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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

41. Freitagsbrief (20.04.2007).

13 Förderinnen und Förderer des Bürger-Engagements für „vergessene“ NS-Opfer waren Gäste des armenischen Vereins der rehabilitierten Gefangenen des Zweiten Weltkrieges. In Eriwan und umliegenden Dörfern trafen wir Überlebende des Genozids an den sowjetischen Kriegsgefangenen. Der Sohn eines inzwischen Verstorbenen ließ für uns die Erinnerungen seines Vaters ins Deutsche übersetzen:

Als ich 20 Jahre alt wurde.

Ich heiße Khacik Adamjan und bin am 25. Januar 1921 geboren. Diese Geschichte begann am 25. Dezember 1941. Es gab viele Vorfälle, über die ich nie geschrieben und gesprochen habe und die mich immer quälen. Den Vorsatz zu Schreiben verschob ich von Jahr zu Jahr. Aber jetzt fühle ich schon, dass es nicht mehr aufzuschieben ist. Ich habe Angst, dass wegen des Alters und der Krankheiten ich viele wichtige Tatsachen vergessen werde. Es ist die Geschichte der geplanten Vernichtung von uns Kriegsgefangenen.

Das Krieg führende Deutschland brauchte viele Kräfte im Rücken. Sie brauchten Kräfte aus allen okkupierten Ländern und den besetzten Gebieten der Sowjetunion. Gleichzeitig quälten sie die sowjetischen Kriegsgefangenen in Lagern und verdammten sie zu hungern. Das alles war besonders furchtbar in den Jahren 1941–1942. Damals schickten sie nur wenige zur Arbeit und tatsächlich wollte man unsere Jugend ausrotten. Das war ein echter Genozid. Ich erlebte vieles, aber jetzt erzähle ich nur über einen einzigen Tag. Aber damit es die Leser gut verstehen, werde ich kurz die Vorgeschichte beschreiben.

Ich wurde am 8. August 1941 in der Richtung Pskov – Leningrad verwundet und die Deutschen machten mich zum Gefangenen. Ich kam zum Sammelpunkt für Kriegsgefangene in der Stadt Ostrov. Durch einen reinen Zufall retteten mich zwei armenische Jungen. Einer von ihnen war Feldscher: Er wusch meine Wunden und leistete ärztliche Hilfe. Danach haben sie uns zu verschiedenen Lagern gebracht, Ende November kamen wir ins Stalag 11 A bei Altengrabow (Brandenburg). Es stammt noch aus dem Ersten Weltkrieg. Ich erinnere mich an einen alten Mann, der sein Schicksal verfluchend erzählte, wie er 1916 im selben Lager war. Dort haben sie uns durchnumeriert. Als Menschen mit Namen und Vornamen existierten wir nicht. Wir waren einfach Kriegsgefangene mit Nummern. Neben mir und noch einem Armenier waren in unserem Lagerteil meistens Russen und Ukrainer, auch Georgier, einige Tataren und zwei Kasachen. Man sagte, dass wir nach der Durchnumerierung in Gruppen zur Arbeit in Fabriken, Gruben und in der Landwirtschaft geführt würden. Viele hofften auf den Einsatz in der Landwirtschaft, um nicht hungern zu müssen. Ich wurde mit 15 Leuten in die Nähe von Magdeburg gebracht. Es gab hölzerne Baracken, mit Stacheldraht umgrenzt. Dort waren schon 130 Arbeiter, unter ihnen auch sowjetische Kriegsgefangene. Es gab auch kranke Gefangene, die mit dem selben Auto weggebracht wurden, das uns hinbrachte. Abends, bei der Rückkehr von der Arbeit, betrachtete ich die Gesichter der Mitgefangenen. Sie sahen gesünder aus als wir. So wog ich mich in der Hoffnung, dass man dort überleben konnte. Sie kochten mitgebrachte Rüben im Topf. Auf meine Fragen hin wurde mir klar, dass sie das Essen heimlich an gutherzigen Wachleuten vorbei ins Lager gebracht hatten. Es passierte aber auch, dass man überprüft und hart geschlagen wurde. Morgens, vor der Dämmerung, haben sie uns in einer Kolonne in Marsch gesetzt. Drei Kilometer weiter sammelten wir Rüben auf dem Feld. Die Erde war noch nicht gefroren, aber es war kalt. Ich hatte aus einem Stück Soldatenmantel genähte Handschuhe und schälte die Rüben, trennte die Blätter ab. Bis zum Abend war mein rechter Arm wie abgestorben und die linke Hand unter dem nassen, schmutzigen Handschuh erfroren. Ich versuchte trotz der Warnung meines Freundes etwas zu ruhen und bekam einen Schlag auf den Kopf. Mir wurde schwarz vor den Augen und ich fiel hin. Auf dem Boden liegend, wurde weiter auf mich eingeprügelt. Wir arbeiteten weiter bis zum Einbruch der Dunkelheit. Auf dem Weg zurück konnte ich die Beine kaum schleppen, versuchte aber, nicht zurück zu bleiben. Nachts bekam ich Fieber, danach brauchte ich nicht zur Arbeit. Nach Tagen mit hohem Fieber brachte man mich zum Lager in Altengrabow zurück.

