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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

408. Freitagsbrief (vom Februar 2009, aus dem Russischen von Dr. Peter Tichauer).

Russland
Gebiet Rostow
Kujbyschewo
Nikolaj Pawlowitsch Parfenenko.

Sehr geehrter Herr Vorsitzender der deutschen Organisation „KOHTAKTbI“, Dr. Gottfried Eberle!

Über Sie spreche ich mit Ihrer gesamten Organisation. Mit Ihrem Brief geben Sie mir eine vielseitige und schwere Aufgabe, ich aber habe keinen übermäßigen Kräftevorrat. Bin Invalide der 2. Gruppe und all das, was ich zu sehen bekam, gibt mir bis heute keine Ruhe. Obwohl Jahrzehnte vergangen sind, ist einiges im Kopf geblieben. Ich schicke Ihnen eine Kopie unserer örtlichen Zeitung ‚Die Quelle‘ – lesen Sie. Menschen, lebende Zeugen der Gräueltaten der Faschisten, waren damals Jugendliche, aber auch heute noch sprechen sie darüber mit Tränen und Erschütterung. Lesen Sie und geben Sie es weiter. Und nun werde ich beschreiben, was in einigen Durchgangslagern vor sich ging.

Durchgangslager Shitomir [Stalag 358] Wir wurden im Abstand ausgestreckter Arme aufgestellt. Deutsche und rumänische Militärs begannen, Juden zu suchen, haben ca. 150 Mann ausgesondert – Russen, Belorussen, Ukrainer, Kaukasier und vielleicht auch einige Juden. Sie mussten sich ausziehen und wurden weggejagt. Nicht auf der Stelle erschossen. Die Klamotten wurden weggetragen. Das ist sowohl Plünderung als auch Genozid. Den Übriggebliebenen wurde gesagt: „Überlegt euch, was mit euch passiert …“

Durchgangslager in Wladimir Wolinskij. [Stalag 365] Unser Zug mit Kriegsgefangenen wurde sehr laut empfangen: Gebrüll, Hundegebell. Wir wurden in ein ehemaliges Militärlager geführt, vor eine Bühne mit viel berittener Gendarmerie und Armeeangehörigen. Ein deutscher Offizier sprach (mit Dolmetscher) über die eroberten sowjetischen Städte, dass Leningrad und Moskau bereits umzingelt sind und auch weitere Städte bald eingenommen werden. „Ihr seid jung, könnt also noch an der Befreiung eurer Heimat von den Sowjets teilnehmen. Kommt in die deutsche Armee. Wer in die ruhmreiche deutsche Armee eintreten will, Donleute, Kaukasier, 5 Schritt vor. Marsch!“ Nur wenige der Gefangenen traten vor. Der Offizier war unzufrieden – zu wenige. Lauter Befehl und die berittene Gendarmerie stürmte auf die Gefangenenkolonne, trennte eine große Gruppe mit Peitschenhieben und den Pferden von der Masse und trieb sie fort. Wir blieben in Wladimir Wolinskij, wie lange, weiß ich nicht mehr. Hier haben wir auch erfahren, dass diejenigen Gefangenen, die hier im Winter 1941–42 waren, fast alle vor Hunger, Kälte, Krankheiten und Prügel verstarben. Ein Begräbnistrupp legte die Toten erst einmal in Stapel, fuhr sie dann mit LKWs raus aus dem Lager. Sie wurden irgendwo eingegraben.

