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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

412. Freitagsbrief (vom März 2012, aus dem Russischen von Dr. Martin Creutzburg).

Russland
Moskau
Jurij Konstantinowitsch Osipenko
J. K. Osipenko.

Erinnerungen an das Soldatenleben.

1940–1945.

Nach Beendigung der Schule wurde ich am 10. Oktober 1940 in die Armee eingezogen. Zum Sammelpunkt begleiteten mich die Verwandten. Das war ein trauriger Abschied. Man fuhr uns zum Bahnhof, verpflegte uns und setzte uns in Viehwaggons. Wir fuhren lange. An den Haltepunkten wollten wir uns irgendetwas Essbares kaufen, aber außer einer großen Menge von Büchsen mit Krabben gab es fast nichts. Endlich kamen wir in der Stadt Woroschilow – am Ussuri im Fernen Osten an. Man schickte mich in einen Truppenteil zur Ausbildung zum Militärfunker. Im Frühjahr 1941 wurde ein Teil der Truppen, im Zusammenhang mit der sich verschärfenden internationalen Situation, vom Fernen Osten an die Westgrenze verlagert und ich wurde als Funker in eine Panzerdivision abkommandiert, die am Stadtrand von Grodno 17 km von der Grenze entfernt lag. Im Mai 1941 wurde ich nach Minsk kommandiert, um neue Panzer für unsere Division abzuholen und zu eskortieren. Die Panzer wurden auf Eisenbahnwaggons verladen. An einem der Haltepunkte kletterte plötzlich ein Mann auf den Bahnsteig. Seine Erklärungen kamen mir verdächtig vor und ich übergab ihn an der nächsten Station der Kommandantur. Nach Rückkehr in mein Truppenteil erhielt ich einen Dank für die erfüllte Aufgabe.

Vom 21. zum 22. Juni 1941 war ich zum Wachhabenden der Division ernannt worden. Ich übergab die Wache um 12 Uhr nachts und legte mich schlafen. Ich erwachte um 4 Uhr morgens vom Sirenengeheul. Beim Alarm rannten alle auf den Hof und sahen, wie deutsche Flugzeuge über uns flogen. Niemand dachte, dass der Krieg begonnen hat, denn wir hatten doch einen Friedensvertrag mit Deutschland. Alle dachten, dass dies eine Provokation sei und alles sich bald beruhige. Aber so war es nicht, es war der Beginn des Krieges. Vom Alarm fuhren alle Panzerwagen zur Westgrenze. Da ich Wachhabender der Division war, wurde mir erlaubt, später mit einem Panzerwagen zu fahren und ich ging mit dem Fahrer in die Kaserne. Als ich an das Fenster trat, sah ich, wie eine Bombe auf die Brücke geworfen wurde, über die gerade eine Herde Kühe lief, die umkam. Das war ein schrecklicher Anblick. Ich konnte nicht in der Kaserne bleiben und fuhr mit dem Panzerwagen, der vom Fahrer gesteuert wurde, zur Grenze. Nach einigen Kilometern sahen wir, wie deutsche Flugzeuge flogen und hörten die Explosionen von Bomben. Noch einige Kilometer weiter sahen wir unseren zerstörten Panzer. Wir fuhren zum Panzer und erfuhren vom Kommandeur, dass unsere Division große Verluste erlitten hatte, viele unserer Kameraden getötet worden sind und wir zurück fahren und uns möglichst an unsere Truppenteile anschließen sollten. Da von unserer Luftwaffe nichts zu sehen war und die deutschen Flugzeuge den Luftraum beherrschten, beschlossen wir, in das Waldmassiv zu fahren und unsere Truppen zu suchen. Den Wald wählten wir, weil auf den Hauptstraßen deutsche Panzer fuhren und in ungeschütztem Terrain uns deutsche Flugzeuge verfolgen könnten. Leider waren wir auf den Krieg nicht vorbereitet, obwohl man uns immer gesagt hatte, dass wir den Feind auf seinem Territorium bekämpfen werden und niemandem ein Stück unserer Heimaterde abgeben werden.