Der Bau, in den ich kam, hatte in allen Räumen Pritschen. 300 Kriegsgefangene lagen dort mit verschiedenen Krankheiten. Es gab keine ärztliche Behandlung. Wenige überlebten. Ein französischer Kriegsgefangener verarztete mich. Ein netter 30jähriger Mann, er sah wie ein Armenier aus. Er meinte, mir drohe eine Lungenentzündung. Durch ihn erfuhr ich von 400 weiteren Armeniern im Lager. Ich ging mit Hoffnungen zu Bett. Lauter Lärm weckte mich. Erschrocken liefen wir in die Dunkelheit hinaus. Bald schoss eine Gruppe von Deutschen aus automatischen Waffen in die Baracken hinein. Einer von unseren Jungen kam gelaufen und schrie, sie würden alle töten, die nicht mehr aufstehen und hinausgehen könnten. Alles dauerte nur ein par Minuten. Es war der 24. Dezember. Sie befahlen uns, sich zu bewegen und brachten uns zum Zentraleingang. Wir waren ungefähr 250 Leute und ich stand in der letzten Reihe. Wieder hörten wir Schüsse. Ich drehte mich um und sah, wie die Faschisten alle töteten, die zurück blieben. Das waren Kranke mit geschwollenen Füßen. Ich versuchte, nicht zurück zu bleiben und kam in die dritte Reihe von hinten. Neben mir stolperten einige, fielen und wurden auch getötet. Die Schüsse brachten das ganze Lager auf die Beine. Ganz erschrocken standen sie am Stacheldraht und beobachteten uns. Rechts war das französische Lager, auf der linken Seite waren die Jugoslawen und Polen.

Sie trieben uns in ein anderes Lager. Es war ein von Stacheldraht umsäumtes Areal. Da gab es einen dreiteiligen Pferdestall. In einen leeren Teil wurden wir eingesperrt. Es vergingen etwa zwei Stunden. Dann kamen vier Deutsche in weiß-gelber Schutzkleidung. Vielleicht waren es Ärzte. Ihre Gesichter waren verdeckt, nur die Brillen sichtbar. Sie maßen unsere Temperatur. Wer Fieber hatte, wurde in eine Gruppe gestellt, darunter auch ich. Wir waren 27 Personen. Sie brachten uns in einen etwa 70 qm großen Raum nicht weit vom Pferdestall. Er gehörte einmal zu den Pferdepflegern. Die Eisentür wurde verriegelt. Drinnen gab es einige Holzpritschen. Sie waren mit Schnee bedeckt, den der Wind durchs Fenster wehte. Es gab auch einen gusseisernen Ofen, aber kein Brennholz. Zuerst schlossen wir die Fenster, putzten den Schnee weg und stellten uns eng aneinander. Wir stampften mit den Füßen, um nicht zu frieren. In jenem Winter war es sehr kalt. Nachts sank die Temperatur auf minus 15–20 Grad. Wenn es dunkel wurde, drückten wir uns auf den Pritschen aneinander. Nachts bat ich den Jungen neben mir, mich nicht zu sehr zu drücken. Ich wollte ihn wecken. Als ich sein Gesicht berührte, merkte ich, dass er gestorben war. Ich habe den anderen berührt. Auch er war tot. Fast erstarrt, nahm ich mir ihre Jacken. Am Morgen hörte ich Geschimpfe, deutsche und russische Wörter. Ich dachte, sie seien gekommen, um uns zu töten. Wie ich verstand, beschimpfte der Mann im weißen Overall mit der schwarzen Brille den Sanitäter, weil er uns ohne Brennmaterial gelassen habe und alle gestorben seien. Später habe ich erfahren, dass der Mann in Weiß ein polnischer Arzt war, auch Kriegsgefangener. Er befahl, uns alle hinaus zu tragen. Sie sahen auch mich als Toten. Aber ich gab irgend ein Lebenszeichen von mir. Von 27 Menschen waren nur vier am Leben geblieben. Danach wurde Kohle gebracht und der Ofen beheizt. Wir sammelten uns um den Ofen herum und wärmten die erstarrten Glieder. Einer der Jungs neben mir lehnte sich an den Ofen. Es roch angebrannt. Ich stieß ihn an, damit er aufwache. Er fiel um und ich verstand, dass er gestorben war. Nur wir drei waren geblieben. Nachmittags brachten sie ein Gebräu als Essen. Unser dritter Freund weigerte sich, dass in sich hinein zu würgen. Ich sagte: „Mensch, Du musst essen.“ Er antwortete, dass er glaube zu sterben. Nach einigen Minuten starb er sitzend. Wir waren nun zu zweit, ich und ein russischer Junge namens Wanja. Er war ein paar Jahre älter als ich. Er erzählte, dass er vor dem Krieg in Leninakan, Armenien, gedient habe. Die erste Sache, die einem hungrigen Armenier in den Sinn kommt, ist das armenische Gericht Chanakh (Gemüse mit Lammfleisch). Das hatte Wanja in einer Kantine geschmeckt, nicht weit weg vom Markt. Er sagte: „Wenn ich am Leben bleibe, werde ich dorthin reisen, um Chanakh zu essen. Ich kann mich nicht erinnern, ob er am Leben blieb oder starb. Es war die Nacht vom 24. auf den 25. Es war mein zwanzigster Geburtstag. Dies ist Weihnachtstag bei den Katholiken und sie feiern ganz fröhlich.