Durchgangslager in Nürnberg: Stalag. [XIIID] Das war anscheinend das Hauptlager für Kriegsgefangene. Am Tor – eine faschistische Symbolik. Jeder bekam an den Hals eine Nummer, es wurden Fingerabdrücke genommen und Fotos gemacht. Eine Dusche (kaltes und heißes Wasser). Es war bereits Dezember, sehr kalter Wind. Nach der Dusche wurden wir in die Kälte rausgejagt, die Soldaten dagegen beobachteten uns durch die Fenster. Nach dem heißen Bad wurde uns sehr kalt und wir stellten uns Rücken an Rücken (so ist es wärmer, um die Innereien nicht zu erkälten). Die deutschen Soldaten kamen raus, trieben uns auseinander und wir mussten uns wieder in Reihe aufstellen. Sie – zurück und wir wieder Rücken an Rücken. Das wiederholte sich mehrfach, dann wurden sie müde und haben uns weggeführt. Viele wurden krank. Mir blieb als Erinnerung eine chronische Nierenbeckenentzündung, eine Lungenkrankheit. Einige bekamen Tuberkulose, diese wurden weggebracht. Wie haben sie nie wieder gesehen. Die Deutschen hatten Angst, sich bei Tuberkulosekranken anzustecken. Eine Zeit lang mussten wir Trümmer von bei Fliegerangriffen zerstörten Häusern, Betrieben, Bahnhöfen räumen. Deutsche Soldaten schlugen auf uns mit Gewehrkolben ein, brüllten uns an – wir konnten sie nicht verstehen, sie aber schlugen. […] Gefangene aus unterschiedlichen Ländern wurden isoliert gehalten. Aber im Stalag war ich zufällig in einer Gruppe von Serben. Sie haben mitbekommen, dass ich Russe aus Kuibyschewo bin, haben mit großem Interesse und Freude mich nach dem Leben in meiner Stadt ausgefragt, über die Positionen der Faschisten und unserer Armee (zu dieser Zeit führte die sowjetische Armee Kämpfe und die Befreiung unseres Bezirks.) Und als ich sagte, das Kujbyschewo auf jeden Fall befreit wird, freuten sich die Serben. Auch die Franzosen waren zu Russen freundschaftlich eingestellt. Nach dem Stalag wurden wir der Firma Siemens-Schuckert in Nürnberg übergeben. Wir arbeiteten bei der Herstellung von Gehäusen für E-Generatoren und -motoren. Anfangs waren wir im Kinotheater Kolisei [Original lateinisch] in Nürnberg untergebracht, anschließend in Baracken ohne Decke nur mit einem Dach aus Ruberoid [Dachpappe]. In der Baracke war zwar ein Kanonenofen, es gab aber nichts zum Heizen. Wenn es der eine oder andere schaffte, irgendwo Holz oder Papier zu klauen, konnten wir damit heizen.

Nach Beginn der Arbeit bei Siemens wurden wir, die Gefangenen, auch entlohnt. Als Geld – Kriegsgefangenen-Mark [Original deutsch] – war so auf Graupapier gedruckt. Ziel der Nazis war – unter den Gefangenen Zwist zu schaffen. Sie sagten, wenn ihr gut arbeitet, werdet ihr auch gut verdienen, um nach dem Krieg frei leben zu können. Wir hatten aber viele gut ausgebildete Menschen, auch Offiziere. Russische Polizaj gab es nicht. Lediglich einen Übersetzer hatten wir, der sich gut auskannte und alle Unannehmlichkeiten klärte.

Bezahlt wurde unterschiedlich, von 1–9 Mark. Am meisten bekamen die Schweißer, 9–13 Mark. In unserem Bereich haben wir beschlossen, alles Verdiente einem Kassierer zu übergeben, der es dann an alle gleichmäßig aufteilte. Wenn also 4 Mann jeweils 1, 3, 7 und 9 Mark bekamen, wurde jedem ein Viertel, also 5 Mark gegeben. Die Mehrverdiener bekamen zwar weniger, ordneten sich aber der Mehrheit unter. Ärger gab es wahrscheinlich deswegen nicht, weil es ja für die Marken kein Essen zu kaufen gab. Die Deutschen kannten diese „Gewerkschaft“ nicht, die Abteilung arbeitete aber schlechter. Das heißt, wir haben als Antwort auf die Entlohnung mit Mark eine Gleichmacherei organisiert. Wir waren ja immerhin Sowjetmenschen. Wir hatten gesehen, wie die Faschisten unsere Städte und Dörfer zerschlugen und ausraubten. Aus Abfallkörben holten wir Zeitungen, um Neuigkeiten zu erfahren, obwohl es nur Lüge war und nur zu Gunsten des faschistischen Deutschlands berichtet wurde.

Ich kann es nicht garantieren, aber der Bereich, in dem wir bei Siemens arbeiteten, wurde von den Deutschen Abteilung 43 [Original] genannt.

Im Nürnberger Lager hat mich eine Gruppe von Mitgefangenen gefragt, ob ich wüsste, was eine Kolchose ist. Ich bejahte. Ich wurde gebeten, den Deutschen zu erzählen, was eine Kolchose ist, weil sie danach gefragt hatten und diese Gruppe keine richtigen Kenntnisse hatte. Auf einem Blatt Papier habe ich dann alles Gute, was ich von einer Kolchose wusste, aufgeschrieben – denn meine ganze Familie gehörte zu einer Kolchose. Wir haben es gemeinsam ins Deutsche übersetzt und gingen mit zwei oder drei Genossen (war meine Bedingung, damit über mich nichts Böses erzählt würde) zu den Deutschen, um die Frage „Was ist Kolchos?“ [Original deutsch] zu klären. Ich hatte mich dazu bereit erklärt, da ich wusste, dass in Finnland der Blödsinn verbreitet wurde, in den Kolchosen seien auch die Frauen Gemeinschaftsgut. Ich wollte diese Unwahrheit löschen. Ich erzählte über die Kolchosen und die Deutschen nickten nur mit ihren Köpfen und sagten „o gut, gut“ [original deutsch]. […]