Wir wussten nicht, was wir tun sollten, eine Truppenführung gab es nicht. Ich versuchte mehrfach über Funk Kontakt zu unseren Truppenteilen herzustellen, aber im Äther tönte es nur auf Deutsch. Auch im Wald konnten wir unsere Truppenteile nicht finden. Gegen Abend kamen einige Soldaten zu uns mit ihrem Kommandeur und sagten, dass unweit eine Gruppe von deutschen Motorradfahrern liegt und wir unsere Waffe in Kampfbereitschaft bringen sollten. Ich schlief natürlich die ganze Nacht nicht, starrte in die Dunkelheit und lauschte auf jedes Geräusch, aber ich bemerkte nichts Verdächtiges. Gegen Morgen hörte ich einzelne Schüsse, lief in diese Richtung und sah auf dem Weg einen getöteten deutschen Motorradfahrer. Mir wurde irgendwie schlecht... Ich kehrte zurück zum Panzer und sagte dem Fahrer, dass wir die Deutschen suchen müssten. Der Fahrer begann die Maschine zu starten, aber, wie er sich auch mühte, es gelang ihm nicht. So mussten wir unsere Waffen nehmen und zu Fuß weiter gehen, in der Hoffnung, uns unterwegs unseren Truppenteilen anschließen zu können. Aber es gab keine allgemeine Truppenführung. Wir liefen durch unsere Dörfer, wo die verbliebenen Einwohner uns sehr freundlich begrüßten und uns verpflegten, so gut sie konnten. Wir bemühten uns, nicht in offenes Gelände zu geraten. In einer der Siedlungen geriet ich in einen Bombenangriff. Zunächst versteckte ich mich in einem Graben, danach wollte ich über das Feld in den Wald. Zu diesem Zeitpunkt wurden von einem tief fliegenden Flugzeug zwei Bomben abgeworfen. Eine Bombe fiel weit weg und ich hörte ihr Explosionsgeräusch. Die andere Bombe fiel in meiner Nähe, ich zählte die Sekunden, verabschiedete mich vom Leben, aber zu meinem großen Glück explodierte sie nicht. Nach langem Herumirren durch Wälder und Dörfer, immer das Zusammentreffen mit Deutschen meidend, kam ich an den Stadtrand von Minsk. Ich wusste nicht, dass die Stadt längst von den Deutschen besetzt war. Eines Abends, ich war schon ziemlich müde, sah ich eine halb zerfallene Scheune, in der ich übernachten wollte. Als ich hineinkam, sah ich erschöpfte Soldaten, von denen einige verwundet waren. Unerwartet stürmten gegen Morgen die Deutschen die Scheune. Mit Geschrei und Schüssen jagten sie uns aus der Scheune, Widerstand war zwecklos, sie brachten uns an den Stadtrand in ein Kriegsgefangenenlager. [Stalag 352 Minsk] Ich erblickte ein schreckliches Bild. Auf dem Feld war eine große Fläche mit Stacheldraht umzäunt gefüllt mit Gefangenen. Die Mehrheit lag auf der Erde und war äußerst entkräftet. Als Verpflegung wurde ein Mal am Tag Weizen oder Hafer aus Säcken auf die Erde geschüttet. So musste man das Getreide sammeln, möglichst von Erde säubern und danach essen.

