusammen, lösten Arbeitsprobleme, erfüllten unsere Aufgaben. Und es gab auch keinen Anlass für die Bewacher, sich irgendwie einzumischen.

In diesem Zusammenhang möchte ich sagen, dass das eher die Ausnahme als die Regel war. Zu anderer Zeit und an einem anderen Ort war ich im Lagergefängnis, habe gesehen, wie man friedliche Leute oder Kriegsgefangene erschoss. Über die Opfer und über die Zerstörungen ist viel gesagt und gezeigt worden.

Mündliche Kontakte mit dem Meister in der Fabrik, mit den Bauern oder den Wächtern waren sehr begrenzt. Um meine Aufgaben in der Fabrik oder auf dem Land oder die Befehle zu verstehen, brauchte ich keine vertieften Deutschkenntnisse.

Wir hatten einen Dolmetscher, aber die Anreden an mich konnte ich schon verstehen. Dabei haben mir meine Deutschkenntnisse aus der Schule und aus der früheren Gefangenschaft geholfen.

An die Desinfektion kann ich mich nicht erinnern, für die Körperpflege haben wir ausschließlich Wasser benutzt: sich waschen, abreiben, gurgeln. Wir haben etwas zum Abtrocknen gehabt. Einen Friseur hatten wir wahrscheinlich auch, wir alle waren glatt rasiert und ohne Bart.

Kontakte mit Gefangenen aus anderen Nationen waren ausgeschlossen. Wir hatten verschiedene Baracken, Arbeitsorte und sogar -wege. An den 14. Februar 1945 erinnere ich mich gut. Ich hatte Tagschicht. Ungefähr gegen Mittag hörte ich Fliegeralarm. Ich rannte aus der Werkstatt und erblickte Flugzeuge, von denen sich schwarze Punkte absonderten. Das waren Bomben, das wusste ich. Bei der Werkstatt lag ein Betonrohr, ungefähr 80 cm x 6 m Länge. Schnell kroch ich in dieses Rohr, und augenblicklich explodierte die Bombe. Durch die Explosionswelle wurde das Rohr einige Meter weggeschleudert. Dadurch erhielt ich mehrere Prellungen, blieb aber sonst unverletzt. Als es ruhig geworden war, kroch ich aus meinem Rohr heraus und erblickte die zerstörte Fabrik. Dann wollte ich zur Baracke gehen, sah aber, dass sie nicht mehr da war. Zwei Bomben waren auf die Fabrik gefallen und hatten sie vollkommen zerstört. Zur Tageszeit hielt sich immer die zweite Schicht dort auf. Während des Bombenalarms war der größte Teil der Gefangenen in den Wald gegangen. Der andere Teil von ihnen hatte im unterirdischen Raum der Baracke Zuflucht gesucht. Eine der Bomben war genau dorthin gefallen und hatte alle getötet. Nach der Bombardierung wurde der Schutt weggeräumt und die Toten hervorgezogen. Die überlebenden Gefangenen wurden in einem Raum im Erdgeschoss eines großen Hauses untergebracht, um weiterzuarbeiten, jetzt um Panzergräben zu bauen.

Im Verlauf der Kämpfe nahe Jockgrim mussten wir zu Fuß aus unserem Lager umziehen. So ist unsere Gruppe geflüchtet und bei den Amerikanern gelandet. Auf diesem Grund kann ich nicht sagen über die Beziehungen zwischen der Zivilbevölkerung und den Gefangenen beim Eintreffen der amerikanischen Armee in der Stadt.

Danach sind wir im Lager für die Heimatlosen [DP-Lager] gelandet.

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