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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

410. Freitagsbrief (vom Oktober 2010, aus dem Russischen von Valerie Engler).

Russland
Mesen
Gebiet Archangelsk
Weniamin Michajlowitsch Filatow
[Es schreibt die Tochter].

Guten Tag, liebe Leser!

Wir haben Ihren Brief bekommen und ihn unter Tränen gelesen. Wir sind angenehm überrascht angesichts Ihres Interesses und Ihres Mitgefühls mit den Menschen, die diese schrecklichen Jahre durchlebt haben, und danken Ihnen dafür.

An dem Tag, als wir Ihren Brief bekamen, war ich ein weiteres Mal beim Wehrkommissariat gewesen, über das mein Vater 1939 zur Armee eingezogen worden war, 1946 kehrte er zurück. Schon in den ersten Kriegstagen geriet er in Gefangenschaft. In den letzten zwanzig Jahren habe ich mich immer wieder an die verschiedenen Archive gewandt, konnte aber bisher keine Informationen zu meinem Vater bekommen. Als ich nach Hause kam, fand ich Ihren Brief im Briefkasten. Können Sie sich vorstellen, was dieser Brief für uns bedeutet?! Danke!

2001 haben wir einen Brief mit einem Artikel aus unserer regionalen Zeitung „Sewer“ nach Deutschland geschickt. Ich denke, dass wir rechtzeitig vor Ablauf der Frist den Antrag auf Entschädigung gestellt haben, aber wir haben keine Unterlagen, die bestätigen würden, wo Vater in diesen Jahren war. Obwohl die persönliche Lagernummer wie ein „Häftlingspass“ war. Wenn wir noch die Marke mit der Lagernummer hätten, die er damals am Hals tragen musste, oder wenn er eine Tätowierung am Arm hätte, dann hätte er die Entschädigung schon bekommen. Als sie von den Amerikanern befreit wurden, da rissen sie sich als erstes diese verfluchten Marken herunter.

Es ist bitter, dass diese Menschen in Russland nichts zählen, obwohl man aus den Erzählungen der Frontsoldaten alles weiß. Im Krieg war es das Schlimmste, in Gefangenschaft zu geraten. Ein Jahr im Konzentrationslager [Stalag] zählte wie zehn Jahre an der Front. Nach dem Krieg wollte man von den Gefangenen lieber nichts wissen. Erst 40 Jahre nach Kriegsende wurden sie als Veteranen des Großen Vaterländischen Krieges anerkannt. Bis heute werden sie benachteiligt. Sie bekommen keine Vergünstigungen, wie sie den Kriegsveteranen zustehen. Obwohl man es ihnen vor dem 65. Jahrestag des Sieges versprochen hat. Ich kann schon niemandem mehr glauben. Alle diese Jahre haben wir auf eine Nachricht aus Deutschland gehofft. Danke für Ihre Arbeit, die für die Geschichte der Menschheit so wichtig und unabdingbar ist.

2007 bekam mein Vater als ehemaliger Häftling, der keine Entschädigung bekommen hat, einen kostenlosen Aufenthalt im Sanatorium, vermittelt von der Stiftung für Verständigung und Aussöhnung. Mein Vater war zu der Zeit bereits 88 Jahre alt, sah schlecht; er hätte ohne Begleitung fahren müssen, das Sanatorium war weit vom Wohnort entfernt, wir hätten die Fahrt selbst bezahlen müssen und alles musste sehr schnell gehen. Ich fand das kein ernstzunehmendes Angebot und wir lehnten ab.

2009 wurde Vater (mit 90 Jahren) innerhalb eines Jahres zweimal am Auge operiert. Wir mussten beide Male ins Krankenhaus der Gebietshauptstadt fahren, wir mussten für die Operation zahlen und eine Unterkunft mieten. All das hat viel Geld gekostet. Jetzt sieht Vater wieder gut, er konnte Ihren Brief selbst lesen. Warum kann die Stiftung für Verständigung und Aussöhnung keine konkrete Unterstützung leisten? Denn soviel ich weiß, hat Deutschland nicht wenig Geld in die Stiftung gesteckt [*].

Vater wurde 1939 in die Armee eingezogen, alles Weitere ist in der Zeitung „Sewer“ sehr gut beschrieben. Dass sie unmenschliches Leid erfahren haben, wie Sie schreiben, das alles kann Vater bestätigen. Sie wussten nicht genau, wo sie sich befanden, wohl im Südwesten Deutschlands weitab vom nächsten Ort. Niemand sprach dort Russisch. An eine Flucht war nicht zu denken, sie waren den ganzen Tag hinter Stacheldraht unter strenger Bewachung der Aufseher. Außer den Kameraden, die im Artikel erwähnt werden. Ich träume davon, sie zu finden, um endlich einen Schlussstrich unter diese Sache zu ziehen. Ihre Verwandten wissen vielleicht gar nichts von ihnen. Es gab keine Häuser oder Menschen in der Nähe. Nur ein zweistöckiges Haus, in dem die Aufseher wohnten, und eine Baracke für die Gefangenen. Im Hof war ein Schießstand, wo die Aufseher sich die Zeit vertrieben. So erzählt es mein Vater. Um das Lager herum waren Felder, durch die die Gefangenen zur Arbeit gingen. Sie mussten Berge von Steinen zu feinem Schotter zerschlagen, auf Loren verladen und zur Bahnlinie transportieren. Es war schwerste körperliche Arbeit. Es gab dort eine Landstraße, auf der aber selten Autos fuhren. In jedem Zimmer wohnten (wenn man das so nennen kann) 30 Personen. Sie hatten Stockbetten aus Metall, in der Mitte des Zimmers stand ein Ofen, zwischen den Betten war kaum Platz zum Durchgehen, außerdem gab es einen kleinen Tisch. Sie hatten keine Bettwäsche, nur alte Matratzen. Vergitterte Fenster. Gelüftet wurde dieser Kerker selten.