Einmal kam ein Offizier mit Soldaten ins Lager und wählte einige Mann für Arbeiten in der Stadt aus, darunter war auch ich. Man benutzte uns als Transportarbeiter. Wir luden Kisten mit unserem Wodka auf, den die Deutschen sehr schätzten. Einige Tage später kamen LKW ins Lager. Aus einem stieg ein Offizier aus und befahl uns anzutreten. Er wählte die kräftigsten Gefangenen aus, unter denen auch ich war. Man setzte uns in einen LKW, gab uns ein halbes Brot und fuhr uns nach Westen. In Polen lud man uns aus und führte uns zu Fuß [? Fußmarsch wahrscheinlich im besetzten Gebiet] nach Sachsen. Das war ein sehr schwerer Weg, es war heiß, es gab kein Wasser. Wenn wir durch die Dörfer gingen, ließen uns die Wachen kein Wasser schöpfen, wer versuchte, Wasser zu schöpfen wurde mir den Kolben geschlagen, manchmal wurde auch geschossen. Die Dorfbewohner, die versuchten uns Wasser zu geben, wurden von den Soldaten verprügelt. An einem besonders heißen Tag spürte ich, dass ich nicht weiter gehen kann, verabschiedete mich von den Kameraden, trat aus der Kolonne und fiel am Wegrand in einen Sandhaufen. In Gedanken verabschiedete ich mich vom Leben und wartete auf den Schuss. Plötzlich packte mich von hinten eine starke Hand, hob mich auf, gab mir einige Schluck Wasser und zwang mich zu laufen, wobei er mich stützte. Ich war diesem Menschen sehr dankbar, denn er rettete mir das Leben. Einige Kilometer weiter wurde Rast gemacht und ich fiel, wie gefällt auf die Erde. Nachdem wir uns etwas erholt hatten, wurden wir mit Geschrei aufgescheucht und in ein Lager geführt, wo man jedem ein Stück Brot gab und Wassersuppe aus Steckrüben. Wir übernachteten auf der Erde, aber man konnte nicht einschlafen, so bissen die Flöhe. Einmal mussten wir antreten und man befahl uns die Hosen fallen zu lassen, so suchte man offenbar nach Gefangenen anderer Nationalität. Wir liefen noch einige Tage bis zum Hauptlager in Sachsen. Das Lager war von zwei Reihen Stacheldraht umzäunt mit Wachtürmen am Rande. Im Lager waren Holzbaracken mit Doppelpritschen. Das Lager war offenbar nicht weit von der Elbe, denn man konnte die Hupen von Schiffen hören [Stalag IVB Mühlberg]. An das Lager der russischen Kriegsgefangenen grenzten noch zwei Lager: für englische und französische Gefangene. Die Rationen der Gefangenen waren dürftig, sie bestanden aus einem Stück Brot, einem Schlag Wassersuppe aus Steckrüben und einer Prise Machorka. Da ich nicht rauchte, tauschte ich Machorka bei der ersten Gelegenheit auf dem eigenartigen Lagermarkt in Brot um. Einmal, als keine Wachen in der Nähe waren, fasste ich Mut und kroch unter dem Stacheldraht ins französische Lager. Die Franzosen begrüßten mich sehr freundlich, bewirteten mich mit Zwieback, sie durften Pakete geschickt bekommen. Da spürte ich zum ersten Mal, dass ich nicht mehr hungrig war.

Vom Hunger und den Krankheiten starben viele Gefangenen. Sie wurden in eine gesonderte Baracke gebracht, auf Karren geworfen und in nahen Gräben verscharrt. Es gab schreckliche Zwischenfälle – als man Steckrüben ins Lager brachte, stürmte ein Teil der Gefangenen, die den Hunger nicht aushielten, zum Karren mit den Rüben, und die Wachen vertrieben sie mit Schüssen.

Einmal kam ein deutscher Soldat zu uns in die Baracke und fragte, wer deutsch könne. Ich hob die Hand und er befahl mir die Gefangenen zur Kontrolle antreten zu lassen. Einige Gefangene verspäteten sich, da schlug mir der Soldat ins Gesicht dafür, dass ich seinen Befehl nicht so genau ausgeführt hatte. Zu meinem großen Erstaunen gab mir dieser Soldat am nächsten Tag ein großes Stück Brot und murmelte etwas auf Polnisch, das wie Entschuldigung klang.