Die Deutschen gelten auch als Gläubige. Aber ich verstehe nicht, wie Christen so brutal und ungeheuerlich sein können. Tags darauf begriff ich, warum die Deutschen zuvor so erbittert waren. Der polnische Arzt erzählte, dass die Deutschen Typhus im Lager festgestellt hatten und dies Panik verursachte. Sie wollten kurzerhand den Typhus liquidieren. Aber natürlich litten nicht alle Kranke an Typhus. Ohne ärztliche Untersuchung brachten sie in den folgenden Tagen in unseren Isolierraum 15 bis 20 Leute, und ebenso viele Tote ließen sie täglich hinaus bringen. Nach einigen Tagen sank meine Temperatur. Mit Unterstützung des polnischen Arztes kam ich in eine andere Baracke, die auch unter Quarantäne stand. Um es klar zu machen, sage ich, dass es dort keinen anderen Mann gab, der dünner war als ich. Sie nannten mich „lebendes Skelett“. Einmal bestaunte ein deutscher Offizier meine Magerkeit. Ich solle mich ausziehen und auf die Waage stellen, ließ er durch den Dolmetscher ausrichten. Ich wog 36 Kilo und war 177 Zentimeter groß. Vor dem Krieg wog ich 61 Kilo und war 182 Zentimeter groß. Ich war immer recht mager, aber gesund und kräftig, trieb viel Sport. Deshalb blieb ich wohl am Leben.

Das ist die Geschichte von meinem 20. Geburtstag. Sonst wäre noch von vier Fluchten zu berichten, von Konzentrationslagern, die ich unter Wenigen überlebte. Das war mein Schicksal. Vielleicht leben der polnische und der französische Arzt noch und einige andere. Gut wäre es, wenn sie diese Geschichte lesen könnten. Meine Erinnerung widme ich allen Jugendlichen. Ich wünsche mir, dass sie ihre Geburtstage immer unter friedlichem Himmel feiern mögen.

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Unsere armenische Partnerorganisation verlor in den letzten 12 Monaten 80 Mitglieder, die Lebenserwartung sinkt beständig. Dort leisten wir mehrfach Nothilfen, weil in Armenien die soziale Not alter Menschen noch größer ist als in Russland, Belarus und in der Ukraine. Dort werden nur Einmalzahlungen gegeben als „Geste der Anerkennung des erlittenen Unrechts“.

Spendenkonto:
Kontakte-Kontakty, Konto-Nr. 306 55 99 006, Berliner Volksbank, BLZ 100 900 00
Kennwort „Armenienhilfe“.

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