Essen bekamen sie nur auf der Arbeit, manchmal Suppe aus Hundefleisch, satt wurden sie nie. Sie aßen alles außer den Steinen, sogar die eigenen Exkremente. Einige überlebten die Unterernährung nicht und starben. Manchmal gab es Kaffee [-ersatz].

Schrecklich war auch die Ungewissheit. Sie wussten nicht, welcher Tag war, welcher Monat und sogar welches Jahr. Wussten nicht, was sie am nächsten Tag erwartete. Es gab kein Waschhaus, sie wuschen sich an der Waschschüssel, vielleicht einmal in zwei Wochen oder sogar weniger. Wenn sie ihre Wäsche wuschen, dann war es für sie wie ein freier Tag. Bevor die Amerikaner kamen, dachten sie, jetzt werden sie erschossen. Was das [die Befreiung] für sie für ein Glück war, können wir nur erahnen. Man hätte sie medizinisch behandeln und nach Hause schicken müssen, aber sie mussten noch die Überprüfung durchlaufen. Danach musste er seinen Armeedienst zu Ende ableisten und erst im Juni 1946, nach sieben langen und leidvollen Jahren, kehrte er nach Hause zurück.

Zu Hause rechnete niemand mit ihm, sie hatten ihn für tot gehalten. Es war eine große Familie, 14 Personen, er war das 12. Kind. Mehrere Kinder starben an Krankheiten. Acht der Kinder verlebten ein langes Leben. Jetzt ist nur noch Vater am Leben. Gott gebe ihm Gesundheit. Er ist ein wunderbarer Mensch, gütig, hat einen gottgegebenen Humor. Er kennt weder Groll noch Hass. Er weiß noch viele Lieder aus seiner Jugendzeit. Man könnte ein interessantes Buch über sein Leben schreiben, über sein ihm von Oben zugedachtes Schicksal.

Er lebt noch heute in dem Haus, das sein Vater 1905 gebaut hat. Vom Staat haben wir nie etwas bekommen. Eine Schande! Im Winter wohnt er immer bei mir, seiner jüngsten Tochter.

Wenn er in Moskau leben würde, wo zwei weitere seiner Töchter leben, oder in einer anderen größeren Stadt, wäre er mit allem versorgt.

Wenn es für Sie interessant ist, kommen Sie uns im Sommer besuchen, wir würden uns sehr freuen!

Wir warten auf eine Antwort von Ihnen. Wir fragen uns, wie alt Sie wohl sind?

Wir wünschen Ihnen beste Gesundheit und danken Ihnen sehr für Ihre Unterstützung. Mögen Sie glücklich sein! Auf Wiedersehen!

Die Familien Filatow und Litschutin.

„Wir hofften auf den Sieg. Aber dass wir überleben könnten, damit rechneten wir nicht.“ (die Worte meines Vaters).

Weitere Informationen aus dem Antrag auf Entschädigung.

Weniamin Michajlowitsch Filatow, geb. 23.1.1919 in Mesen. Am 2.8.1941 bei Tartu in Gefangenschaft geraten. War zuerst in einem Lager bei Tartu, dann in Riga (das Lager war auf dem Gelände des 228. Schützenregiments). Ende 1941 wurde er nach Deutschland gebracht und war im Lager Nr. 633 Brükia (so stand es auf der Lagermarke). [Ein Stalag mit der Nr. 633 gab es nicht; die Nummer deutet auf Riga als Registrierungsort].

[Weitere Anlagen: Foto von W. M. Filatow, aufgenommen am 9. Mai 2010, zweiter Zeitungsartikel aus der Zeitung „Sewer“ vom 23.1.2009].

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[*] In unserer Antwort auf den Brief informierten wir über das vom Deutschen Bundestag im Jahre 2000 beschlossene Gesetz, demzufolge die Kriegsgefangenen „nicht leistungsberechtigt“ seien. Wir nannten die Hoffnung, dass unsere im September 2006 an den Bundestag gerichtete Petition letztendlich erfolgreich sei und das offizielle Deutschland den ehemaligen sowjetischen Kriegsgefangenen wenigstens eine „humanitäre Geste“ zubilligen würde. Das haben wir auch mit einer weiteren Petition bis heute nicht durchsetzen können. (Eberhard Radczuweit).

Der übersetzte Zeitungsartikel über Herrn Filatow wird auf Nachfrage zugestellt.

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