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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

413. Freitagsbrief (vom August 2014, aus dem Armenischen von Prof. Dr. Aschot Hayruni).

Lieber Herr Radczuweit,

[…] Da Sie, wie unsere Vereinsleitung mir berichtet hat, gern einen Bericht über meine Kriegsgefangenschaft zur Verfügung haben möchten, versuche ich, dies nachstehend zu machen.

Ich bin im Jahr 1922 im Dorf Wardablur (Bezirk Stepanawan, Armenien) geboren. 1941 in die Armee einberufen, diente ich in der armenischen Division Nr. 390, die an der Frontlinie von Kertsch in Krim stationiert war. Ende Mai 1942 wurde ich bei den schweren Kämpfen am Bahnhof Semisotka-Semikolodez verwundet und geriet in die Gefangenschaft. Die Deutschen trieben uns, die vielen Tausend Gefangenen, in Richtung Feodossia. Da wir unterwegs nichts zum Essen und sogar zum Trinken bekamen, wurden viele der Gefangenen, die keine Kräfte hatten den Marsch mitzumachen, unterwegs dem Tode preisgegeben. Sobald einer nicht mehr weiter gehen konnte, wurde er einfach erschossen. Als wir endlich sehr nahe von Feodosia waren, sperrte man uns auf einem durch Stacheldrähte isolierten großen Gelände, wo wir unter freiem Himmel einige Tage geblieben sind. Nach etlichen Tagen sonderten die Deutschen einen Teil der Gefangenen aus, zu denen auch ich gehörte, und trieben uns zu Fuß nach Dschankoj [Dulag 123]. Es erübrigt sich zu sagen, dass man uns auf dem Wege wieder nichts zum Essen und zum Trinken gab, so dass viele von uns den schweren Marsch nicht überstehen konnten. Auch in Dschankoj war ein Lager unter freiem Himmel eingerichtet worden, das nicht weit vom Bahnhof lag. Nachdem wir etwa eine Woche hier geblieben waren, befahl man uns, zum Bahnhof zu gehen und in einen Güterzug einzusteigen. Die Knuten sausten über unsere Rücken, weil alles möglichst schnell gehen sollte, während bestimmte Personen damit beauftragt waren, den gesamten Vorgang zu fotografieren. Die Waggons mussten so gut beladen werden, dass dort kein Platz mehr selbst für eine stehende Person frei bliebe. Nach einigen Tagen hielt der Zug auf dem Bahnhof von Schitomir. Man hatte dort aus dem früheren Militärbezirk zu einem Konzentrationslager für Kriegsgefangene gemacht. [Stalag 358] Das Gelände war sehr groß. Zwei Bahnlinien führten hinein. Er war in der Zarenzeit entstanden und setzte sich überwiegend aus Basalt gebauten vierstöckigen Häusern zusammen. Die Zahl der Insassen des Lagers war sehr groß. In den Räumen waren dreistöckige Pritschen eingerichtet worden, aber es gab nur Wenige, die imstande waren, auf die Betten des zweiten und des dritten Stocks aufzusteigen. Denn die verhungerten, völlig erschöpften Menschen hatten keine Kräfte dazu und blieben eher auf dem Boden liegen. Täglich starben viele Kriegsgefangene an Hunger und Krankheiten. Jeden Morgen wurden die Leichen in Fuhrwerke eingesammelt, vor denen wir, noch lebende Gefangenen, gespannt waren. Das kleine Stück Brot, was man uns gab, bestand aus Weizenkleie und Sägemehl, und das stinkende Essen, das Balanda hieß, war trübes Wasser, worin bestenfalls manchmal Fleischstücke von verendeten Tieren schwammen. Da es bei alledem viel zu wenig war, um den Hunger einigermaßen zu beseitigen, entstanden bei der Essenausgabe oft Drängeleien, die erst durch Knuten und Peitschen der Polizisten zum Aufhören kamen. Nachdem wir eine Zeit lang dort geblieben waren, wurde ich mit mehreren anderen Gefangenen in ein Lager nahe Biala Podlaska [Stalag 366Z/Polen] geschickt. Es setzte sich aus mit Stacheldraht umgebenen Holzbaracken zusammen, worin zweistöckige Pritschen errichtet waren. Eine der Baracken diente dabei als Sanitätsstation und Badraum. Nachdem wir über zwei Monate dort geblieben waren, wurden wir in das Gebiet von Kirowograd [?] geschickt, wo wir in unter strenger Bewachung stehenden Zelten schliefen und von früh bis spät im so genannten „Schwarzen Wald“ arbeiteten. Ich war hauptsächlich in der Sägemühle tätig, wo ich unter anderem die drei Finger meiner linken Hand verlor. Nachdem das Holzmaterial zum Transportieren fertig war, wurde es mit Lastwagen auf den Bahnhof „Snamenka“ gebracht, um von dort in Waggons weiter transportiert zu werden. Im November 1943 wurde ich in das Lager von Zwickau in Deutschland geschickt, wo ich vielerlei Arbeiten machte und vor allem beim Aufbau von Straßen und bestimmter Bauten tätig war. Im Mai 1945 wurde ich von den sowjetischen Truppen befreit und, da ich aus Gesundheitsgründen für den weiteren Dienst nicht mehr für tauglich galt, konnte ich wieder in die Heimat zurückkommen.

Mit herzlichsten Grüßen und

allen besten Wünschen

Ihr Wasgen Matewosjan 18. August 2014.

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