Zu uns ins Lager kam auch gelegentlich ein Oberstleutnant von den Wlassowleuten. Erst versuchte er, uns zum Eintritt in die Wlassow-Armee zu überreden. Nachdem er sah, dass wir dazu nicht bereit waren, agitierte er uns, nicht zurück in die SU zu gehen. Wollte uns einreden, dass wir alle nach Sibirien verbannt werden. Wir sagten ihm, dass Sibirien ja unser russisches Land ist, dass dort die gleichen Menschen leben wie wir es sind, und dass die deutsche Armee von Sibirern geschlagen wird. Darauf zeigte er sich lange nicht, kam dann aber noch ein Mal und sagte traurig: „… ja, ihr werdet bald zu Hause sein, ich aber …“ die Genossen fragten ihn: „Und Sie, Herr Oberstleutnant?“ Er antwortete: „Ich werde nach Portugal fahren“. Na, fahr doch … solche braucht man in Russland nicht.

[…]

Valentins Flucht (den Nachnamen habe ich leider vergessen): An irgendeinem Tag wurden wir nicht zur Arbeit getrieben. Lebhaftigkeit bei der Wache. Das Mittagessen wurde vorzeitig gebracht, war auch etwas besser als sonst. An diesem Tag führte man uns irgendwohin. Wir merkten, dass die Nazis etwas vorhatten. In einem großen Hof waren auch Arbeiter aus anderen Betrieben und ein Wlassow-Russe sprach von einer Bühne das hohe Lob auf die deutsche Armee und auch auf die Wlassow-Armee und rief uns auf, in diese einzutreten. Nur wenige waren dazu bereit, darunter auch aus unserer Mannschaft der Valentin. Wir wurden zurück gebracht und unsere Gefangenen haben ihm Vorwürfe gemacht. Er aber sagte: „Ich wollte fliehen und ich werde fliehen, ihr aber werdet hier verfaulen“. Valentin war ein Berufsoffizier, ein Oberleutnant. In der sowjetischen Armee war er Bodenturner, Und auch in der Gefangenschaft sah sein Körper gesund aus. Wegen irgendeiner Kleinigkeit wollte ihn einmal ein deutscher Polizist mit seinem Knüppel schlagen (ich habe so etwas nie gesehen, weiß auch nicht, wie es heißt – in einem kurzen Rohr ist eine gespannte Feder. Wenn man auf einen Knopf drückt, kommt aus dem Rohr eine ca. 60–70 cm lange Feder, mit der wird geschlagen.) Valentin fasste ihn an der Hand, drehte sie um und ließ ihn stehen. Der Polizist fing laut an zu brüllen, zog die Pistole. Die große Halle wurde auf einmal still, die Arbeit stoppte. Alle Gefangenen gingen zur Stelle des Konflikts. Man hörte nur das Schleifen der Holzschue [Original deutsch]. Es folgte eine Schweigepause und nach kurzer Zeit kam eine Gruppe bewaffneter SS-Männer. Sie gingen etwas abseits, sprachen mit dem Chef und verließen die Abteilung. Die Arbeit ging weiter. Nach einiger Zeit besorgte sich Valentin Schuhe (die Ost-Arbeiter halfen), konnte unbemerkt in die Nachbarabteilung verschwinden. Wir haben ihn nicht mehr gesehen, haben vermutet, dass er sich unter die Ostarbeiter gemischt hat und aus der Halle auf den Hof verschwand. So ist Valentin geflohen.

Es gab viele Fluchten. Auf dem Mantelrücken hatten wir grelle, ca 15–20 cm große Buchstaben SU. [Original deutsch] Die gleichen Buchstaben auf den Hosen, über den Knien. Wenn man erwischt wurde, wurden die Flüchtlinge verprügelt, in den Karzer gesteckt und … ich weiß es zwar nicht, kann es nur vermuten. Ich bin nicht geflohen – hatte schlechte Augen und schlechtes Gehör, die Defekte könnten sich vermehren.