Einmal kamen zwei gut gekleidete Männer in Begleitung eines Offiziers und eines Soldaten in unsere Baracke. Einer fragte in gebrochener russischer Sprache, wer arbeiten wolle. Einige Gefangene hoben die Hand, darunter auch ich. Man ließ uns antreten und führte uns zum Bahnhof. Wir kamen in der kleinen Stadt Elsterwerda-Billa [Biehla] an, unweit von Torgau an der Elbe. In der Stadt gab es eine Porzellanfabrik. Man brachte uns in einem alten Gebäude unter, das als Kaserne eingerichtet worden war. Nebenan befand sich eine Bar oder Restaurant, da an Abenden Musik herüber klang. Am nächsten Tag brachte man uns unter Bewachung zur Fabrik. Bei der Aufteilung auf die Werksabteilungen hatte ich Glück, ich kam in die Farbabteilung, wo aus einem Pulverisator die Tonrohlinge gefärbt wurden. Das Geschirr wurde auf Holzbretter gelegt, die in spezielle Stellagen gestellt wurden und danach in große Öfen kamen zum Brennen. Im Werk arbeiteten nicht nur Gefangene, sondern auch russische Zwangsarbeiterinnen. Im Werk war die Verpflegung besser als im Lager: Morgens – Tee mit einem Stück Brot mit Wurst, mittags und abends – Wassersuppe. Einmal pro Woche duschten wir uns.

Lagernummer 114202.

Obwohl ich schlecht deutsch sprach, wandte man sich oft an mich, damit ich die Befehle und Anweisungen der Wachen übersetze. Der Offizier, der für unsere Gruppe verantwortlich war, schlug mir vor, außerhalb der Arbeitszeit den Garten einer alten deutschen Frau umzugraben. Für die ausgeführte Arbeit bekam ich ein halbes Brot.

Bald nach der Stalingrader Schlacht wurden von einem Flugzeug Flugblätter abgeworfen. Als ich von der Arbeit kam, sah ich ein Flugblatt auf der Erde liegen und hob es auf. Da ich wusste, dass man uns vor dem Barackeneingang immer durchsuchte, bat ich die Kameraden, die Thermoskanne mit der heißen Wassersuppe zu öffnen und versteckte dort das Flugblatt. Aus dem Flugblatt erfuhren wir, dass die deutschen Truppen große Verluste erlitten hatten und unsere Truppen den Angriff auf der gesamten Front begonnen hatten. Abends, auf der Pritsche liegend, sah ich, dass unser Vormann etwas schrieb. Ich begriff sofort, dass dies nichts Gutes bedeutet. Am nächsten Tag früh, am Morgen, kam ein Soldat in die Baracke und befahl mir schnell alles einzupacken und führte mich auf den Bahnhof. Ich verstand, dass der Vormann eine Anzeige wegen des durchgelesenen Flugblatts geschrieben hatte. So kam ich in das KZ [wahrscheinlich Stalag]. Das war schrecklich. Beim Eintritt in diese Lager sah ich ein schreckliches Bild. Vor den Augen aller Kriegsgefangenen sollte ein Gefangener für einen Fluchtversuch erschossen werden. Man zeigte mir in der Baracke meine Pritsche, aber ich konnte die ganze Nacht unter dem Eindruck des Gesehenen nicht schlafen. Zum Frühstück gab es Tee und ein Stück Brot mit Wurst. Dann wurde ich zur Arbeit in eine Metallfabrik geführt. Man führte mich an einen riesigen Ofen. Ich stieg eine steile Stiege empor zu einem Podest, wo von oben aus Loren Kohle abgeworfen wurde. Diese Kohle sollte ich in den Ofen werfen. Vom heißen Ofen war es sehr heiß, eine Lore folgte der anderen und ich schaffte es nicht die Kohle in den Ofen zu werfen. Der Aufseher schrie mich die ganze Zeit an, aber ich wurde mit der riesigen Kohlemenge nicht fertig. Abends, als ich auf der Pritsche lag und nicht schlafen konnte, dachte ich die ganze Zeit, wie wird das weiter gehen, weil man an diesem Ort nicht arbeiten kann und mich eine harte Strafe erwartet und ich überlegte, wie ich das vermeiden kann. Morgens auf dem Weg zur Arbeit beschloss ich mir das Bein zu verbrennen und steckte es in die Brennkammer. Wie man mich herauszog, weiß ich nicht, offenbar hatte ich das Bewusstsein verloren. Man brachte mich in das örtliche Krankenhaus, wo ich zwei Wochen lag, dann wurde ich in ein zentrales Krankenhaus gebracht. Als ich wieder etwas gehen konnte, kam aus dem KZ [s.o.] die Anforderung zurück zu kehren. Ich war erschrocken und beriet mich mit den Kameraden im Krankenzimmer, was ich tun solle. Sie sagten mir, dass hier als Röntgenärztin eine gute russische Frau arbeite und rieten mir, sich an sie um Hilfe zu wenden.

