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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

409. Freitagsbrief (vom Juli 2014, aus dem Armenischen von Prof. Dr. Aschot Hayruni).

Schmawon Sardarjan
Wanadsor
Armenien.

Sehr geehrter Herr Radczuweit,

nehmen Sie bitte meinen herzlichsten Dank für Ihren lieben Brief und Ihre Spende an, die ich vor kurzem über unseren armenischen Verein der ehemaligen Kriegsgefangenen bekam [*]. […] Da Sie, wie die Leitung unseres Vereins mir erklärte, sich über unsere Geschichte während der Kriegsgefangenschaft gern informieren möchten, versuche ich im Folgenden, Ihnen darüber zu berichten.

Ich bin 1920 im Dorf Ttudschur (Bezirk Tschambarak, Armenien) geboren. Meine Einberufung in die Armee erfolgte im Jahre 1940. Zuerst habe ich eine Zeit lang in der Stadt Lepel (Weißrussland) im Aufklärungsbataillon N. 73 gedient. Im August 1941 leisteten wir im Panzerregiment 12. (Division 29a) schwere Kämpfe in der Nähe von Woroschilowgrad [Luhansk], bei denen wir uns unter dem Druck der deutschen Armee stets zurückziehen mussten. Bald gerieten wir aber zusammen mit mehreren anderen sowjetischen Truppen in eine Umklammerung. Es scheiterten all unsere Bemühungen, irgendwie aus dem Kessel herauszukommen. Wir hatten bald keine Munition, keine Patronen mehr. Wegen des Mangels an Brennstoff waren auch unsere Panzer untauglich geworden, und so gerieten wir in Gefangenschaft. Die Deutschen trieben die Gefangenen, deren Zahl sich auf mehrere Zehntausend belief, wie Tiere in eine bestimmte Richtung. Die Länge der Menschenkolonne betrug einige Kilometer. Der Marsch dauerte über drei Tage und kostete viele von uns, die schwach oder verwundet waren, das Leben, denn sobald jemand aus den genannten Gründen nicht mehr imstande war, mitzugehen, wurde er erschossen. Unterwegs gab man uns nichts zu Essen und zu Trinken. An den ukrainischen Ortschaften Pologi, Orechow und Scherebez vorbeikommend, gelangten wir endlich in die Stadt Saporoshje, wo man uns zu einem riesengroßen Sammelort von Gefangenen trieb [Dulag 182]. Am folgenden Tag bildeten die Deutschen aus vielen Gefangenen eine Gruppe, zu der auch ich gehörte, und wir wurden unter strenger Kontrolle zu einem Flughafen getrieben, der außerhalb der Stadt in einer Entfernung von etwa 20 km lag. Nicht weit vom Flughafen befand sich ein Lager, wo man uns hinein pferchte. Wir mussten dann täglich von früh bis spät am Flughafen unterschiedliche Arbeiten machen. Es ging vor allem um Boden- und Bauarbeiten. Darüber hinaus mussten wir bestimmte Straßen und Plätze asphaltieren oder pflastern, ohne dass dafür die notwendigsten Voraussetzungen vorlagen. Wir arbeiteten in unerträglichen, keineswegs menschlichen Verhältnissen und wurden sehr grausam behandelt. Die Schläge und Demütigungen verschiedener Art gehörten zu unserem Alltag. Da selbst das spärliche, stinkende Essen zur Bewahrung der Kräfte und somit zur Verlängerung der Arbeitsfähigkeit gar nicht ausreichte, war unter uns die Überzeugung verbreitet, dass man uns auch durch die Arbeit umbringen wolle, was bei vielen, die verhältnismäßig schwach waren, der Fall war. Wir waren verlaust. An Hunger, Krankheiten oder grober Behandlung starben täglich Gefangene.

Im Frühjahr 1943 wurde ich von dort mit anderen Gefangenen nach Deutschland geschickt. Ich blieb eine Zeit lang im Konzentrationslager der Stadt Wustrau [Stalag IIID/Z]. Dann schickte man mich nach Neuruppin, wo ich in der dortigen mechanischen Fabrik arbeitete. Im November 1944 wurde ich von dort nach Rheinsberg geschickt, wo ich dann für einen Gutsbesitzer namens Schulz verschiedene Arbeiten habe machen müssen. Am 29. April 1945 wurde ich von sowjetischen Truppen befreit. Nachdem ich bis Ende Oktober desselben Jahres im Militär weiter gedient hatte, konnte ich nach Armenien zurückkommen, wo ich seitdem lebe. Ich sende Ihnen meine besten Wünsche und verbleibe

mit herzlichsten Grüßen aus Wanadsor.

Ihr Schmawon Sardarjan 12. Juli 2014.

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[*] Gemeint ist der armenische „Verein der rehabilitierten Gefangenen des Zweiten Weltkrieges“. Es ist die einzige registrierte Vereinigung ehemaliger sowjetischer Kriegsgefangener. KONTAKTE-KOHTAKTbI pflegt seit 2003 partnerschaftliche Beziehungen zum Verein.

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