Einmal wurden wir bombardiert – von wem, wussten wir nicht – und um die 150 Mann waren umgekommen. Es gab keine Schutzräume, und unweit von uns war ein Sauerstoffwerk und ein Werk, das die „Tiger“-Panzer fertigte – die Maschinenfabrik Augsburg-Nürnberg, Abkürzung: MAN.

Im Betrieb wurden wir öfter der Sabotage beschuldigt – als Strafe bekamen wir im Lager "Gänselaufen". Wer es nicht aushielt, fiel um. Die Soldaten verprügelten sie, brachten sie mit Fußtritten „zum Stehen“. Und noch eine Lagerstrafe: wir wurden in Reihe aufgestellt und jeder 10., 20., 30. musste vortreten. Sie wurden weggeführt und wir sahen sie nie wieder. Es wurde gesagt, sie seien irgendwo erschossen worden. Und die Übriggebliebenen sollten überlegen, wie man für die Faschisten arbeiten soll. Wir überlegten!!

Sehr hart waren die Strafen für die Kriegsgefangenen, die bei MAN arbeiteten. Manchmal trafen wir sie. Voraus ging ein Polizaj in Uniform eines Majors der Sowjetarmee mit einem dicken Stock und hinter ihm die Gefangenen, jeder hatte am Hals 4 gebrannte Ziegelsteine. Ohne Steine ging nur der Polizaj. Wie sie befestigt wurden, weiß ich nicht, habe nur gesehen – je 2 Ziegel an jeder Seite. Die Faschisten haben sich irgendeine Vorrichtung zum Ziegelhalten ausgedacht.

Einmal kam auf mich im Lager ein deutscher Wachmann zu und fing an schnell und aufgeregt etwas zu erzählen. Anfangs habe ich nichts verstanden, konnte nur einige Worte in Ukrainisch, Russisch, Deutsch mitbekommen. Habe begriffen, er sei aus Ostpreußen und warnte uns, dass wir bald weggebracht werden und es uns sehr schlecht ergehen werde. Habe es den Genossen erzählt, damit es weitergegeben wird. Nach diesem Gespräch mit dem Wohlgesinnten gab es noch einen blutigen Bombenangriff der Alliierten. Überführung in ein anderes Lager am Rand Nürnbergs, in eine mit Stacheldraht eingezäunte Schule. Wir Gefangene mit Furcht in der Seele, in Holzschuen [original deutsch] und abgemagert gingen dahin, wohin uns die Wache führte. Ich wusste, dass einige Schlagringe hatten, den anderen wurde gesagt, nehmt euch auf alle Fälle irgendetwas (schwere Schrauben, Muttern und anderes) in die Tasche. Es wurde auch gemunkelt, dass im Wald viel Militär ist, sodass wir mit Angst gingen. Auf einmal sahen wir drei Flugzeuge. Alle warfen sich auf den Boden. Es sah so aus, als ob die Flugzeuge auf uns zuflogen. Dann ein Schrei: Das sind […] die Alliierten. Die Anspannung nahm ab. Die Flugzeuge begleiteten uns recht lange und die Wache wurde wesentlich freundlicher. Nach einiger Zeit noch ein Schrei: Panzer. Wir strebten auseinander, einige legten sich auf den Boden. Und noch ein, diesmal freudiger Schrei: „Das sind doch Neger.“ Die deutsche Wache flüchtete, wir bekamen zu Essen, auch Zelte und es wurde gesagt, man wird uns bald mit Autos nach Nürnberg bringen und dann in die SU, in die Heimat schicken. Ich war zu schwach, um irgendwohin zu gehen. Die, die noch munter waren, gingen in die nahe gelegene Stadt Eichstätt. Dorthin wurden auch die Gefangenen gebracht, die in Nürnberg bei MAN arbeiteten.

Die MAN-Gefangenen haben in Eigenjustiz ihren „Polizisten“ hingerichtet; die von Siemens haben den Lagerkommandanten und den Soldaten, der sie beim „Gänsemarsch“ mit Füßen verprügelte auch gefunden und hingerichtet. „Dem Hund ein Hundetod.“ Dem deutschen Kommandanten aber, der sagte, er sei Lehrer und nicht bereit, Gefangene zu bestrafen, sie sind ohnehin bestraft (er wurde bald von uns weggebracht, vielleicht hat ihn jemand denunziert), wenn er noch am Leben ist, so gebe ihm Gott Gesundheit und Lebensfreude. […]

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Es folgen noch längere Schilderungen und Gedanken zur Nachkriegszeit. Wer den vollständigen Brief lesen will, möge es uns mitteilen. E. Radczuweit.

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