Diese Frau legte zu meiner Akte das Röntgenbild eines TBC-Kranken und rettet mich damit vor der Rückkehr ins KZ [s.o.]. Da ich ein wenig deutsch konnte, schlug man mir vor, die Dokumente für die verstorbenen Gefangenen auszufertigen, ich wurde in die Baracke für das Personal des Lazaretts umgesetzt, wo die Lebensbedingungen besser waren. Anfang April 1945 bemerkten wir, dass in den Wachtürmen keine Soldaten mehr waren und verstanden, dass große Veränderungen bevorstehen. Einmal morgens sahen wir, dass das Lebensmittellager von niemandem bewacht wird. Wir nahmen aus dem Lager Graupen und Makkaroni und machten uns zum ersten Mal ein ordentliches Frühstück. Gegen Mittag erschienen am Lazaretttor unsere Soldaten zu Pferde. Wie groß war die Freude, hatte man uns doch aus der Gefangenschaft befreit. Wir umarmten uns mit den Soldaten und erzählten ihnen von unserem schweren Schicksal. Der Kommandeur sagte uns, dass wir frei seien und nach Osten bis zum nächsten Ort gehen können, wo ein Truppenteil von uns liegt. Als wir an den Dörfern vorbei liefen, trafen wir keine deutschen Einwohner. Wir übernachteten in verlassenen Häusern. Mich verblüffte die Sauberkeit und die Ordnung in den Häusern und besonders im Keller, wo auf Regalen in bestimmter Ordnung Lebensmittel lagen und verschiedene selbstgemachte Konserven, jede beschriftet. Wir kamen in einen größeren Ort, wo ein Truppenteil von uns lag. Ich wandte mich an den Kommandeur, um weitere Anweisungen zu erhalten. Nach längerem Gespräch, in dem ich ausführlich erzählte, wie alles war, wurde ich vom Feldwehrkreiskommando in das 23. Luftlandegardeschützenregiment als Schreiber eingezogen. Man schickte mich zur Kompanie, wo man mich gut aufnahm, mich uniformierte und mir eine Maschinenpistole gab. Für guten Dienst erhielt ich später den Dienstgrad Gardesergeant. Unsere Kompanie bekam einen neuen Auftrag und wir bewegten uns durch Dresden nach Prag. In den Straßen von Dresden fanden wir nicht ein einziges unzerstörtes Gebäude – Dresden war zerstört. In Prag kamen wir an, als die Hauptkämpfe zu Ende gingen, deshalb nahmen wir an den Kämpfen nicht mehr teil. Unsere Kompanie schlug ihr Lager unweit von Prag auf. Wir setzten den üblichen Armeealltag fort, schützten die Einwohner vor möglichen Überfällen von übrig geblieben feindlichen Einheiten. Einmal fühlte ich mich schlecht und wandte mich an den Kommandeur. Er riet mir ins Krankenhaus nach Prag zu fahren. Prag beeindruckte mich sehr, Prag ist eine sehr schöne Stadt. Aus Prag sandte ich meinen Eltern ein Telegramm, dass ich am Leben und gesund sei.

