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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

411. Freitagsbrief (vom Juni 2009, aus dem Russischen von Valerie Engler).

Russland
Gebiet Wolgograd
Matwej Iwanowitsch Putschkow.

Guten Tag.

Ich möchte Ihnen in Kürze von mir berichten.

Ich habe als Traktorfahrer in der Kolchose gearbeitet und wurde im August 1942 in die Armee einberufen. Über mein Leben vor dem Krieg möchte ich nicht gerne schreiben, wir lebten immer in Armut. Auch über die Armee werde ich nicht viel schreiben. Ich kam zur Infanterie. Bin die ganze Front zu Fuß abgelaufen. In Korosten, 150 km von Kiew entfernt, wurde ich von deutschen Truppen gefangen genommen. Das ist in der Ukraine. Ich wurde mit dem Zug in Güterwaggons nach Deutschland gebracht und kam ins Stalag 326. [Senne/Stukenbrock] In diesem Stalag war ich einen Tag lang. Dann wurde ich irgendwo anders hingebracht, ich weiß nicht, in welcher Gegend das war. Dort kam ich in ein Lager für Gefangene beim Kohlebergwerk 1/2. Ich habe in diesem Bergwerk in einer Gruppe von Hauern am Kohleabbruch gearbeitet. Wir waren zwei Russen in der Gruppe, der andere wurde aber bald in eine andere Gruppe überführt und von da an war ich der einzige Russe. Die Hauer behandelten mich gut. Der Steiger, der Vorarbeiter, ließ mir sogar durch einen der Hauer die Essensration für Bergarbeiter zukommen. Ich habe das ganze Jahr 1944 im Bergwerk 1/2 gearbeitet und weiter bis April 1945. Im April 1945 wurde ich von amerikanischen Truppen befreit, und dann wurde ich an die Engländer übergeben. Die Engländer übergaben mich an unsere Truppen. Dort durchlief ich die Sonderabteilung und wurde anschließend einer Armeeeinheit zugeteilt.

Ich diente dann vom 1.5.1945 bis April 1947. Ich bin Jahrgang 1924. Als ich meinen Armeedienst abgeleistet hatte, kehrte ich in meine Heimat zurück, nach Beresowka im Bezirk Rudnja, Gebiet Stalingrad. Jetzt lebe ich unter einer anderen Adresse: […].

Von meinem jetzigen Leben gibt es nichts zu schreiben. Ich bin verheiratet. Zum Essen reicht unser Geld. Nur meine Beine machen mir Probleme, sie wollen nicht mehr, und um meine Gesundheit steht es schlecht, aber ich muss jeden Tag einkaufen gehen, um Lebensmittel zu besorgen. Ich bin 82 Jahre alt und bräuchte irgendein Fahrzeug. Autos sind in Russland teuer, von der Rente kann man sich keins kaufen. So lebe ich also.

Das Geld habe ich nicht bekommen und keinerlei Benachrichtigung, bitte schicken Sie es mir noch einmal an folgende Adresse: [siehe oben].

Nun habe ich also bei meiner Arbeit beim Kohleabbruch im Bergwerk1/2 doch etwas verdient [*]. Ich würde gerne jemanden von den Hauern wiedersehen, einer von ihnen hieß Willi. Vielleicht lebt ja noch einer von ihnen.

Mein Antrag auf Entschädigung wurde abgelehnt, ich schicke Ihnen deren Brief mit.

Ich danke Ihnen allen und Ihren Mitarbeitern.

Auf Wiedersehen

Matwej Iwanowitsch Putschkow.

[keine Briefe beigelegt].

****

[*] Wir betonen in unseren Briefen an ehemalige sowjetische Kriegsgefangene, dass unsere Geldspende keine Entschädigung für geleistete Zwangsarbeit ist, sondern eine Geste der Anerkennung erlittenen Unrechts. (E. Radczuweit).

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