Im Krankenhaus untersuchte man mich und stellte eine Mandelentzündung fest und sagte, wenn keine Besserung eintritt, werde ich ins Krankenhaus müssen. Als ich abends mit der Straßenbahn in meine Kompanie zurückkehrte, warnte mich ein freundlicher Herr, offenbar ein Tscheche, der mir gegenüber saß, zu so später Stunde in die Umgebung zu fahren und schlug mir vor bei ihm zu übernachten. Ich war sehr verwundert und nahm voller Dankbarkeit seine Einladung an. In seinem Hause begrüßte man mich sehr gut, schlugen vor ein Bad zu nehmen, gaben mir Köstliches zu essen, die kleine Tochter des Hausherren spielte am Klavier eine sehr schöne Etüde und brachten mich zu Bett. Ich war dieser Familie sehr dankbar und habe es später bereut, dass ich mir ihre Adresse nicht gemerkt habe. Morgens kehrte ich wohlbehalten in meine Kompanie zurück. Eine Verbesserung der Mandeln trat nicht ein und ich musste wieder ins Krankenhaus fahren, wo man mich zur Behandlung da behielt. Als Dienstuntauglich wurde ich demobilisiert und mir empfohlen, mich am Heimatort operieren zu lassen. Nach der Demobilisierung schlug man mir vor, mit einem Teil des Personals des Lazaretts der Kompanie nach Odessa zu fahren. Wir fuhren im Viehwagon durch Rumänien. Auf einer der Stationen beschlossen wir, mit dem Hauptmann einen Imbiss einzunehmen. Nach dem Essen gingen wir zum Bahnsteig, aber unser Zug war nicht zu sehen. Um unseren Zug einzuholen, musste man den elektrischen Vorortzug benutzen, aber alle Wagons waren bis zum Bersten voll. Dem Hauptmann gelang es, sich in einen Wagon zu quetschen, aber mich ließ man nicht mehr hinein. Da ging ich zum vordersten Wagon und bat den Lokführer, mich auf den Puffern des vordersten Waggons stehend mitfahren zu lassen, wobei ich mich an den Griffen der Scheiben festhielt. Der Lokführer warnte mich, dass es bei der Fahrt wegen der starken Luftströmung bei der Geschwindigkeit des Zuges von mehr als 100 km/h schwierig wird, sich zu halten. Nachdem wir in dieser schwierigen Lage eine Station gefahren waren, erblickte ich zum Glück unseren Zug und klopfte ans Fenster beim Lokführer. Dieser gute Mensch hielt für eine Minute den Zug an, gab mir damit die Möglichkeit neben unserem Zug auf die Erde zu springen. Aus Odessa fuhr ich mit der Bahn nach Moskau. Wie groß war die Freude, Wärme und Güte beim Wiedersehen mit den Eltern und nahen Verwandten! Im November 1945 wurde ich ins Burdenko-Krankenhaus eingewiesen und ließ dort die Mandeln entfernen. So endete mein Soldatenleben, in dem es so viel Leid gab, aber es gab auch Auszeichnungen. Nun müsste über den Beginn eines Studiums am Institut nachgedacht werden.

Nachdem ich mich mit meinen Eltern beraten hatte beschloss ich am Moskauer Energetischen Institut zu studieren, wo man gerade eine zusätzliche Fakultät eröffnet hatte. Das Studium begann im Frühjahr 1946. An dieser Fakultät war eine Vorbereitungsgruppe organisiert worden, die schon eine Weile bestand. Ich beschloss mich selbstständig auf die Aufnahmeprüfungen vorzubereiten. Ich legte alle Examen ab, bekam gute Noten und begann an der Wärmeenergetischen Fakultät mein Studium.

Während meines Soldatenlebens gab es viele Fälle, wo es schien, dass es keinen Ausweg gibt und man sich in Gedanken schon vom Leben verabschiedet hatte. Aber immer wendete sich alles plötzlich zum Guten, als ob mir jemand zu Hilfe eilen würde. Ich dachte oft über diese Fälle nach und habe, wie es scheint, eine Erklärung gefunden. Offenbar war das mit den Besonderheiten meiner Taufe verbunden. Ich wurde während des Bürgerkrieges geboren, mein Vater war Militärarzt, es gab keine Möglichkeit mich zu taufen.

Man taufte mich erst, als unsere Familie in ihre Heimat, das Dorf Tysjatzkoje im Gebiet Twer ankam. Man taufte mich in der gleichen Kirche, in der schon lange vor meiner Geburt mein Großvater Wladimir Wassiljewitsch Novoblagoweschtschenskij als Geistlicher diente und meine Mutter taufte.

Die Erinnerungen wurden auf Bitten meines geliebten Bruders Wadim Jakowlewitsch Novoblagoweschtschenskij niedergeschrieben.

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